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Uraufführung: Saufen, Sex & Volkstheater

(c) Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

"Grillenparz" weckt im Wiener Schauspielhaus große Hoffnungen, die das Finale des Stücks jedoch nicht ganz erfüllt. Aber viel Talent ist da. Max Mayer spielt den erdigen Herrn Fischer, der wie ein Zombi wirkt.

Lebt er noch? Im Gang zum Zuschauerraum des Wiener Schauspielhauses liegt ein Mann am Boden, er ist mit Erde bedeckt. Man muss an dieser Installation vorbei, um zur Uraufführung von „Grillenparz“ (ein Hügel in der Nähe von Linz heißt tatsächlich so) zu gelangen. Drinnen wird man mit einer primitiven Holzhütte konfrontiert, die die Bühne (Jessica Rockstroh) bis auf einen schmalen Streifen ausfüllt. Nach der Hälfte werden die Zuseher in diese Almhütte gebeten, wie zu einem rustikalen Event mit Biertischen und Bänken.

Die Tiroler Regisseurin Nora Schlocker (*1983) lässt also das Publikum in dem poetischen und rustikalen Volksstück des Dramatikers Thomas Arzt (*1983), das am Donnerstag uraufgeführt wurde, mitarbeiten – denn im zweiten Teil wird ein Betriebsfest gefeiert, und da ist man mittendrin im Treiben der Schauspieler. Dicht an dicht sitzt man dort, aber das Stück ist nun leider nicht mehr so dicht wie am Anfang. Es franst aus, wird unübersichtlich, zieht sich. Das trübt den positiven Gesamteindruck: Sowohl der Autor als auch die Regisseurin zeigen viel Talent, das Ensemble spielt wie gewohnt mit viel Elan und Überzeugungskraft. Dieses poetische, geheimnisvolle Volksstück ist jedenfalls sehenswert.

Primus inter pares ist Max Mayer. Ja, er lebt scheinbar noch, der erdige Mann von draußen, ein Jäger, der mörderisch schaut und zielt, der wie ein Zombie wirkt. Er hat ein Geheimnis. Wenn er den anderen totes Wild aufdrängt, beginnen sie zu zittern. Er bringt Unruhe ins Symposion am Fuß des Grillenparz, das recht einfachen Zwecken dient: „Saufen, aber kontrolliert, bis zum Umfallen“, Sex, jeder mit jeder, und ein Abschluss mit deutschen Investoren.

 

Flora lockt an den Bach

Übers Geschäft reden die zielstrebige Managerin Hirsch (Barbara Horvath) und Betriebsrat Stieringer (Thiemo Strutzenberger), ehe auch sie sich näherkommen. Sie sind nervös, während das mittlere Management (Vincent Glander als Winni und Veronika Glatzner als Bambi) vor allem scharf auf Alkohol und das Zwischenmenschliche sind, das die Arbeiterin Flora (Franziska Hackl ist die Entdeckung dieses Abends) unverstellt sinnlich zeigt. „Du tanzt wie eine Hur“, sagt Winni, als Flora ihn zu einem intimen Rendezvous unten am Bach einlädt, wie im Vorjahr, und da entlädt sich bereits mächtig viel Aggression, als ob dieser Bach ein verwunschener Platz wäre.

Die seltsamen Monologe des Jägers verstärken diesen Eindruck des Unheimlichen. Sie sind bizarr und poetisch, ein Kontrapunkt zu den lustigen und derben Gstanzln, mit denen das Quintett von Anfang bis Ende aufwartet. Sie evozieren das Grauen, das dann tatsächlich eintritt. Oder wird daran nur erinnert? Ertränken, erschießen, erschlagen gehören ebenfalls zum Repertoire dieses Anti-Idylls, das in kurzen Ansätzen, aber nicht zu aufdringlich, Ausland und Heimat, Kapital und Arbeit anklingen lässt. Diese großen Themen aber, das magisch Fremde und das scheinbar Vertraute verlieren sich in einer verwickelten Handlung. Am Ende ist das Geschäft abgeschlossen, die Leichen bleiben im Keller und die Nacht am Grillenparz ist nur noch schwache Erinnerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2011)