Darf man angesichts prominenter Künstler wirklich von einem Desaster bei den Salzburger Osterfestspielen sprechen? Und wenn ja, warum?
Das gibt es doch nicht, dass ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker mit einem Dirigenten wie Simon Rattle Richard Strauss nicht exzellent spielen können. Doch das gibt es. Natürlich nicht, wenn es sich um eine Tondichtung handelt, aber beispielsweise, wenn es um die „Salome“ geht.
Es war einst Herbert von Karajan, der das Konzertorchester, dessen Chefdirigent er war, zum Opernorchester in Salzburg machte. Er tat es, weil die Wiener Philharmoniker damals noch nicht so selbstverständlich wie heutzutage auch während der Saison ihren Operndienst an der Staatsoper durch extensive Konzert- und Gastspieltätigkeit ergänzten.
In mühevoller Kleinarbeit – hie und da durch konzertante Aufführungen vorab und immer durch Erarbeitung der Partituren im Studio für Schallplattenaufnahmen – präparierte der exquisite Opernkapellmeister Karajan seine Berliner Truppe für die Musiktheater-Aufgaben. Bei Wagner, Verdi und sogar bei Puccini gelang das immer außerordentlich gut.
Aber es wäre Karajan nicht eingefallen, eine so kleinteilig, ja geradezu mosaikartig zusammengesetzte Komposition wie „Salome“ mit einem anderen als dem Wiener Orchester (und daher nur im Sommer) in Salzburg vorzustellen. Diese Musik erfordert von Takt zu Takt das Wissen jedes einzelnen Musikers um seinen Stellenwert im großen Ganzen, um die Wichtigkeit eines Zweiunddreißigstel-Laufes und vor allem um die Frage, in welchem Moment der Tragödie, in welchem Sekundenbruchteil dieser Lauf zu enden hat, um seinen Sinn (im Verhältnis zur Handlung und zum Text, der gerade gesungen wird) zu erfüllen.
Auch der beste Operndirigent der Welt kann dieses Wissen nicht durch die noch so perfekte Schlagtechnik ersetzen. „Salome“ mit den Berlinern, noch dazu unter einem Dirigenten, der nicht im Opernbereich groß geworden ist und jede Nuance des gesungenen Textes verinnerlicht hat – das ist, gelinde gesagt, eine Schnapsidee. Kommt dann noch hinzu, dass man eine Besetzung engagiert, die ihre Partien kaum mehr als gerade schon beherrscht, dann ist das Maß voll: So kann man keine Festspiele veranstalten.
Das weiß einer, der die Premiere mitverfolgt hat, selbst am allerbesten. Die Osterfestspiele haben ja seit Abberufung der früheren Geschäftsführung anstelle eines mutmaßlichen Unschuldsvermutungsanwenders einen wirklichen Mann vom Fach an der Spitze: Was sich Peter Alward, früher Klassik-Boss von EMI, über diese Aufführung gedacht hat, möchte ich gar nicht wissen. Er hat künstlerisch (auf dem Papier zumindest) ohnehin nichts mitzuverantworten, sondern muss lediglich den finanziell in den Morast gefahrenen Osterfestspiel-Karren wieder flott bekommen.
Das wird schwer genug sein, wird ohne künstlerische Kurskorrektur wohl aber niemals ernstlich gelingen können. Aber vielleicht gibt man Alward ja die Chance, sich demnächst auch in die musikalischen Belange des Festivals ein bisschen einzumischen. Das könnte zumindest nicht schaden.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2011)