Mit der Auszeichnung Wien Couture für herausragende Handwerksbetriebe und der Dachmarke "Wiener Modemacher" bemüht sich die Landesinnung um ein geschärftes Profil.
Der Frisör und der Schneider sind diejenigen, so geht wenigstens die Redensart, die am besten über das Privatleben ihrer Kundschaft informiert sind. Beim Haare hoch- und Bluse abstecken kommt man schließlich ins Reden – und beim Reden kommen die Leute zusammen. Während freilich Frisuren weiterhin in Form gebracht werden wollen, hat sich das mit dem Gang zum Schneider in den letzten Jahrzehnten so ziemlich aufgehört. Vorbei die Zeit, als der Besuch im Maßsalon für jeden erschwinglich und weitverbreitet war. Industriell gefertigte Massenware etablierte eine nicht zu unterbietende Preisklasse, während im hochpreisigen Segment dank gewiefter Marketingstrategien viele ihr Geld lieber für Luxuskonfektion als für Maßkleidung ohne Bling-Effekt ausgaben. In dieser Liga soll nun verlorener Boden gutgemacht werden: So macht die Wiener Innung für Mode und Bekleidungstechnik mit einer Dachmarke und einer Auszeichnung für Best-Practice-Betriebe vor, wie man durch gezielte Initiativen wieder wettbewerbsfähig werden könnte.
Bezeichnungsdschungel. Erster und durchaus sinnvoller Schritt bei der Flottmachung für ein breiteres Publikum war vor etwa eineinhalb Jahren die Einführung der Dachmarke „Wiener Modemacher“ nach dem Motto: Sperrigkeit, adé. „Das drückt viel besser aus, was wir tun. Innungsbezeichnungen sind aus dem Kammerrecht entstanden, und das merkt man: Sie sind Rechtsbezeichnungen, die amtlich gebraucht werden. Um unsere Mitglieder bestmöglich zu betreuen und sie zeitgemäß nach außen auftreten zu lassen, war uns das Einführen der Dachmarke ein Anliegen“, bringt Maria Smodics-Neumann, Landesinnungsmeisterin für Mode und Bekleidungstechnik, ihr Engagement auf den Punkt. Es ist zwar interessant zu erfahren, dass seit der letzten Kammerreform die genannte Wiener Innung die vier Berufsgruppen Bekleidungsgewerbe, Kürschner, Sticker-Stricker-Wirker und Textilreiniger umfasst, irgendwie ist das Wissenswerte manchmal aber auch ein bisschen verwirrend. Für Medienvertreter und Endverbraucher ist sicherlich die Information leichter zu verdauen, dass 60Kürschner und 636Bekleidungsgewerbemitglieder gemeinsam als „Wiener Modemacher“ auftreten. „Den Betrieben“, so Smodics-Neumann weiter, „bieten wir mit der Dachmarke Hilfestellung bis zu ihrer Entwicklung einer eigenen CI. Sie können das Logo der Modemacher verwenden und zum Beispiel Einkaufstaschen über die Innung bestellen.“
Als Auszeichnung, die für besonders hochwertige Fertigung steht, wurde in einem weiteren Schritt die „Wien Couture“-Gruppe innerhalb der „Modemacher“ ins Leben gerufen. Diese Bezeichnung darf nur führen, wer genau definierten Qualitätsansprüchen genügt (professionelle Corporate Identity, wirtschaftlicher Erfolg, Dauer der beruflichen Tätigkeit) und für tadelloses Handwerk bürgt, das vor wenigen Tagen im Rahmen einer Preisverleihung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Hier wurde also innerhalb des Gewerbes eine Spitzenliga eingerichtet, die, vielleicht gar analog zur Pariser „Haute Couture“, auf eine Wiener Tradition rekurrieren soll. „Gott sei Dank gibt es Nachwuchs“, freut sich Patrizia Fürnkranz-Markus, Innungsmeisterin der Berufsgruppe Bekleidungsgewerbe in Wien. „Diesen jungen Leuten müssen wir zeigen, dass man durchaus gut vom Gewerbe leben kann.“
Neue Kundenkreise. Darüber hinaus lässt sich in Wien auf eine nicht wenig illustre Tradition zurückblicken, deren letztes internationales Aushängeschild Fred Adlmüller war. „Wien Couture“-Finalistin Veronika Zwerger absolvierte bei ihm in den Achtzigerjahren ihre Lehrpraxis und gibt sich überzeugt: „Noch ist das Anknüpfen an diese Tradition möglich, weil es genug Maßschneider gibt, die die hohe Handwerkskunst gelernt haben und weiterreichen können.“ Ein vorübergehendes Vakuum habe sich bloß im Bereich der Herrenschneiderei aufgetan, meint indes Innungsmeisterin Smodics-Neumann, die selbst an Kunden beiderlei Geschlechts Maß nimmt: „Da sind viele Männer nach einer Pensionierungswelle älterer Kollegen in den letzten Jahren ein bisschen in der Luft gehangen.“ Dabei bestehe, ist sie überzeugt, gerade zu Zeiten härteren Wettbewerbs eher die Notwendigkeit, durch erstklassige Businesskleidung zu überzeugen.
Zufriedenstellend entwickelt sich offenbar, das hört man von vielen Seiten, der Bereich anlassbezogener Damenmode nach Maß – für große Roben, getragen bei Hochzeiten und auf Bällen, sind viele Frauen bereit, ein wenig tiefer in die Tasche zu greifen. „Den Markt für Maßschneiderei hat es immer gegeben, die Frage ist nur, wie viel den Kunden welche Art von Kleidung wert ist“, beurteilt der „Wien Couture“-Finalist Jochen Junger die Lage. „Besondere Anlässe stellen da eine Ausnahme dar.“ Zu bedenken ist außerdem, dass allzu jugendliche Massenware nicht den Erwartungen einer anspruchsvollen und etwas reiferen Klientel entspricht, die, man kennt die demografische Entwicklung, aber im Wachsen begriffen ist: Auch da besteht einiges Potenzial.
Das bestätigt Melitta Rockenbauer, Gewinnerin bei der ersten „Wien Couture“-Gala mit einem Modell, das nun in ihrer Boutique am Schottenring zu bewundern ist. Sie berichtet aus ihrer Praxis: „Viele meiner älteren Kundinnen möchten nicht unbedingt anziehen, was die Konfektion ihnen bietet, auch wenn es den Modetrends entspricht. Besonders bei Ballkleidern ist das so, sie finden zum Beispiel kaum ein Prêt-à-porter-Abendkleid mit Ärmeln, das wollen diese Frauen aber.“ Auch bei ihr besteht am meisten Nachfrage nach anlassbezogener Kleidung, meint Rockenbauer. Und Damen, die sich wie einst, zum Beispiel im Salon der legendären Wiener Modearchitektin Gertrud Höchsmann, ihre ganze Garderobe nach Maß anfertigen lassen? „Einige wenige Kundinnen statte ich komplett aus. Die werden aber weniger, das muss ich ganz ehrlich sagen.“ Eine präzise und zeitgemäße Positionierung, wie sie in Wien versucht wird, ist also jedenfalls ratsam, will man eine Trendumkehr bewirken und zuversichtlich nach vorn blicken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2011)