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"Mist gebaut": Die Silberblase der Brüder Hunt

Silberblase Brueder Hunt
(c) Reuters (Lisi Niesner)

1980 trieben die Brüder Hunt den Silberpreis auf 50 Dollar je Feinunze. Dann platzte eine der größte Rohstoffblasen der Wirtschaftsgeschichte.

Nach dem Knacken der 40-Dollar-Hürde nimmt Silber Kurs auf das Allzeithoch von 50 Dollar. Experten sind sich sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Rekord fällt, berichtete "Die Presse" vor einer Woche. "Für viele scheinen die 50 Dollar ausgemachte Sache zu sein", meinen "Financial Times Deutschland" zufolge auch die Experten des auf Rohstoffe spezialisierten Vermögensverwalters Tiberius Asset Management. Innerhalb eines Jahres habe sich das Edelmetall um 88 Prozent verteuert, seit Jahresbeginn um 25 Prozent.

Da werden Erinnerungen an das Jahr 1980 wach, als die Brüder Hunt durch Spekulationen den Silberpreis auf das bis heute gültige Rekordhoch von 50,35 Dollar trieben, ehe die Silberblase platzte. Doch was war damals geschehen?

Tiefes Misstrauen gegenüber Papiergeld

In den 1920er Jahren erwarb Harold Lafayette Hunt, genannt "Arizona Slim", seine Lizenz zum Ölbohren am Spieltisch. Hunt war bekannt als genialer Pokerspieler. Zuvor hatte er sich als Farmarbeiter und Holzfäller durchgeschlagen. Die Entdeckung des bis dahin größten Ölfelds im texanischen Kilgore machte ihn einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge zum reichsten Mann Amerikas - noch vor den Rockefellers und Morgans. Nach seinem Tod 1974 übernahmen die Söhne Nelson Bunker und William Herbert die Geschäfte.

Neben all dem Reichtum erbten die Brüder vor allem eines von ihrem Vater: Das Misstrauen gegenüber dem "Papiergeld". Angesichts der gerade erst abgeschafften Goldbindung der US-Währung waren die Hunts davon überzeugt, dass sich die steigende Inflation zu einer Hyperinflation auswachsen werde. Da zu diesem Zeitpunkt privater Goldbesitz noch verboten war, konzentrierten sich die reichen Brüder auf ein anderes Edelmetall: Silber.

Die Brüder bunkerten das Silber

Anfang der 1970er Jahre kauften die Hunts 200.000 Unzen Silber. Als sich der Preis binnen drei Jahren auf drei Dollar je Feinunze verdoppelte, rochen sie Lunte. 1974 hielten die Brüder bereits 55 Millionen Unzen Silber. Das entsprach damals laut "Süddeutscher Zeitung" in etwa acht Prozent der gesamten Weltvorräte. Der Silberpreis stieg auf sechs Dollar.

Ungewöhnlich war vor allem eines: Die Brüder ließen sich das Silber physisch ausliefern. Ihre Angst: Der Staat könnte das Silber konfiszieren. Also brachten sie es außer Landes: Vor allem in die Schweiz. Ein großer Teil der Weltvorräte lagerte - auf diverse Tresore verteilt - in Zürich.

Spekulation auf Pump

Als die Hunts 1979 weitere 40 Millionen Unzen Silber erwarben, verdoppelte sich der Preis auf 16 Dollar. Offenbar gaben sich die Brüder nun nicht mehr damit zufrieden, Silber als Inflationsschutz zu verwenden. Sie wollten nun den Preis diktieren - auch dadurch, dass sie dem Markt verfügbares Silber entzogen. Dafür reichte aber auch ihr Vermögen nicht aus.

Folglich geschah etwas, was jeder von der aktuellen Finanzkrise kennt: "Nachdem Allianzen mit dem Schah von Persien und dem saudischen König Faisal nicht zustande kamen, kauften sie immer mehr auf Kredit. Als Sicherheit setzten sie ihren schon vorhandenen Silberschatz ein", schreibt die FAZ.

Im Besitz von 15 Prozent der Silbervorräte

Indes war die Marktmacht der Hunts weiter gestiegen. Die Brüder verfügten bereits über 15 Prozent der weltweiten Silbervorräte. Das machte die Betreiber der Rohstoffbörsen in New York und Chicago nervös. Ihre Silbervorräte in den Lagerhallen waren so geschrumpft, dass sie bei ihren Lieferverpflichtungen in Probleme gerieten. Deshalb versuchten sie mit den Hunts zu verhandeln und Teile des Silbers zurückzukaufen, doch diese stellten sich stur.

Die Chicagoer Terminbörse änderte daraufhin ihre Regeln. Kein Einzel-Investor durfte mehr als drei Millionen Silber-Konktrakte halten. Alles, was darüber hinausging musste bis Ende Februar 1980 verkauft werden. Doch die Hunts kauften weiter Silber und der Preis stieg auf 30 Dollar. Daraufhin verschärfte auch die New Yorker Terminbörse ihre Vorgehensweise: Ein Investor durfte nur mehr maximal zehn Millionen Unzen halten.

Der "Silver Thursday"

Als der Silberpreis Anfang 1980 auf über 50 Dollar kletterte, zog die New Yorker Rohstoffbörse die Notbremse. Der Kauf von Silber in größeren Mengen wurde verboten. Nur noch der Verkauf war erlaubt. Viele Anleger stiegen entnervt aus dem Silbermarkt aus. Die Folge: Bis Mitte März 1980 fiel der Silberpreis auf rund 21 Dollar. Daran konnten auch die Durchhalteparolen von Nelson Hunt nichts mehr ändern, der davon sprach, der Silberpreis werde bald auf bis zu 300 Dollar steigen.

Ende März waren die Brüder gezwungen, Silber im Wert von 100 Millionen Dollar zu verkaufen. Der 27. März 1980 ging dann als "Silver Thursday" in die Geschichte ein. Silber eröffnete bei 15,80 Dollar und schloss bei 10,80 Dollar je Feinunze. Das war ein Wertverfall von über 30 Prozent an einem Handelstag. Das war auch für die Hunts zu viel.

Der Fehler: Zu viel Fremdkapital

Die Börsenverantwortlichen beschäftigte vor allem eine Frage: Was passiert, wenn die Hunts auf einen Schlag ihr Silber loswerden wollen? Unter dem damaligen US-Notenbankchef Paul Volcker wurde ein Bankkonsortium gegründet, das den Hunts mit einem Kredit von 1,1 Milliarden Dollar aushalf, schreibt die "FAZ". Die Hunts verpfändeten den Großteil ihres Privatvermögens und verpflichteten sich, ihre Silbervorräte bis 1990 geordnet zu verkaufen. 1988 wurden sie wegen Verschwörung zur Manipulation des Marktes verurteilt.

Torsten Dennin kommt in seinem Buch "Lukrative Rohstoffmärkte. Ein Blick hinter die Kulissen" zu einem interessanten Schluss: "Der Fehler der Hunts lag im Einsatz von zu viel Fremdkapital, wodurch sie von Banken und Terminhändlern abhängig wurden; ansonsten hätten sie den Absturz des Silberpreises aussitzen können, ohne so massiv Positionen auf den Markt werfen zu müssen."

"Mist gebaut"

Skurriles Detail am Rande: Nelson Bunker Hunt gab einigen seiner über 700 Rennpferde Namen wie "Brauche Kleingeld" oder "Mist gebaut", wie "Der Spiegel" 1980 berichtete. So als hätte er seinen späteren Absturz vorhergesehen...