Burgtheater: Schnitzler schneidet tief ins Fleisch

Burgtheater Schnitzler schneidet tief
bernardi(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Dieter Giesing gelingt eine vorbildliche Inszenierung von Arthur Schnitzlers Komödie "Professor Bernhardi". Ein Ensemble voller Charakterköpfe steigert sich zu Höchstleistungen.

Arthur Schnitzlers Komödie „Professor Bernhardi“ ist ein perfektes Lehrstück über die Kunst der Intrige und die verheerende Wirkung des Rufmordes. In ihr wird die österreichische Neigung zum Antisemitismus derart wirkungsvoll aufgedeckt, dass man gar nicht so viel essen kann, wie man kotzen möchte. Schnitzler hat darin auch verarbeitet, wie sein Vater als Leiter der Allgemeinen Poliklinik 1893 von eigenen Kollegen angegriffen wurde. Die damalige Affäre Dreyfus, eine Pariser Variante der Judenverfolgung, schimmert in diesem Text ebenfalls durch. Es passt ins Bild, dass die Uraufführung 1912 von den Wiener Behörden durch Zensur verhindert wurde. Am 28.November 1912 fand sie am Kleinen Theater in Berlin statt. Österreichs christdemokratische und deutschnationale Blätter hetzten danach gegen die „Judenschutzkomödie“ wie zur Bekräftigung, dass Schnitzler recht hatte. Sein Drama ist geradezu prophetisch.

Hat das aber noch mit uns zu tun? Ja. Die subtile Inszenierung von Dieter Giesing mit der Premiere am Samstag im Burgtheater macht Professor Bernhardi zu unserem Zeitgenossen. Vorbildlich scharf werden die Wirkungsweisen von Ressentiments, die Beschränkungen der Politik und menschliche Schwächen herausgearbeitet.

 

Auf abschüssiger Bühne wird seziert

Das Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann passt exakt dazu. Die Intrige gegen Bernhardi, die sich aus geringem Anlass zu einer Staatsaffäre entwickelt, findet in einem blendend weißen, fast abstrakten Raum statt, mit simplen Arbeitstischen, Sesseln, Sofas und sechs Türen im Hintergrund, die zu Krankenzimmern und Nebenräumen führen. Hier wird seziert. Man spielt auf einer abschüssigen Vorbühne, die ins Parkett ragt. Dort suchen die 16Darsteller tänzelnd Halt, immer der Gefahr ausgesetzt abzustürzen. Die Atmosphäre eines Spitals wird durch gleißende Lampen und eine extrem lange Neonröhre verstärkt, die diagonal bis in den zweiten Rang reicht, wie der Blitzstrahl eines ungerechten Gottes, der ein zufälliges Opfer sucht. Sein erstes ist „die Sepsis“. Man sieht sie nicht, hört sie nur im Hintergrund singen– ein Mädel, das abgetrieben hat, sterben wird und hofft, dass ihr Freund, der sie in Wahrheit verlassen hat, abholen wird.

 

Skandal! Jude verhindert Letzte Ölung!

Bernhardi (Joachim Meyerhoff) will der Sterbenden die Illusion nicht rauben, deshalb verwehrt er Pfarrer Reder (Lucas Gregorowicz) den Zugang zu ihr. Ärztliche Pflicht gebietet es, daraus wird aber böswillig ein Glaubenskonflikt konstruiert. Arzt und Pfarrer werden später eine bemerkenswerte Szene haben, in der sich die Differenz tragisch enthüllt: Der eine muss auch die lieben, die ihn hassen, der andere auch dort „verstehen, wo ich nicht verstanden werde“.

Auf solch einen Skandal haben manche Kollegen Bernhardis und christliche Politiker nur gewartet. Jüdischer Arzt verhindert Letzte Ölung! Religionsstörung! An dieser Affäre, die ihn ins Gefängnis bringen wird, droht Bernhardi zu zerbrechen. Aber weil es eine Komödie ist und weil Schnitzler ein wahrer Menschenkenner ist, sehen wir seinen Arzt am Anfang und am Ende des dreistündigen Spiels lächeln. Süffisant, sarkastisch, wissend. Dazwischen aber werden alle Spielarten menschlicher Schwächen gezeigt. Giesings Kunst in diesem großen Wurf besteht darin, dass er alle Tempi beherrscht. Beinahe schleppend ist der Beginn, um sich dann zu dichtesten Szenen zu steigern.

Die besten davon sind die Begegnungen Bernhardis mit der Politik, etwa mit seinem Jugendfreund Flint (Nicholas Ofczarek), der es zum Minister gebracht hat, Hilfe verspricht, Gegenleistung erwartet und schließlich umfällt. Der Text wird von beiden packend interpretiert. Auch Bernhardi, der Verweigerer, weiß, wie Gesellschaft und Politik funktionieren. Meyerhoff spielt keinen reinen Sympathieträger, so wie auch Ofczarek dem Politiker so manche Facette abringt.

 

Sozialdemokrat, Anarchist und Hofrat

Noch tieferes Verständnis aber von den Mechanismen der Macht wird in Bernhardis Dialog mit einem Hofrat im Ministerium erzielt. Branko Samarovski gibt diesen zynischen und zugleich humanen Dr. Winkler mit nicht zu überbietender Raffinesse, einen Sozialdemokraten, Beamten und Anarchisten, dem nichts Menschliches fremd ist. Ihn überrascht nicht, dass Bernhardi vor ihm zu weinen beginnt, selbst nicht die paradoxe Wendung am Schluss. Samarovski ragt heraus, in einer Aufführung, die von Charakterköpfen wimmelt, mit Udo Samel und Martin Schwab als Kollegen und energischen Unterstützern Bernhardis, Roland Koch als schillerndem, Oliver Masucci als eindeutigem Gegenspieler. Und Caroline Peters mit ihrer ungeheuren Bühnenpräsenz spielt eine Professorin für Nervenkrankheiten. Ein Glanzpunkt der Vernunft. Rascher als all diese machtgeilen Männer erkennt sie, wie die Intrige läuft. Solch eine Verbündete wünschte man sich, falls hier wieder die Gefahr drohte, durch brennende Scheiterhaufen terrorisiert zu werden.

„Professor Bernhardi“

Uraufführung: 1912 in Berlin; österr. Erstaufführung im Volkstheater: Dezember 1918.

Darsteller: Joachim Meyerhoff, Roland Koch, Caroline Peters, Nicholas Ofczarek, Branko Samarovski, Lucas Gregorowicz, Udo Samel, Oliver Masucci, Klaus Pohl, Martin Schwab, Sven Dolinski, Christoph Luser, Marcus Kiepe, Robert Reinagl, Bernd Birkhahn, Stefanie Dvorak. Kostüme: Fred Fenner, Musik: Jörg Gollasch. Termine: 24., 30.April., 1. und 9.Mai.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2011)