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Leben mit Tschernobyl: Verlorenes Paradies

Jahre nach Tschernobyl Verlorenes
abandoned kindergarten(c) Dapd (Efrem Lukatsky/AP)
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Touristen suchen den Kick. Wiederansiedler träumen vom normalen Leben in der kontaminierten Zone, die Evakuierten von Pripjat von der Stadt ihrer Jugend: Leben mit Tschernobyl, 25 Jahre nach dem Super-GAU.

Sollen sie es wirklich wagen? Die drei britischen Touristinnen sehen einander verunsichert an. Es wird tatsächlich keine, wirklich keine Versicherung abgeschlossen? „No“, sagt der Fremdenführer und lässt die Buchstaben langsam auf seiner Zunge zergehen. „No insurance.“

Die drei sind früh aufgestanden, die Tour ist gebucht. Pragmatismus ist angesagt. Und Risikobereitschaft. Man händigt dem Mann das Geld aus. 160 Dollar pro Person, bar auf die Hand.

Kiew, Platz der Unabhängigkeit. Wo vor sechs Jahren die Demonstranten der „Orangen Revolution“ in der Winterkälte gegen den Wahlbetrug des Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch demonstrierten, steht heute eine Gruppe von etwa 30 Touristen fröstelnd in der Kälte. Es ist April, aber das Thermometer zeigt null Grad an. Junge Menschen, alle unter 40, in westlicher Outdoorkleidung, ausgerüstet mit Fotoapparaten, manch einer hat Stativ und Videokamera dabei, warten auf die Abfahrt in die Sperrzone von Tschernobyl.

Bis zum 26.April, wenn sich die Katastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl zum 25.Mal jährt, sind es nur noch einige Tage. Dazu kommt die nukleare Krise im japanischen Kernkraftwerk FukushimaI. Aber Negativwerbung ist auch Werbung. „Bis zum Jahrestag am 26.April ist es sehr eng“, hat die Frau an der Hotline des Kiewer Reiseveranstalters erklärt. „Danach ist es wieder kein Problem.“

7000 Touristen haben in der Ukraine im vergangenen Jahr den „Sarkophag“ in der abgeriegelten 30-Kilometer-Sperrzone besucht. Es sollen mehr werden in den nächsten Jahren. In der ukrainischen Hauptstadt bieten mehrere Agenturen ihre Dienste dazu an. Wer wie viel verdient an dem Deal mit dem Katastrophenministerium, das die lokalen Guides stellt, ist unklar. Und bleibt Betriebsgeheimnis.

Eineinhalb Stunden später. Kontrollpunkt Detjatki, im Süden der Sperrzone. Zwei Schlagbäume, ein paar provisorische Amtsgebäude. Eine Liste mit den Namen der Touristen wird dem Polizisten übergeben, dann geht die Schranke auf. Der Reisebus holpert über die löchrigen Straßen der Zone. Fahrer Sergej kommt regelmäßig hierher. Zweimal schon in dieser Woche, fünfmal in der vergangenen. Ob er sich nicht vor der Strahlung fürchte? „Ich muss meine Familie ernähren“, antwortet er betont gelassen. „Sehen Sie selbst, ob es gefährlich ist.“

Der Geigerzähler schlägt aus. Doch zu sehen gibt es in der Zone nicht viel. Die Vegetation unterscheidet sich nicht vom Rest des Gebiets. Kerzengerade Birkenhaine, Föhrenwälder, Wiesen, alles noch im matten Graubraun. Die radioaktive Gefahr ist nicht sichtbar, nur messbar. Guide Igor Tschischewski packt den Geigerzähler aus, ein Gerät, das in der Zone mehr Orientierung verspricht als jede noch so detaillierte Karte. Es knarzt und piepst, auf dem Monitor erscheint die radioaktive Belastung in Mikroröntgen. Erhöhte Werte. Die Fotoapparate klicken.

Fischen in der Sperrzone. Die Gruppe absolviert die Stationen der Tour: Der Sarkophag mit seinen 2008 angebauten gelben Stützpfeilern, die laut Experten nur noch ein paar Jahre die Last der Konstruktion tragen können. Die Baustelle des geplanten fünften und sechsten Blocks, auf der Kräne seit einem Vierteljahrhundert dahinrosten. In einem Teich soll es Riesenfische geben, aber die würden im Winter schlafen, sagt Tschischewski. Mittagessen in der türkisfarbenen Kantine des Kraftwerks, in dem heute noch knapp 3500Arbeiter tätig sind. Woher wohl das Essen komme, fragt einer. Ob es ein Besucherzentrum im AKW gebe, will ein anderer Teilnehmer wissen. Der Guide verneint. Das gibt es ebenso wenig wie erklärende Schilder oder Wegweiser. Ein paar Kreuze am Wegesrand sind die einzigen Hinweise auf menschliches Gedenken in der entmenschlichten Zone. Auf den Bildern wird Tschernobyl später aussehen wie jede beliebige Industrieruine.

Vasilij Lavrienko schreitet das Ufer des Dnjepr ab. „Hier“, sagt er und zeigt auf das diesseitige Ufer, „ist Angeln verboten.“ Drüben auf der anderen Seite nicht. Die Tücken der Sperrgebietsgrenzziehung haben den Fischer getroffen. Sein Dorf, Teremcy, liegt am Rande, aber immer noch innerhalb des evakuierten Gebiets, obwohl hier die Strahlung nicht gesundheitsgefährdend ist, wie Wissenschaftler später einmal festgestellt haben. Es ist wegen der radioaktiven Wolke, erklärt Lavrienko, die sei eben nicht über Teremcy hinweggezogen, sondern ein paar Kilometer weiter. Teremcy wurde verschont. Die Lavrienkos wurden dennoch abgesiedelt.

Lavrienko, ein 55Jahre alter Mann mit bulligem Körperbau und grauem Haar, fischt heute hier wie dort, am erlaubten Ufer und am verbotenen. Die Fische, sagt er, seien überall gleich gut, hier „in diesem Paradies, wo alles mir gehört“. Vier Jahre nach dem SuperGAU, 1990, kamen er und seine Frau Motja in ihr Dorf zurück. „Es ist meine Heimat. Ich wurde hier geboren, ich werde hier sterben“, sagt sie.

Heimat bleibt Heimat. Die rund 200 Wiederansiedler in der Zone, viele von ihnen älter als die Lavrienkos, werden vom ukrainischen Staat geduldet. Sie versorgen sich selbst: Jeder hält eine Schar Hühner, manch einer ein Schwein oder eine Kuh; alle bauen sie Kraut, Kartoffeln und Karotten an, destillieren Schnaps und kochen Kompott ein. Einmal in der Woche kommt ein Lieferwagen mit Waren nach Teremcy und in die Nachbardörfer. An religiösen Feiertagen holt die Alten ein Bus ab und bringt sie in die Kirche im nahen Städtchen Tschernobyl. Selbst ihre Tochter, die in Kiew lebende Städterin, wolle sich in der Pension einmal in Teremcy zu Ruhe setzen, sagt Motja Lavrienko. Seine Heimat vergesse man eben nicht.

Die Stadt, von der die Frauen erzählen, gibt es nicht mehr. Sie haben sie am 26.April 1986 für immer verloren. „Dort blühten Rosen, so viele wie Einwohner.“ „Alles war neu, wir haben sofort eine Wohnung bekommen.“ „Das Durchschnittsalter lag bei 28.“ „Am Wochenende haben wir eimerweise Pilze und Erdbeeren gesammelt.“ Die Frauen zwischen 50 und 65 sitzen bei Tee und Gebäck im Büro der Umsiedlerorganisation „Zemljaki“, zu Deutsch „Landsleute“. Draußen vor den vergitterten Fenstern türmen sich Wohnblöcke. Troeschina, ein in den Achtzigern erbautes Neubauviertel in Kiew. Ein sogenannter „spalnij rajon“, Schlafbezirk, keine U-Bahn führt an den prestigelosen Wohnort am linken Dnjepr-Ufer, Autos und Busse stauen sich jeden Morgen und Abend auf der einzigen Brücke, die zum Zentrum führt.Zemljaki kümmert sich um das Schicksal jener, die aus der Stadt Pripjat abgesiedelt wurden. Nach Pripjat, drei Kilometer vom AKW entfernt, ist eine Rückkehr ausgeschlossen. Es gibt Orte in der Stadt, die heute noch so verstrahlt sind, dass man sich dort nicht länger als eine Stunde aufhalten sollte.

Ljudmila Djadlowa war 24Jahre alt, als sie nach Pripjat kam. 1971, da standen gerade einmal zwei Wohnblöcke. Mit dem Bau der Stadt war ein Jahr früher begonnen worden. Pripjat war eine Stadt für das Atomkraftwerk, ihre Bewohner waren junge, gut ausgebildete Menschen. Musterhafte Bewohner einer Musterstadt. Djadlowa arbeitete bei der Miliz als Buchhalterin, ihr Mann an der Fährstation. Von den Balkonen der Plattenbauten konnten viele Pripjater sehen, dass es am Samstag, dem 26.April 1986 im AKW brannte. Die wenigsten machten sich Sorgen. „Ich dachte damals: Wenn es etwas Ernsthaftes wäre, würde man uns wegbringen“, sagt die 68-jährige Natalja Krasnogorowa, die neben Djadlowa Platz genommen hat. „Wir vertrauten den Behörden.“ Die 47.000Einwohner wurden am Sonntagnachmittag mit Bussen weggeführt. Djadlowa, heute eine 64-Jährige mit schlohweißem Haar, hat Pripjat nie wieder gesehen.

(c) Die Presse / HR


Rückkehr der Natur. Nachdem die Menschen weggeschafft wurden, hat die Natur die Stadt zurückerobert. Moos überwuchert den Hauptplatz, Birken haben einstige Vorgärten verwachsen, Weiden die Betonstiegen des früheren Supermarkts gesprengt. Bald nach der Evakuierung kamen die Plünderer. Sie raubten die Wohnungen der Weggezogenen aus, montierten Türen und Türstöcke ab, nahmen die Einrichtung mit, kappten Kabel und drehten Glühbirnen aus den Fassungen heraus.

Heute streifen die Abenteuertouristen durch Pripjat. Sie arrangieren im Kindergarten die zurückgelassenen Puppen und Gasmasken, damit ihre Fotos glaubwürdiger vom Schrecken berichten. Pripjat ist heute totes Durcheinander. Hier gibt es keine Geschichten mehr zu erzählen, die Spuren der früheren Bewohner sind verwischt.

In Troeschina bekamen obdachlose Pripjater wie Ljudmila Djadlowa neue Wohnungen zugewiesen. Ende 1986 war das. Man zog sich den Neid jener Kiewer zu, denen diese Neubauapartments vorher versprochen worden waren. Weil sie auch sonst ein paar Vergünstigungen erhielt – mehr Urlaub, ein wenig höhere Rente –, habe sie ihr Schicksal vor den anderen verschwiegen, sagt Djadlowa. „Am Anfang hatten sie Angst vor uns.“

Dritte Generation. Bei Zemljaki schloss sie Kontakt zu anderen Pripjatern. „Die Menschen saßen mit ihren Problemen in ihren vier Wänden fest“, sagt Tamara Krasickaja, Gründerin der Organisation. Heute kümmert sich Zemljaki vor allem um die Kranken. Viele der einstigen Liquidatoren leben in Troeschina, ihre medizinischen Behandlungen kosten Geld, das privat aufgebracht werden muss. Auch die dritte Generation von Troeschina ist beeinträchtigt: Kinder kommen mit Geburtsfehlern zur Welt, sind geistig behindert. „Tschernobyl pflanzt sich fort“, sagt Krasickaja. „Die Kinder von Tschernobyl werden nicht weniger, sondern mehr.“

Dann müssen die Frauen eilig weg, zum Interview mit einem TV-Sender. „Vor dem Jahrestag ist man an unserem Schicksal interessiert“, sagt Ljudmila Djadlowa zum Abschied. „Danach sollen wir wieder schweigen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2011)