Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Giovanni herrschte Pietro über das Reich aus Kinder Schokolade, Nutella, Tic Tac, Mon Chérie oder Ferrero Rocher. Nach dem Tod Pietro Ferreros sind nun Zukunftsfragen offen.
Alba/Wien/Cim. Die traurige Nachricht hat das Städtchen Alba im Piemont am Montagnachmittag erreicht: Pietro Ferrero ist tot. Der 47-jährige Erbe des Schoko-Imperiums ist während einer Geschäftsreise in Südafrika bei einer seiner üblichen Trainingsrunden mit dem Fahrrad ums Leben gekommen. Die Todesursache war, so vermutet die Polizei, ein Herzinfarkt. Pietro Ferrero hinterlässt – neben seiner Familie – eine große Lücke im weltberühmten Süßigkeiten-Konzern.
Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Giovanni herrschte Pietro (zumindest formal) über das Reich aus Kinder Schokolade, Nutella, Tic Tac, Mon Chérie oder Ferrero Rocher. Während Giovanni neben seiner Arbeit im Konzern Romane schreibt und zeitweise in Brüssel lebt, galt Pietro als der Top-Manager. Er habe „die besten Qualitäten der Industriegeschichte verkörpert und dazu beigetragen, dem Begriff ,Made in Italy‘ eine besondere Bedeutung zu geben“, so würdigt Italiens Außenminister Franco Frattini den Verstorbenen.
Und vor allen Dingen hat er die Tradition der Familie gewahrt und den Konzern ebenso still, zurückgezogen und reserviert geführt wie sein Vater. Jener, Michele Ferrero, der Sohn des Gründers Pietro senior, gilt als der Patriarch, der im Hintergrund die Fäden zieht. Der abgeschottete Stil hat immerhin geholfen, die Rezepte über Jahrzehnte geheim zu halten, und den heute 85-Jährigen zum reichsten Mann Italiens gemacht.
Nüsse statt Schoko als Grundstein
Die Familiensaga begann im Jahr 1944, als Konditor Pietro Ferrero senior die Idee hatte, bei einem Schoko-Aufstrich die teure Schokolade durch viel billigere Erdnüsse zu ersetzen. Der Vorgänger jenes Aufstrichs, der ab den 1960er-Jahren die Frühstückstische der Welt als Nutella erobern sollte, war geschaffen. Sohn Michele, selbst gelernter Konditor, verhalf der Firma mit Nutella, Überraschungs-Eiern, Milchschnitte oder Ferrero Rocher-Pralinen zu großem Ruhm.
Aus der Konditorei aus dem Piemont wuchs ein Weltkonzern mit 21.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz jenseits der sechs Mrd. Euro. Trotz aller Erfolge blieb Ferrero stets im Besitz der Familie.Pietro galt als einer, der die Tradition des Hauses ohne große Umbrüche, ebenso still wie sein Vater, fortführen wollte. Auch das Talent Micheles, das Gespür für die richtige Süßigkeit, die den Markt erobern kann, soll er von seinem Vater geerbt haben. Nur bei der Expansion waren sich Vater und Sohn uneins. Während Übernahmen in den ersten Generationen verpönt waren, zeigte sich Pietro Zukäufen gegenüber wohl offen. So stieg Ferrero etwa in die Übernahmeschlacht um das britische Süßwarenunternehmen Cadbury ein. Der Familie aber gefiel das nicht, auch der Juniorchef konnte diese Skepsis in Alba nicht brechen und musste schließlich aufgeben. Cadbury ging an Kraft Foods.
Zuletzt hatte man, mit Unterstützung der Regierung, erwogen, ein Konsortium mit anderen Firmen zu bilden, um die Molkerei-Gruppe Parmalat zu übernehmen. Das sollte sie vor der Übernahme durch die französische Lactalis bewahren. Nun wird über diese Pläne wieder geschwiegen. Auch, so heißt es, aus der Angst, Ferrero könnte sich zu sehr in das hochpolitische Gestrüpp italienischer Konzerne verwickeln. Das behagte dem zurückgezogenen Patriarchen wohl nicht. Obwohl er schon Ende 1990er das Tagesgeschäft offiziell an seine Söhne übergeben hat.
Nun wird Giovanni nach außenhin den Konzern vermutlich erst einmal allein führen. Auch wenn der 85-jährige Michele die Fäden in der Hand behalten wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2011)