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Die große Liebe ist Verhandlungssache

In Afrika sind traditionelle Hochzeiten nach strengen Riten organisiert. Und die Verheiratung von Töchtern ist noch immer ein gutes Geschäft für die Familie.

Der „coup de foudre“ – die Liebe auf den ersten Blick – ist sicher ein globales Phänomen, aber Blitzhochzeiten wird es wohl in Afrika noch lange nicht geben. Die Zeit misst sich auf dem Kontinent fast nie in Stunden, manchmal nicht einmal in Tagen. Und bei einer afrikanischen Hochzeit gibt es so viel vorzubereiten, zu bedenken und auch zu verhandeln, dass es manchmal sehr lange dauern kann.

Ganz selten ist die Entscheidung zu heiraten eine individuelle der künftigen Partner. Ihre Verbindung ist immer auch eine Allianz zweier Großfamilien, deren traditionelle Bedeutung in Afrika unvermindert groß ist. Manchmal verbindet die Hochzeit bei zwei dominierenden Familien auf dem Lande sogar ganze Gemeinden. Zwar sind die Trauung in der Kirche und im Rathaus heute in den Großstädten durchaus die Regel, doch viele Paare verzichten dennoch nicht auf eine zusätzliche traditionelle Hochzeit. Außerdem: Nur die beim Bürgermeister geschlossene Ehe wird als legal anerkannt. Deshalb weicht der Mann bei seiner zweiten Frau dann eben in eine traditionelle Hochzeit aus – wie etwa der gerade gestürzte Präsident der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo.

Nicht ohne Mitgift.Die Prozedur einer traditionellen Hochzeit steht in ihren strengen Riten dem Papierkrieg vor der standesamtlichen Trauung in nichts nach. Die Bräuche sind bei den einzelnen Bevölkerungsgruppen oft sehr unterschiedlich. Beim Werben um die Braut haben Familienangehörige feste Rollen, und vor allem bei der Mitgift, dem zentralen Verhandlungsgegenstand jeder traditionellen Hochzeit, haben die Familienchefs entscheidend mitzureden. Neben eher symbolischen Geschenken – wie alkoholischen Getränken und speziellen Stoffen – geht es dabei um Nutztiere wie Hühner, Schafe, Rinder – und vor allem ums Geld.

Auf dem Lande ist die Verheiratung der Töchter für viele Familien noch immer ein gutes Geschäft und für den Bräutigam manchmal gar die größte Ausgabe seines Lebens. Die dabei ausgehandelten Bargeldbeträge variieren je nach finanzieller Bedeutung der Familien, aber 1000Euro sind keineswegs die Obergrenze. Da sie bei einer Scheidung entweder zurückzuzahlen sind, wenn der Scheidungsgrund bei der Frau liegt, oder auch verloren sind, wenn der Mann seine Frau verlässt, verhindern sie oft unüberlegte Trennungen. Wo der „Raub“ der Angebeteten früher noch ein festes Ritual war, wie etwa bei den Bétés im Westen der Elfenbeinküste, wird er heute nur noch gespielt, aber manchmal wollen die Brautleute mit diesem Spiel in Komplizenschaft auch einfach die Zahlung der Mitgift vermeiden.

Beliebte Sammelhochzeiten. Bei einem traditionell so starken Mitspracherecht der Familien kommt es auch heute noch zu arrangierten Ehen, die manchmal bereits vor der Geburt der Braut vereinbart wurden. Sie enden dann statt im Eheglück oft in persönlichen Tragödien und in der Vergewaltigung vieler junger Frauen. Gleiches Unglück stiftet ein in den Eheregeln mancher Volksstämme noch immer enthaltenes Gewohnheitsrecht, nach dem sich der ältere Bruder oder auch Onkel eines verstorbenen Mannes dessen junge Witwe zur Frau wählen kann.

In der Lust am Feiern sind einander dann die legalen und die traditionellen Hochzeitsgesellschaften wieder gleich – auf den Dorfplätzen oder in den Festsälen der Großstadt-Restaurants. Und was für die Bedeutung der Mitgift bei der traditionellen Hochzeit gilt, das gilt auch für die Großzügigkeit der Hochzeitsgäste bei der Auswahl der Geschenke. Je wichtiger der Gast ist, desto höher ist auch die Erwartung der Brautleute an sein Geschenk.

In Afrika gibt es heute so viele staatliche und religiöse Feiertage wie sonst kaum wo auf der Erde. Zählt man alle zusammen, stehen diese den verbleibenden Arbeitstagen nicht mehr sehr viel nach. Nicht selten veranstalten Firmen deshalb Sammelhochzeiten für ihre Belegschaft – wie gerade die staatliche Busgesellschaft der Elfenbeinküste, die die Eheschließung von 40Mitarbeitern an einem Tag arrangierte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2011)