Winterschläfer haben Kälteschutz für das Herz

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Wiener Forscher entdecken einen Stoffwechselweg mit hohem medizinischem Potenzial. Murmeltiere lagern in ihre Zellmembranen eine ungesättigte Fettsäure ein, die das Herz trotz tiefer Temperaturen schlagen lässt.

Wenn die Körpertemperatur eines Warmblüters zu tief sinkt, auf 15 Grad, droht der Kältetod: Das Herz bleibt stehen, weil in seinen Muskelzellen der Transport von Kalzium nicht mehr funktioniert. Denn in der Kälte arbeitet das zuständige Enzym Serca zu langsam. Aber nicht bei allen: Winterschläfer, Murmeltiere etwa, können ihre Temperatur unbeschadet auf zwei Grad senken: „Sie lagern in ihre Zellmembranen eine ungesättigte Fettsäure ein – Omega-6 –, die dafür sorgt, dass Serca trotz tiefer Temperaturen das Herz gut schlagen lässt“, berichtet Walter Arnold (Wildtierkunde Vet-Med Wien) der „Presse“.

Er hat es mit seinen Mitarbeitern an frei lebenden Murmeltieren erkundet: „Sie bereiten sich in den letzten zwei Wochen vor dem Winterschlaf dadurch vor, dass sie ihre Organe komplett umbauen“, erklärt der Forscher: „Sie holen aus dem Körperfett Omega-6-Fettsäuren, die sie im Sommer eingelagert haben, und verfrachten sie in ihre Organe.“ Beim Erwachen im Frühling machen sie alles wieder rückgängig. Warum? Warum hält Omega-6 das Herz nicht immer in Schwung? Warum werden die Körper stattdessen so warm, dass das Herz gut schlägt? Weil ungesättigte Fettsäuren beim Entstehen freier Sauerstoffradikale mitwirken können, die Zellen angreifen. „Zur Abwendung des Risikos wird die Temperatur auf 37 Grad hochgefahren“, spekuliert Arnold: „Vielleicht ist das der Grund für die Evolution der Warmblütigkeit.“

Hilfe gegen plötzlichen Herztod?


Keine Spekulation hingegen ist Arnolds „Fund eines völlig neuen Stoffwechselwegs, an den noch keiner gedacht hat: Unsere Daten erzwingen den Schluss, dass es einen spezifischen Fettsäuretransport vom Körperfett in die Organe geben muss“ (PLoS One, 13. 4.). Das wäre eine Revolution: Diese Fettsäuren können wir nicht produzieren, wir nehmen sie mit der Nahrung auf. Und bisher gehen Ärzte und Ernährungsberater davon aus, dass wir auch ihre Verteilung im Körper nur über die Nahrung steuern können. Aber wenn die Murmeltiere sie rasch zwischen Fett und Organen hin und her schieben können, dann können wir das wohl auch. Und das hätte Konsequenzen für die Medizin: Im Spätwinter bleiben mehr Herzen stehen als sonst, es hängt vermutlich mit zu viel Omega-6 (bzw. zu wenig Omega-3) zusammen. Vielleicht könnten die Murmeltiere einen Weg weisen, diesen Omega-6-Überschuss rechtzeitig aus den Herzen zu bringen. jl

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