USA-Orchester-Bankrott: Europas Kultur gerät in Gefahr

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Das weltweit renommierte Philadelphia Orchestra ist zahlungsunfähig. Für Europäer schockierend. Gibt es einen „Schutzschirm“ für Kulturinstitutionen? Analytisch-kritische Überlegungen zu einem heiklen Thema.

Das Philadelphia Orchestra ist bankrott. Das ist für Europäer auch deshalb eine schockierende Mitteilung, weil damit schlagartig klar wird, auf welch dünnem Eis die „Hochkultur“ weltweit agiert.
Das Philadelphia Orchestra ist eines der sogenannten „Big Five“ unter den US-amerikanischen Symphonieorchestern und damit eines im Dutzend der wirklichen Weltspitzenorchester. Ein Träger der mittlerweile weltumspannenden Klassik-Kultur, die wiederum nichts anderes darstellt als eine globale Verwertungs-Maschinerie einer europäischen Kulturleistung. Wenn ein solches Orchester Konkurs anmeldet, darf von einer Erosionserscheinung gesprochen werden. Es geht um mehr als um die Befriedigung hedonistischer Bedürfnisse von Musikfreunden in einer amerikanischen Metropole.

„Mehr Staat, weniger privat“?


Die Folge werden Diskussionen über jene zu fast 100 Prozent auf privater Initiative basierenden Kulturförderungen sein, die in den Vereinigten Staaten gepflegt werden. Mittlerweile gibt es ja auch in Wien, Berlin, Paris oder London genügend Vertreter einer wirtschaftlichen Weltsicht, in deren Rahmen eine staatliche Kunstförderung wenig bis gar keinen Platz hat. Man wird argumentieren, dass sich für das Weltgeschehen kein echter Nachteil ergibt, wenn in den USA nun statt fünf nur noch vier Orchester aufspielen, die wirklich zur Weltspitze zählen. Wie hat ein Wiener Steuerberater einmal so schön formuliert: „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist die Erhaltung des Stephansdoms Unsinn.“
Nun leben US-amerikanische Kultureinrichtungen tatsächlich so gut wie ausschließlich von Spendengeldern privater Mäzene. Doch diese Spendengelder dürfen von der Steuer abgesetzt werden. Über Umwege werden also selbstverständlich auch die großen Orchester und Opernhäuser wie die Metropolitan in New York staatlich finanziert – nur dass der Staat sich über diesen Umweg jedes Mitspracherecht abkaufen ließ.

Irreversibler Verfallsprozess


Zu befürchten ist, dass in Philadelphia ein Prozess in Gang gekommen ist, der jetzt für weitere wichtige (nicht nur musikalische) Kulturorganisationen lebensbedrohlich sein könnte. Auch andere Klangkörper der „Big Five“ – und erst recht weniger renommierte – sind in der Krise: Boston Symphony hat mit dem kranken James Levine die künstlerische Integrationsfigur verloren. Der Österreicher Franz Welser-Möst sitzt bei einem weiteren der amerikanischen Spitzenorchester, in Cleveland, noch fest im Sattel, vor allem dank europäischer Verbindungen, die dem Orchester Residenzen in Wien oder Luzern sichern.

Alarm in Chicago und New York


In den USA selbst wird es für teure Klangkörper dieses Zuschnitts zusehends schwieriger, das Terrain zu sichern. Massiver Bevölkerungsrückgang reduziert von Jahr zu Jahr das Stammpublikum  . . . Alarmglocken schrillen nun auch in Chicago, wo man eben mit Riccardo Muti einen der ehemaligen Chefdirigenten von Philadelphia gekürt hat, aber ebenso in New York, wo die dortigen Philharmoniker nach Lorin Maazel mit Alan Gilbert, einem weniger prominenten, also international weniger zugkräftigen künstlerischen Leiter, vorliebnehmen müssen.
Mit angstvollem Blick auf die noch viel teureren Opernhäuser steht nun die Frage nach der künftigen Finanzierung des Klassik-Betriebes im Raum. Da im Wertesystem des 21. Jahrhunderts lediglich Kontostände taxiert werden, versucht man sich mittlerweile fast nur noch auf die viel zitierte „Umwegrentabilität“ zu stützen, eine wackelige, im tiefsten Sinne untaugliche Krücke. Bis jedoch der gesellschaftliche Diskurs weit genug gediehen sein wird, dass kulturelle und bildungspolitische Argumente greifen, wird es vermutlich nicht nur in Philadelphia kein Symphonieorchester mehr geben.
Nun ist, was heute als glänzende amerikanische Orchester-Kultur gilt, ein durch und durch europäisches Phänomen. Die künstlerische Ausrichtung der Klangkörper war und ist geprägt von den hierzulande üblichen Parametern.

Europäische Landnahme


Und sie wurde von europäischen Dirigenten aufgebaut. An der Spitze der „Big Five“ wirkten über Jahrzehnte hin wichtige Kapellmeister, die mehrheitlich aus dem österreichisch-ungarischen Raum kamen. Für den Aufbau standen die Namen von Fritz Reiner, George Szell, Georg Solti, Artur Rodzinsky, Erich Leinsdorf oder Eugene Ormandy.
Leonard Bernstein war die erste bedeutende Ausnahme, ein in den USA geborener Künstler, der in New York bahnbrechende Arbeit geleistet hat. Er wurde zum ersten amerikanischen „Exportartikel“, und sogar zum Liebling der Wiener Philharmoniker. Als Erbe einer europäischen Kultur, deren Früchte er sozusagen „nach Hause“ brachte.
Es ist kein Zufall, dass bis heute immer wieder europäische Dirigenten in Chefpositionen in den USA berufen werden. Wolfgang Sawallisch, Inbegriff des deutschen Kapellmeisters, trug ebenso Verantwortung wie Kurt Masur. Fabio Luisi schickt sich soeben an, als „Principal Guest Conductor“ Aufgaben des erkrankten Langzeit-Chefs James Levine an der MET zu übernehmen. Kein leichtes Erbe, wie sich zeigt.

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