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Wer auf sich hält, feiert pompös

Mit einer Heirat wird in Indien weniger die Liebe zweier Menschen gekrönt, sondern vielmehr soziale oder geschäftliche Beziehungen. Und das lässt man sich so richtig viel Geld kosten.

Rasik Dalvadi, Anfang 40, Halbglatze, schwarzes Hemd, sitzt in einem Juweliergeschäft in der westindischen Stadt Ahmedabad. Er zählt dicke Bündel aus 500-Rupien-Scheinen und drückt sie anschließend dem Verkäufer in die Hand. Neben ihm sitzt seine 21Jahre alte Tochter Kalpanaben mit ihrem Schwiegervater. Vor einem Jahr wurde Kalpanaben verheiratet. Heute, zum ersten Hochzeitstag, kauft Dalvadi noch einmal für mehrere hundert Euro Goldschmuck, um ihn der Familie des Schwiegersohns zu schenken. „Wir wollen damit unsere Freude teilen“, erklärt Dalvadi stolz.

Hochzeiten kosten in Indien Geld – viel Geld. Denn noch immer erwarten die Eltern des Bräutigams, vom Vater der Braut anlässlich der Heirat reichlich beschenkt zu werden. Dabei ist die traditionelle Mitgift in Indien schon lange verboten. Doch nur wenige Hindu-Gemeinschaften verzichten tatsächlich auf diese Sitte. Etliche Familien verschulden sich dabei hoffnungslos, denn indische Hochzeitsgäste achten sehr genau darauf, wie viel sich der Brautvater die Vermählung seiner Tochter kosten lässt. Ein Jahr nach der Heirat erwarten die Eltern des Bräutigams häufig eine weitere Serie von Geschenken.

Stocksteife Familientreffen. Dabei geht es bei Heiraten in Indien eigentlich nur am Rand um die zwei Menschen, die heiraten. Vielmehr sind Hochzeiten komplexe soziale Zusammenschlüsse der beteiligten Familien. Nicht selten werden auf diese Art auch Geschäftspartnerschaften besiegelt. Daran ändert auch die steigende Zahl der Liebesheiraten nichts. Vor allem in den Städten heiraten in diesen Tagen immer mehr Menschen, ohne dass ihre Familien an der Planung beteiligt gewesen sind.

Doch selbst in der weltoffenen, urbanen Mittelschicht des Landes machen sich noch heute häufig die Eltern auf die Suche nach dem passenden Lebenspartner für ihre Kinder. Indiens Zeitungen sind voll von Heiratsanzeigen, die sich lesen wie Jobgesuche: Alter, Bildungsgrad, Einkommen, Fremdsprachen, Auslandserfahrung, sortiert nach Region und Kastenzugehörigkeit. Mehrere, nicht selten stocksteife Treffen der interessierten Familien folgen. Wird man sich einig, bestimmen Astrologen den bestmöglichen Termin für die Heirat.

Auf die Kaste kommt's an. Die Art und Weise, wie Hochzeitsfeiern abgehalten werden, unterscheidet sich stark nach Region, Kaste und Religionszugehörigkeit. Doch in aller Regel haben sie eines gemein: Es sind Großveranstaltungen. Mindestens 100 Gäste gelten als Standard. Nicht selten erscheinen mehrere tausend Hochzeitsgäste zu den Feiern, die sich oft über mehrere Tage hinziehen.

Das eigentliche Hochzeitsfest wird von der Familie der Braut ausgerichtet und meist im Hof oder in einem eigens dafür aufgestellten Zelt abgehalten. Hier sind oft nur die unmittelbaren Familienmitglieder und enge Freunde anwesend. Bei Hindu-Hochzeiten in Nordindien setzen sich die Beteiligten im Schneidersitz um eine Feuerstelle. Ein Brahmane leitet das Ritual und rezitiert Sanskrit-Mantras, die das Brautpaar wiederholen muss. Der Vater übergibt seine Tochter dem Bräutigam in der Kanyadan-Zeremonie. Er legt die Hände der beiden über einem Krug zusammen und umwickelt sie mit einer Blumengirlande und einem roten Tuch. Dann segnet er das Brautpaar mit Gangeswasser und betet.

Später binden Frauen den Sari der Braut mit dem Schultertuch des Bräutigams zusammen. Das ist das Zeichen der ehelichen Verbindung. Das Paar hängt sich gegenseitig große Blumenketten um den Hals. Dann entzündet der Brahmane das Feuer, das die Gegenwart des Gottes Agni repräsentiert. Nach weiteren, umfangreichen Rezitationen erfolgt das Ritual, durch das die Ehe rechtskräftig als geschlossen gilt: Das Paar umkreist das Feuer, angeführt von dem Mann, sieben Mal. Schließlich tupft er ihr rote Farbe auf den Scheitel und auf die Stirn.


Feste über Feste. Am Tag nach der Hochzeitszeremonie folgt der große Empfang: ein riesiges Fest, bei dem oft Tausende von Gästen erscheinen. Auch hier gilt, dass die Feiern nicht pompös genug sein können. Der Bräutigam erscheint nicht selten in Begleitung einer ohrenbetäubend lauten Blaskapelle.

Nach drei Tagen nimmt der Mann seine frisch Vermählte mit in sein Haus – und dort wird noch einmal ein großes Hochzeitsfest abgehalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2011)