"Enron": Gespenstisch leuchtet die Wirtschaftswelt

Gespenstisch leuchtet Wirtschaftswelt
Gespenstisch leuchtet Wirtschaftswelt(c) APA/PETER MANNINGER / SCHAUSPIEL (PETER MANNINGER / SCHAUSPIELHAUS)
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Spannendes Spektakel: "Enron" von Lucy Prebble im Grazer Schauspielhaus.

Die neuesten Charts von der Wirtschaftsfront in der Kunst: Platz eins „Wall Street“ (mit Michael Douglas), Platz zwei Elfriede Jelinek mit „Die Kontrakte des Kaufmanns“, Platz drei hatte bis vor Kurzem Kathrin Röggla („Draußen tobt die Dunkelziffer“) inne, aber es gibt eine neue Herausforderung: „Enron“ von der Britin Lucy Prebble, seit Freitag im Grazer Schauspielhaus zu sehen. Gut, das ist jetzt natürlich subjektiv. Das Publikum mochte das Drama über einen der größten Finanzskandale der jüngeren Geschichte nicht so sehr: Die Reihen waren nach der Pause gelichtet. Es wurde über zu wenig Verständlichkeit geklagt und über den ordinären Slang.

„Enron“ behandelt Aufstieg und Zusammenbruch des gleichnamigen US-Energieriesen um die Millenniumswende: Die Verantwortlichen, die mit den originalen Namen vorkommen, sind teils tot, teils hinter Gittern. 22.000 Bedienstete verloren ihren Job und mit dem Aktien-Absturz auch noch ihre Altersversorgung. Mit Luftgeschäften wurden 30 Mrd. Dollar Schulden angehäuft. Auch die Politik war involviert, vor allem die Bush-Dynastie...


Man versteht Zusammenhänge. Prebbleerzählt die Geschichte logisch und linear. Immer wieder sind anschauliche Erklärungen von Anlage-Techniken (Hedgefonds), Bilanztricks eingefügt, meist ohne dass das Tempo leidet. Cornelia Crombholz' Inszenierung ist lebendig und flott. Die Figuren sind aus Fleisch und Blut. Speziell das konkurrierende Pärchen Enron-Präsident Jeffrey Skilling (Sebastian Reiß, grandios!) und Managerin Claudia Roe (Martina Stilp) ist präzis gezeichnet. Stilp wirkt wie eine Mischung aus Catherine Zeta-Jones und Demi Moore. Fantastisch! Gerhard Balluch könnte als CEO etwas gefährlicher sein. Gustav Koenigs als Finanzchef ist ein findiger Technokrat des Systems. Er entwirft die Malversationen und liefert dann seine Chefs zwecks Strafmilderung der Justiz aus. Das riesige Ensemble glänzt in wechselnden Rollen. Sehr originell: Roland Renners illustrative Videos.

Einiges wirkt zu lächerlich und maskeradenhaft. Insgesamt aber: eine spannende, höchst aktuelle, trotz des bitteren Stoffes amüsante Sache, die Brecht mit seinen zugegeben poetischeren Anti-Kapitalismus-Parabeln alt aussehen lässt. Dieses „Enron“ würde man gleich noch einmal anschauen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2011)

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