Geballte Ladung Melodram in St. Pölten

Geballte Ladung Melodram Poelten
Geballte Ladung Melodram Poelten(c) NÖ-Landestheater/Rafael Martin
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„Melodramen“: Musik und Geschichten der Romantik mit Leonskaja, Kirchhoff: dramatisch, etwas viel.

„Melodramen" hieß ein Gastspiel des Berliner Ensembles im NÖ-Landestheater in St. Pölten, das dem Sprechgesang gewidmet war. Bevor das Melodram zum Schimpfwort verkam, war es eine eigene Kunstgattung. Elisabeth Leonskaja begleitet Corinna Kirchhoff akzentuiert am Bösendorfer-Flügel. Manchmal hüpft die Pianistin von ihrem Hocker in die Höhe, wenn es besonders wild wird bei Musik von Schumann bis Richard Strauss und Texten von Shelley bis Lenau.

Begonnen wurde die Aufführung mit „Enoch Arden" von Alfred Lord Tennyson, vertont von Richard Strauss: Ein Seemann stirbt an gebrochenem Herzen, nachdem er, lange abwesend und zurückgekehrt, seine Frau mit einem anderen verheiratet findet. Ein wesentliches Element dieses Stückes ist Naturmystik, die an „Die Alpen-Symphonie" erinnert.

Reicher Stoff für Pathos-Fans

Es folgt Hebbel, vertont von Robert Schumann: „Schön Hedwig" angelt sich einen Ritter, der „Heideknabe" sieht seinen Tod im Traum voraus und kann ihn doch nicht verhindern. „Der traurige Mönch" (Liszt/Lenau) wäre, verfilmt, eine tolle Fantasy-Geschichte - und auch die schöne „Lenore" (Liszt/Bürger) wird ins Totenreich gerissen, vom Geliebten, der sie als Geist heimsucht.

Das Etikett „Melodram" ermöglicht ein Pathos, das heute am Theater eher verpönt ist. Kirchhoff scheint es zu genießen, das Publikum im übrigens schütter besetzten Saal hemmungslos mit dem theatralischen Urstoff bombardieren zu können: mit heftigem Deklamieren, expressiver Gestik, herumgeworfenem Blondhaar. Manchen wurde das zu viel: „Furchtbar düster", „interessant, aber mühsam" hieß es in der Pause. Kirchhoff ist aber natürlich keine antiquierte Primadonna des Wortes: Da sitzt jeder Ton, macht seine eigene Musik. Gelegentlich blitzt Ironie auf: Mehr als passend angesichts des jede emanzipatorische Regung verhöhnenden Stoffes. In diesen Texten ist die Frau vor allem die Schöne, Züchtige oder leise Kokette, die den Mann anhimmelt bzw. Kinder und Herd hütet. Das stört aber interessanterweise kaum. Wenn man sich einlässt, erlebt man eine echte Entführung in eine andere Welt. Wer jetzt etwas von Eskapismus murmelt, hat nicht recht. BE-Dramaturg Hermann Beil scheint das teilweise leicht verschrobene Unternehmen betreut zu haben, das indes zum guten Schluss einen Lernprozess in Sachen Melodram bewirkt. Ein Abend, der gerade durch seine bizarre Aura besticht. Wer sich in die Sache ernsthaft vertiefen möchte, dem sei Rüdiger Safranskis Buch „Romantik - eine deutsche Affäre" (Hanser) empfohlen.

„Melodramen" ist am 24. 5. im Akademietheater zu sehen

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