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Libyen: „Alles super, alles gut in Tripolis“

(c) EPA (MANU BRABO)
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Nato-Bomben fallen auf Tripolis, doch die Märkte sind voll und die Leute scheinbar ohne Sorgen. Nachrichten aus der Hauptstadt der Propaganda. Im Souk schlendern die Menschen. Alles ist zu haben.

Sie wohnen idyllisch am Meer in Ferienwohnungen, in denen man sofort Urlaub machen möchte. Vor dem Haus ein Garten mit Schaukeln für Kinder. Aber die rund 200 Menschen, die in diesem Hotelkomplex nahe dem Hafen von Tripolis untergebracht wurden, sind nicht in Urlaubsstimmung. Sie haben Schlimmes zu berichten, was man deutlich in ihren Gesichtern lesen kann.

Die Erwachsenen und Kinder flohen aus der Rebellenstadt Misrata, die von Truppen Gaddafis eingekesselt ist. Seit vier Wochen steht sie unter Beschuss, es gibt harte Straßenkämpfe. Von Dächern feuern Scharfschützen. „Wir sind durch die Hölle gegangen“, sagt Ahmed, ein junger Mann. „Gewalt, wie man sie sich nicht vorstellen kann.“ Sie seien normale Leute gewesen, fällt eine Frau ein, „und plötzlich erlebten wir Dinge, für die es kaum Worte gibt. Vor unseren Augen wurden viele erstochen.“

 

Video von einer Köpfung

In einem Appartement serviert ein Familienvater Kaffee, bevor er ein Handyvideo zeigt. Darin wird einem am Boden liegenden Mann mit einem Messer der Kopf abgeschnitten, was sonst nur extreme Islamisten tun. Man kann es kaum anschauen. „Das sind Rebellen, die das einem Soldaten antun“, meint der Vater zweier Kinder. Seine Frau nickt, aber ob er die Wahrheit spricht, ist unüberprüfbar.

Zweifel ist angebracht, wie stets im Krieg, wenn die Feinde einander der Gräueltaten zeihen. Das Regime hier ist bekannt für seine Propagandamaschine, zumal der Hauptfokus der internationalen Medien dem befreiten Bengasi gilt. Zuletzt versuchte Vizeaußenminister Khaled Kaim, Rebellen und Islamisten in einen Topf zu werfen, als er ohne Beweise behauptete, die schiitische Hisbollah aus dem Libanon würde in Misrata gegen die Armee kämpfen. „Das wissen auch die USA und Großbritannien.“

Der Grüne Platz in Tripolis, auf dem sich Gaddafi jubelnden Anhänger zeigte, ist am Mittwochnachmittag jedenfalls fast leer. Als TV-Teams angesagt sind, füllt er sich. Poster und Fahnen werden verteilt, auch die Gaddafi-Bibel, das „Grüne Buch“. Vor einer Videoleinwand wird getanzt und skandiert. Kaum sind die Journalisten weg, leert sich der Platz von den scheinbar so kampfbereiten Menschen.

 

„Wir bauen alles selbst an“

Sonst ist vom Bürgerkrieg hier nichts zu spüren. „Alles super, alles gut in Tripolis“, hört man von Taxlern oder Passanten. Tatsächlich: Die Läden sind offen, auf den Straßen chaotischer Verkehr, den Verkehrspolizisten, wie in anderen arabischen Großstädten, vergeblich zu regeln versuchen. Die blau Uniformierten sind sie einzigen sichtbaren Vertreter der Staatsgewalt. Keine Straßensperren, kein Militär.

Im Souk schlendern die Menschen. Alles ist zu haben. Das Kilo Tomaten für 60 Cent, ein Bündel Knoblauch für 50. „Wir haben alles billiger gemacht, indem wir die Importsteuern senkten“, so Finanzminister Abdulhafid Zlitni. Trotz der UN-Sanktionen sieht er keine Nachschubprobleme für Nahrungsmittel. „Wir erwarten eine Ernte von 400.000 Tonnen Getreide und bauen alles, ob Tomaten oder Kartoffeln, selbst an.“

Langfristig könnte es Probleme durch die im Ausland eingefrorenen Konten Libyens im Gesamtwert von 120 Milliarden Dollar geben. Bisher verweigerten 45 internationale Banken den Zugriff und erschwerten so Einkäufe. „Aber Allah sei Dank gibt es Banken, mit denen wir problemlos zusammenarbeiten“, meint der kleine Mann mit hintergründigem Schmunzeln.

Auf der Libyen-Konferenz am Dienstag in Katar wurde erwogen, der Opposition Geld aus den gesperrten Konten für Waffenkäufe zu geben. Waffenlieferungen bekommen die Rebellen bereits aus Katar, dem einzigen arabischen Land, das bisher die Übergangsregierung in Bengasi anerkennt. Der Golfstaat stellte unter anderem „Milan“-Panzerabwehrraketen zur Verfügung.

 

„Defensive Waffen“ für Rebellen

Katars Premier Sheikh Hamad bin Jassem sagte, das stehe nicht im Widerspruch zu den UN-Sanktionen. Die Raketen seien nur „defensive Waffen“. Katars Haltung wurde von den meisten Mitgliedern der 21 Nationen umfassenden Libyen-Kontaktgruppe unterstützt.

In Tripolis gab es am Donnerstag wieder Luftangriffe der Nato. Die Detonationen waren überall zu hören, und auch das Flakfeuer. Doch es sei „alles super in Tripolis“, sagen die Taxifahrer.

Hintergrund

Die Militäraktionen der Nato gegen Libyen gingen auch am Donnerstag weiter. Die Angriffe sind aber spärlicher als in den ersten Wochen, vor allem die Initiativ-Mächte Frankreich und Großbritannien fürchten, dass Gaddafi so nicht zum Abgang zu zwingen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2011)