In nächster Zeit wird man auf den Aktienmärkten sehr selektiv vorgehen müssen. Warum Inflation in den nächsten Jahren ein wichtiges Anlegerthema bleibt und Baidu weiterhin das "bessere Google" ist.
Die vergangene Woche war für Aktionäre nur begrenzt lustig. Die Schuldenkrise in Europa und den USA, das anhaltende Atomdesaster in Japan und die in allen Industrieländern aufgeflammte Inflation fordern ihren Tribut: Die Börsen befinden sich seit Anfang April in einem hartnäckigen Seitwärtsmodus, der Wiener ATX, aber auch der US-Technologieindex Nasdaq haben sogar sichtbar auf Talfahrt gedreht.
Daran wird sich in nächster Zeit nichts ändern. Vor allem die Inflation wird uns wohl für längere Zeit begleiten. Notenbanker und Wirtschaftsprognostiker sagen uns zwar anderes, das hat aber nichts zu bedeuten: Sie sind in den vergangenen Jahren fast immer falsch gelegen, weil ihre Inflationsprognosen ganz offensichtlich auch politische Statements sind.
Man muss sich nur die Struktur der Teuerung ansehen, um zu wissen, wie der Hase läuft: Es ist nur zu einem Teil das Öl, das Preisschübe auslöst. Mindestens ebenso stark sind Lebensmittelpreise sowie Steuern und Abgaben beteiligt.
Letztere werden angesichts der gähnend leeren Staatskassen wohl weiter steigen, der Inflationsdruck wird von dieser Seite nicht nachlassen. Und die Spekulationen, die industrielle und agrarische Rohstoffe sowie Öl derzeit so dramatisch verteuern, werden vom billigen Geld, mit denen die Notenbanken die strauchelnden Märkte überschwemmen, ordentlich mitbefeuert. Über diesen Umweg bahnen sich die angeblich nicht inflationswirksamen Notenbankmilliarden gerade ihren Weg in die ganz reale Teuerungsrate. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass das, wie versprochen, in ein paar Monaten wieder vorbei sein soll.
Wir werden also mit überdurchschnittlicher Inflation leben müssen. Für Anleger bedeutet das, im Portfolio aufzuräumen: Alles, was nominell unter vier bis fünf Prozent Ertrag bringt, ist Kapitalvernichtung. Womit so gut wie alle Sparguthaben und alle „sicheren“ Staatsanleihen ausscheiden. Guten Inflationsschutz bieten Sachwerte, wobei allerdings sowohl Immobilien als auch Edelmetalle schon recht ambitioniert gepreist sind. Zu den Sachwerten gehören natürlich auch Aktien, obwohl diese kurzfristig unter Zinserhöhungen, mit der Notenbanken gegen die Inflation ankämpfen, leiden.
In nächster Zeit wird man auf den Aktienmärkten jedenfalls sehr selektiv vorgehen müssen. Größere Aufschwünge auf breiter Front sind derzeit nicht in Sicht.
Gute Gelegenheiten könnten sich vielleicht auf dem Energiesektor finden lassen – in Ländern, deren Märkte derzeit als unterbewertet gelten. Russland, zum Beispiel.
Dort finden Analysten momentan die Energiekonzerne Lukoil(ISIN US6778621044) und Gazprom(ISIN US3682872078) spannend, die unter den genannten ISIN-Nummern als Aktienzertifikate (ADR, American Depository Receipt) spesengünstig auch in Frankfurt gehandelt werden. Beide konsolidieren nach scharfen Kursanstiegen in den letzten Wochen, könnten aber bald Einstiegskurse bieten. Bei beiden sollte man aber nicht nur Charts und Firmennachrichten im Auge behalten, sondern auch den Ölpreis. Wirkliche Kursaussichten ergeben sich auf dem gegenwärtigen Bewertungsniveau nämlich nur, wenn sich der Ölpreis jenseits der 100-Dollar-Marke hält.
Ins Gerede ist zum Wochenende hin die frühere Highflyer-Aktie des Suchmaschinenbetreibers Google(ISIN US38259P5089) gekommen: Trotz deutlicher Gewinn- und Umsatzsteigerungen ist der Kurs ordentlich abgesackt. Google hat allerdings schon in den vergangenen Monaten wenig abgeworfen. Wir bleiben bei unserer seit Längerem vertretenen Meinung, das der chinesische Suchmaschinenbetreiber Baidu.com(ISIN US0567521085) für Aktionäre das „bessere Google“ ist. Aus einem einfachen Grund: Während Google in saturierten Märkten stark ist, dominiert Baidu als chinesischer Platzhirsch im größten Internet-Wachstumsmarkt der Welt.
Man sieht das auch an den Kursen: Seit der letzten „Presse am Sonntag“-Empfehlung im vergangenen Oktober ist Baidu um rund 50 Prozent wertvoller geworden.
Mit dem Einstieg (oder dem Aufstocken) sollte man aber warten, bis der Kurs die 150 Dollar nachhaltig durchbricht. Dort liegt nämlich eine charttechnische Barriere, mit der sich das Papier ganz offensichtlich ein wenig schwertut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2011)