Nein, Stefan Herheims Inszenierung, wenn auch weniger gut gelungen, ist nicht das Problem dieses Abends. "Salome" unter Simon Rattle, das ist mangels adäquater Sänger vor allem ein musikalisches Desaster.
Es beginnt vorzüglich: „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“, singt Pavol Breslik und lässt eine geschmeidige, leuchtende lyrische Tenorstimme hören. Der Page, wiewohl ein Double der Herodias im schwarzem Cocktailkleid, hält mit: Auch Rinat Shaham verfügt über einen schönen, dunklen Mezzo.
Doch die begleitenden Orchesterklänge irritieren vom ersten Takt an: Wo bleiben die schillernden, funkelnden Farbtupfer und -spritzer, mit denen Richard Strauss sein üppig gemaltes Tableau verziert wie zur gleichen Zeit Gustav Klimt seine Porträts? Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, könnte man einwenden, haben alle Hände voll zu tun, um die Hauptstränge dieses ungemein dicht gewobenen musikalischen Gobelins freizulegen – und sitzen sehr tief, um den Stimmen das Überleben zu erleichtern.
Doch beides misslingt kläglich.
Was die klangliche Erzählung betrifft, so fehlt jeder Sinn für die schlüssige Entwicklung kleinerer und schon gar größerer Szenen umfassende Strukturen. Man setzt Bilder nebeneinander, ohne, wie schon gesagt, diesen Bildern wenigstens ihren koloristischen Reiz zu sichern: Es müsse „schillern wie Changeant-Seide“, hat Strauss geschrieben. In Salzburg schillert nichts. Und die Tieferlegung des Orchestergrabens, auf die man sich dieserhalben vielleicht auszureden versucht, fruchtet wenig, weil die Sängerbesetzung, von den genannten Ausnahmen abgesehen, von fahrlässiger Inkompetenz in der Salzburger Regiekanzlei kündet.
Eine Salome mit Ach und Weh
Emily Magee ist nicht imstande, die Titelpartie mehr als nur mit Ach und Weh zu Ende zu singen – es fehlt ihr an Tiefe in vielen markanten Momenten ebenso wie an der nötigen Leuchtkraft in der Höhe. Vor allem aber steht sie zu wenig über den Dingen, um ihrem Gesang auch noch Nuancierungen abzutrotzen, die ihre Leistung vom bloßen vokalen Bewältigungsversuch (der gelingt) irgendwie in Richtung einer Interpretation der Rolle (die nicht im Mindesten stattfindet) rücken würden.
Stig Andersen als Herodes bleibt vom ersten Ton an bestenfalls ein Stichwortgeber wie, sagen wir, der Erste Jude (Burkhard Ulrich) im immerhin ordentlichen Quintett.
Eine neurotische Herrscherfigur, geplagt von unerfüllten erotischen Visionen, ein in seiner Unsicherheit gefährlicher Diktator – noch dazu umgeben von Hofschranzen, die von Gnaden der Regie ein Panoptikum historischer Führerfiguren bilden, von Caesar über Friedrich den Großen und Wilhelm II., bis zu Mussolini und Stalin?
Nichts von alledem wird hörbar, denn es geht dem Herodes ums bloße stimmliche Überleben; wie dem an sich mit schönem Bassbariton begabten Iain Paterson, den man offenbar viel zu früh in die Jochanaan-Falle jagt, oder der Herodias von Hanna Schwarz, höchst präsent, doch vor den hohen Tönen kapitulierend.
Zu allem Über-, oder sollte man diesfalls besser sagen: zu allem Unterfluss sind Stefan Herheim und seinem Gigateam (am Schluss verbeugten sich sieben oder acht Menschen...) im Verlauf der Arbeit offenbar die Ideen ausgegangen, um das eindrucksvolle, von der bei Wilde so oft apostrophierten riesigen Mondscheibe beherrschte Glitzerdekor (Heike Scheele) mit theatralischem Leben zu erfüllen.
Anfangs wird noch lebhaft gedeutet und erzählt, im Wesentlichen greifen sich zu diesem Zweck sämtliche Beteiligte ständig ans Gemächt. Salome lässt den armen syrischen Hauptmann auch unter den Kittel schauen.
Geküsst wird irgendwo tief drinnen...
Viel mehr zur erotischen Aufladung der Geschichte trägt die Regie allerdings nicht bei, flüchtet sich beim Tanz der sieben Schleier in eine amüsante Vervielfältigungsstrategie, sodass zuletzt via Video-Animation sieben Salomes aus dem Riesenmond auf die Szene gefallen sind und dort die gesamte royale Entourage mittels Gurgelschnitten ermordet haben. Eine reife Leistung, die nur möglich ist, weil Sir Simon die ganze Partitur zur Sicherheit eher buchstabieren als wirklich musizieren lässt – und dann auch beim den Musikern wohlbekannten Tanz aus dem Schleppen nicht mehr herauskommt.
Danach ebbt die Bilderflut ab. Der Kopf des Jochanaan ist eine überdimensionierte Riesenplastik, in deren Mund Emily Magee zur Kussszene verschwindet. Bei dem vielen Gegrapsche im ersten Teil der Aufführung verwundert nicht, dass sie unter „Ich habe deinen Mund geküsst“ etwas anderes versteht als unsereiner. Am Ende rufen einige erregte Zuschauer „buh“ und meinen damit, fürchte ich, nicht die erschreckende musikalische Tiefstapelei dieses Abends, sondern eher das Parergon eines Bühnenzauberers, von dem man sich nur noch Athloi wie den Bayreuther „Parsifal“ erwartet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2011)