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Tschernobyl: "Tritt man drauf, kommt der schnelle Tod"

Tschernobyl Tkachuk
Anatoly Tkachuk im AKW Zwentendorf(c) (Bill Lorenz)
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KGB-Offizier Anatoly Tkachuk drang 1987 mit drei Begleitern als bis dahin erste Menschen zum zerstörten Reaktorkern im „Sarkophag" vor. Über den Todestrip, den nur er überlebte, schrieb er jetzt ein Buch.

Plötzlich blieb Ingenieur Lozov stehen. Dieser mittelgroße, durchtrainierte Mann griff wild um sich, fiel auf die Knie, riss sich die Gasmaske vom Kopf, sog tief Luft ein und stürzte auf sein Gesicht. Andrey versuchte ihn aufzuheben, aber Lozov rollte auf den Rücken. Seine Lippen verfärbten sich in Sekunden blau, Schaum trat aus dem Mund, vermischte sich mit Staub und sein Gesicht wurde schwarz. Die Augen traten langsam aus den Höhlen hervor, zeigten nur noch das Weiße. Lozov machte noch ein paar tiefe Atemzüge und erlosch. „Lozov ist gefallen", sagte Andrey. „Was sollen wir tun?"

November 1987, eineinhalb Jahre nach dem Unfall im AKW Tschernobyl. Vier Männer steigen in den „Sarkophag", die Schutzhülle um das zerstörte Reaktorgebäude. Ihr Auftrag: Sie sollen als erste zum Reaktorkern selbst vordringen, um zu sehen, was dort eigentlich vor sich geht. Über die Vorgänge nach der Kernschmelze vom April 1986 und ihre Folgen, und ob dort noch Ärgeres droht, wissen nämlich nicht einmal die Wissenschaftler recht Bescheid. Der Ort ist allerdings extrem verstrahlt, der Job somit im Grunde ein Todeskommando.

Anatoly N. Tkachuk ging mit. Der ausgebildete Artillerieoffizier und damals 37jährige KGB-Oberstleutnant, der im Sperrbezirk um Tschernobyl für die Sicherheit der Aufräumtrupps und speziell die Spionageabwehr zuständig war, führte den Stoßtrupp in die Hölle. Seine Begleiter waren zwei Wissenschaftler und ein Armeegeneral. Und so sah Tkachuk das „Monster" aus erstarrter Uranlava. Einer der Forscher starb sofort, der andere Tage später. Der General siechte zwei Jahrzehnte dahin und ist auch schon tot. Tkachuk lebt noch heute und ist ein bekannter Unternehmer in Moskau. Über seine Erlebnisse schrieb er ein Buch (s. Auszug oben). „Die Presse" sprach mit ihm.


Die Presse: Sie sehen sehr erholt und gesund aus. Man glaubt gar nicht, dass Sie in einem zerstörten Atomreaktor drin waren.
Anatoly N. Tkachuk:
Der Sport und die Arbeit schmücken den Mann. (lacht)

Gehen oder gingen Sie eigentlich manchmal in Geisterbahnen?
Tkachuk:
Das mag ich nicht sehr, ich halte das auch nicht für richtig. Ich denke, die Kinder werden in ihrem Leben ohnehin noch genug Schlechtes und Angsteinflößendes sehen.

Kann es sein, dass Sie das irgendwie an Tschernobyl erinnert?
Tkachuk:
Ja, dieser Faktor ist vorhanden.

Wie lange waren Sie damals dort drin?
Tkachuk:
Etwa 30 Minuten. Es waren um einige Minuten länger als geplant. Die Aufgabe lautete, so schnell wie möglich wieder herauszukommen, es hätten also auch 15 oder 20 Minuten sein können. Wir haben die Zeit bis zum äußerst Möglichen ausgeschöpft.

Was fällt Ihnen spontan als erstes ein, wenn Sie sich an diese 30 Minuten zurückerinnern?
Tkachuk:
Dass es auch noch Wunder auf der Welt gibt, dass ich überlebt habe und jetzt vor Ihnen sitze. Am stärksten war jedenfalls das Gefühl, als wir hineingingen und uns klar war, dass wir sterben könnten. Der Tod kann in einem Moment eintreten und man nimmt das bewusst auf sich. Der psychologische Stress ist schwer zu beschreiben, ich würde sogar sagen, dass der Körper in dieser Zeit anders funktioniert. Auch das Herz schlägt anders. Ganz anders.

Einer Ihrer Kollegen ist dort drin tot umgefallen. Was ist dem passiert? Hat man ihn obduziert?
Tkachuk:
Von einer Obduktion weiß ich nichts. Es gibt jedenfalls innerhalb des Reaktor die Koerzitivfelder, das sind radioaktive Wirbel aus Teilchen, Gammastrahlung. In einem geschlossenen Raum stoßen nämlich die Teilchen an Hindernisse, etwa an Mauern, werden reflektiert und können so einen Menschen Tausende Male treffen. Im Freien gehen sie jeweils nur einmal durch den Körper und gelangen dann halt irgendwo hin. Diese Wirbel im Inneren waren sehr gefährlich, man kann sie nicht sehen und sie verlagern sich auch. Nach der Explosion ist der Kernbrennstoff geschmolzen und nach unten in zahlreiche Räume des Reaktorblocks geronnen und ist heute noch dort. Die Ströme erstarrter Lava des Kernbrennstoffs sind von einer dicken Staubschicht bedeckt. Wenn man da draufsteigt, bedeutet das den sofortigen Tod.

War diese Lava noch heiß?
Tkachuk:
Nein. Die Temperatur im Sarkophag betrug 30 bis 40 Grad, manchmal bis zu 60, und diese Ströme waren eigentlich schon abgekühlt. Während und nach der Explosion, als es zur Kernschmelze kam, war der Brennstoff aber 3500 Grad heiß.

Wann genau waren Sie dort drin?
Tkachuk:
Das Datum weiß ich nicht mehr, es war Anfang November 1987. Ich war zuvor schon über lange Zeit (etwa ein halbes Jahr, Anm.) in der Tschernobyl-Zone gewesen und hatte mich dementsprechend quasi an die Strahlung gewöhnt. Ich kam also nicht unmittelbar aus einer „sauberen" Zone und in den Reaktor.

Was taten Sie als erstes, als Sie aus der Stahltür wieder ins Freie traten?
Tkachuk:
Die verstrahlte Schutzkleidung ablegen. Das ist ziemlich schwierig, das Zeug zieht man nicht so einfach aus. Dann gingen wir duschen, zogen saubere Kleider an und die Ärzte untersuchten uns.

Auch die anderen zwei Begleiter von damals starben bereits, einer tage später, der andere nach zwei jahrzehnten Siechtums. Wieso haben Sie, glauben Sie, als Einziger überlebt?
Tkachuk:
Der erste Grund war wohl, dass ich in keinen dieser radioaktiven Wirbel kam. Zweitens bin ich nicht auf Kernbrennstoff getreten. Ich hatte keinen Kontakt damit, der Physiker aber hat zum Beispiel Proben genommen. Ich habe aber auch große Strahlungsdosen abbekommen und das gespürt: Ein halbes Jahr lang war ich in Behandlung, vor allem wegen Problemen mit Hals und Atemwegen. Ich wurde im Hals operiert, hier bilden sich durch Strahlung gern Gewächse. Ich hatte radioaktive Verbrennungen am Hals, auf den Händen, im Gesicht, so dunkelbraun-schwarze Flecken. Ich hatte das fünf Jahre lang. Die Gelenke, vor allem im Knie, taten sehr weh. Das hab ich bis heute. Insgesamt hatte ich wohl Glück.

Sarkastische Zwischenfrage: Hilft Wodka bei der Heilung?
Tkachuk:
Ja, bedauerlicherweise gab es keine objektiven Informationen damals für die Liquidatoren, die Aufräumarbeiter, was helfen könnte, die Strahlung besser zu ertragen, und so beschlossen viele, starke alkoholische Getränke zu trinken. Die waren verboten in der Sperrzone um Tschernobyl, wurden aber auf schwierige Art eingeschmuggelt (lacht). Alle haben geglaubt, wenn man trinkt, kann einen die Strahlung nicht so schädigen. Ich glaube, das ist eine falsche Ansicht.

Was wird aus Tschernobyl werden? Man will doch einen neuen Sarkophag drumherum bauen?
Tkachuk:
Eine Hauptaufgabe meines Buches soll sein, den Menschen vor Augen zu führen, dass 25 Jahre nach Tschernobyl die Menschheit immer noch nicht in der Lage ist, irgendetwas mit dem darin verbliebenen Kernbrennstoff zu machen.

Der jetzige „Sarkophag" ist für 25 bis 30 Jahre ausgelegt, die Zeit läuft, die starke Strahlung trocknet den Beton aus, die Konstruktion wird instabil. Der Brennstoff setzt sein Leben fort und man konnte sich bis jetzt nichts anderes ausdenken als eine neue Konstruktion in Form eines Bogens, um alles noch einmal in eine sichere Hülle zu packen (eine hangarförmige Stahlbetonkonstruktion mit etwa 160 Meter Länge und 110 Meter Höhe um das gesamte Reaktorgebäude; der jetzige Sarkophag, der dieses nur großteils einschließt, ist etwa 60 Meter hoch, Anm.). Das soll in erster Linie Niederschläge abhalten, damit diese nicht in Kontakt mit Kernbrennstoff kommen und radioaktive Teilchen in den Boden spülen.

Und sollte der Sarkophag einmal schwere Schäden erleiden oder einstürzen, soll der Bogen die radioaktiven Aerosole und den Staub zurückhalten. Zudem werden innerhalb des Bogens gewisse Sonderbauwerke, etwa Kräne, sein, mit denen man Verstärkungsarbeiten am inneren Sarkophag durchführen oder gar den Brennstoff irgendwann entsorgen kann. Der Bogen ist für 100 bis 200 Jahre ausgelegt.

Man soll nicht vergessen, als der Sarkophag gebaut wurde, wurden hochradioaktive Trümmer und Materialen dort eingesperrt. Die Mauern sind acht bis 18 Meter dick und von innen von Strahlung gespickt. Es ist das gefährlichste radioaktive Objekt der Welt.



Könnte sich der Kernbrennstoff im Inneren entzünden?
Tkachuk:
Die Wissenschaftler haben folgende Ansichten: Der Brennstoff ist in subkritischem Zustand. Aber da Feuchtigkeit in den Sarkophag eindringt, kommt es zu völlig unklaren, ja unverständlichen Prozessen. Die Gefahr einer Kettenreaktion soll nicht bestehen, aber das sei nicht mit hundertprozentiger Garantie zu behaupten. Die Brennstoffmassen im Inneren sind teils in Bewegung, und sollte etwas zerstört werden, sind die Folgen unvorhersehbar. Während der Explosion waren etwa 190 Tonnen Kernbrennstoff, im wesentlichen Uran, im Reaktor, drei bis fünf Prozent davon wurden in die Umwelt geschleudert, der Rest ist noch drin. Der Tschernobyl-Reaktor war ein Graphitmoderierter, und die Kombination, das Zusammenfließen aus Uran mit Graphit ergab eine Konzentration, die Abertausende Jahre bestehen wird.

Was müssen derzeit ihre, sagen wir, Kollegen in Japan beim havarierten AKW Fukushima I erleben?
Tkachuk:
Als ich von der Tragödie hörte habe ich sofort den Schrecken, die Komplexität und Schwierigkeit der Situation verstanden. Es war mir klar, dass es auch sehr schwierig war, das Ausmaß des Unglücks festzustellen und organisatorische Maßnahmen in der starken Strahlung zu ergreifen. Es ist glücklicherweise rasch gelungen, zu verstehen, was passiert ist, und zu handeln. Es hat sich gezeigt, dass die Japaner ein hohes Maß an Heldentum, Disziplin, Organisation und Selbstlosigkeit an den Tag gelegt haben, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Die Nation wurde zusammengeschweißt durch das Unglück und hat ihre traditionelle Fähigkeit bewiesen, zum Wohl des eigenen Landes auch das eigene Leben zu riskieren. Ich konnte mir sofort vorstellen, wie es dort auch psychologisch schwierig ist in dieser Situation, denn sie haben ja auch die militärische Anwendung der Atomkraft einst kennengelernt. Dieses Buch schrieb ich allerdings vor den Ereignissen in Japan.

Halten Sie Fukushima für einen schlimmeren Unfall als Tschernobyl?
Tkachuk:
Nein. Ich denke, das Ausmaß ist wesentlich geringer, es geht auch um andere Phänomene. Bei uns gab es eine Explosion, der Reaktor war danach nach oben offen und alles ging in die Atmosphäre, etwa 40.000 Röntgen pro Stunde. Der geschmolzene Brennstoff trat aus und floss in die unteren Räume, und man hatte Angst, er könnte sich tief in die Erde einbrennen - man sprach vom „China-Syndrom", weil es Theorien gab, wonach er sich bis zur anderen Seite der Erde nach China durchbrennen könnte. (Was freilich ein Blödsinn ist, Anm.). In Japan waren solche Folgen nicht gegeben. Die Freisetzung an Radioaktivität nach Tschernobyl war etwa 50 Millionen Curie, die Teilchen flogen weg, umkreisten zweieinhalb mal die Erde und gingen als radioaktiver Niederschlag nieder. Dieses Phänomen ist in Japan nicht vorhanden. Es ist aber auch in Japan die Hauptaufgabe, zu verhindern, dass der Brennstoff in den Boden dringt, denn das AKW steht direkt am Meer, und die Erde ist dort nicht sehr sicher.

Werden die Japaner auch so eine Kuppel über Fukushima I bauen müssen?
Tkachuk:
Wahrscheinlich ja. Die Systeme in den Blöcken sind zerstört und es ist nicht möglich, die Reaktoren zu neutralisieren. Sie müssen konserviert werden, später kann man versuchen, irgendetwas damit zu unternehmen. Reparieren kann man so was nicht.

Was ist ihre Meinung generell zur Atomkraft? Sie schreiben wie jemand, der alle Atomkraftwerke am liebsten zusperren würden.
Tkachuk:
Oh nein, ich bin weiter ein Anhänger der Atomenergie, ich denke, die Menschheit muss sie nützen. Man kann technischen Fortschritt nicht aufhalten. Es gibt noch keine ernsthafte Alternative zu Atomenergie. Wir dürfen nicht vergessen, dass Erdöl, Gas und Kohle keine endlosen Resourcen sind und sie negative Folgen für die Umwelt haben. Irgendwann wird man vielleicht eine Alternative zur Atomkraft haben. In der Ukraine wurde eine Agentur zur Weiterentwicklung alternativer Energieformen gegründet, solche Prozesse sind auf der ganzen Welt in Gang. Hoffen wir, dass auch einmal etwas anderes erfunden wird.

Würden Sie zu diesem Anderem auch die Kernfusion zählen?
Tkachuk:
Es gibt diese Entwicklungen, aber die menschliche Vernunft ist noch nicht imstande, sie zu einem ökonomisch effizienten Mechanismus umzumünzen.

Ich meine, einen Widerspruch in Ihren Aussagen und Ihrem Buch zu erkennen: Jetzt sagen Sie, für Nuklearenergie zu sein, aber im Vorwort zum Buch geben Sie sich sehr, sehr technikskeptisch. Sie schreiben sogar, dass die Erde zur „Geisel der Menschheit und ihrer technischen Entwicklung" geworden sei. Ist das nicht übertrieben?
Tkachuk:
In meinem Buch geht es um die zivile und die militärische Nutzung der Atomkraft. Dieser von ihnen erwähnte Satz bezieht sich auf die enorme Ansammlung von Atomwaffen, und die Menschen sollen verstehen, dass dies zu einer Katastrophe für die Menschheit führen kann.

Sie haben kürzlich das AKW Zwentendorf besucht. Das ging ja, weltweit einzigartig, nie in Betrieb. Was denken Sie darüber?
Tkachuk:
Ich hatte dort sehr komplexe, schwierige Gefühle. Das war zwar kein Objekt, das wie Tschernobyl explodiert ist, aber ich hatte dort dennoch das Gefühl, dass eine Art Grabesstille herrscht. Ich bin begeistert über das österreichische Volk, dass diese Entscheidung getroffen hatte. Vielleicht wurde dadurch etwas verhindert, denn in den 1970ern war die Technik noch nicht so entwickelt. Jedenfalls war dort alles so leer und man meint, irgendwie eine Gefahr zu verspüren. Es ist wie ein Schatten, oder ein Mythos.

Klingt wie eine Geisterbahn.
Tkatchuk:
Oh ja.

Zum Buch:

Anatoly Tkachuk (*1950 in Wladiwostok), ein ausgebildeter Artillerieoffizier, der bei den strategischen Raketentruppen der UdSSR gedient hatte und zum KGB wechselte, wachte als KGB-Oberstleutnant anno 1987 über die Sicherheit der Räumtrupps und die Spionageabwehr beim zerstörten AKW Tschernobyl. Er und drei Begleiter gingen als erste Menschen bis zum Kern des schon im „Sarkophag“ verpackten Reaktors, um die Vorgänge dort zu studieren. Tkachuk ist der einzige Überlebende, nun schrieb er ein Buch darüber: „Ich war im Sarkophag von Tschernobyl. Der Bericht des Überlebenden“, styria premium, 320 Seiten, 24,95 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2011)