Ein Taxifahrermonolog am Weg zur Christusstatue von Rio – und das abrupte Ende der Fahrt, verursacht von einer scharfen Kokosnuss.
„So ein Schwachsinn, wenn der Typ da vorne hupt, ich kann mich ja nicht in Luft auflösen. Idiot! (Lauter:) Desculpe, Senhora! Ich steh nur provisorisch am Zebrastreifen … mit einem ausländischen Fahrgast! Er möchte zum Cristo Redentor, zu unserer Christusstatue. Sie sehen, ich bin nicht in persönlicher Mission …
(Leise:) Wollen Sie wirklich zum Cristo? Ich meine, viele Touristen meinen, es sei gefährlich. Blödsinn, ist es nicht. Ich will niemandem Angst machen. Rio ist ungefährlicher, als man denkt. Ein paar Wahnsinnige gibt es, wie überall … Bei uns tragen sie leider Waffen.
Schauen Sie, es ist von großer Bedeutung, dass Sie heil zurückkommen. Das ist auch mir ein Anliegen. Machen wir das einfach so: Wir drehen den Taxameter aus, ich fahre Sie zum Cristo Redentor nach oben, anschließend zurück, Sie zahlen 100 Reais, in Ordnung? Was sind Sie von Beruf? Wie? Journalist – oh, Gott!
Ich selbst war 1974 das letzte Mal am Cristo Redentor … Verdammt, wie kommt man da hin? Ich frage den Kollegen, der da vorne parkt … oder gleich die Senhora hier, hübsche Biene, Sie kennen das, die tollen Mädels von Rio … (Lauter:) Wo geht’s zum Cristo? (Leiser:) Naja, die antwortet nicht. (Lauter:) He, Sie das vorne! Zum Cristo geradeaus? (Leiser:) Alle deuten in die gleiche Richtung, oder?
Also Journalist? Ich halte nicht viel von Politik. Es ist ein schmutziges Geschäft. Vorsicht! … Idiot. Könnte hupen, wenn er da um die Kurve kommt.
Hören Sie die Schüsse, da drüben, auf der anderen Seite der Hügel? In den Favelas herrscht Krieg. Ich bin da nie drin, aber man liest in der Zeitung von den Bandenkämpfen … total gefährlich. Bitte sehr, da oben sehen Sie schon Cristo Redentor, unseren Erlöser! Drei, vier Kurven noch … was ist das? (Bumm!) Was ist …, was … (Laut:) Oje oje oje, jetzt hat es den Reifen zerrissen! Uiiiiii! Hat es mir da doch tatsächlich den Reifen zerrissen! Wegen dieser verdammten Kokosnuss. Haben Sie die gesehen, ich dachte, ich fahre vorbei an ihr. Die Kokosnuss, mitten auf der Fahrbahn. Rollt in meine Richtung. Ich weiß nicht, welche Leute Kokosnüsse mitten auf die Fahrbahn schmeißen! Entschuldigen Sie vielmals, wir müssen rechts ran.
Von draußen:) Da ist nichts zu machen, Herr Journalist! Sie müssen aussteigen. Die Kokosnuss war scharf wie ein Messer und hat mir in den Reifen, in den Vorderreifen! … geschnitten. Reifenwechsel … Wie geht das nur? Wir brauchen Hilfe. Den da, den halte ich an, den Kollegen da.
(Laut:) Halt! Halt! Haaalt! (Leiser:) Verdammter Hurensohn, fährt einfach weiter. Aber da, der da, der nächste. Nicht alle Kollegen sind unfreundlich … (Laut:) Kollege, schau, mir hat eine Kokosnuss … dort liegt sie, also, mein Reifen ist kaputt! (Leise:) Ah, der bleibt stehen, ah, der hat sogar einen Fahrgast. (Laut:) Ich bin hier mit einem Ausländer unterwegs zum Cristo Redentor, und mitten auf der Fahrbahn eine Kokosnuss, scharf wie ein Messer … (Leise:) Wo hat man das schon gehört!“
Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele, www.amanshauser.at