Anlässlich der Osterfestspiele musiziert die deutsche Instrumentalistin erstmals mit den Berliner Philharmonikern, 2013 kommt sie zu den Wienern. Der Weltstar im "Presse"Gespräch über Kindertrotz und Ruhm.
Da bin ich dann ja schon fast 30“, sagt Julia Fischer und lacht: Fast 30 wird die junge Geigerin sein, wenn sie 2013 als Solistin in einem Konzert der Wiener Philharmoniker debütiert. Den Orchesterolymp, in dem sie ihre Positionen mit diesem Einstand ausbauen wird, hat sie gerade betreten. Anlässlich der Salzburger Osterfestspiele fand ihr Debüt mit den Berliner Philharmonikern statt. Das Glasunow-Violinkonzert unter Sir Simon Rattles Leitung steht noch einmal, während der zweiten Abonnementserie des Festivals am Ostersonntag, auf dem Programm im Großen Festspielhaus.
Außerdem musizierte sie am Gründonnerstag mit Mitgliedern der Berliner in einem der „Kontrapunkt“-Konzerte, die bei den Osterfestspielen für eine Repertoire-Auffächerung sorgen. „Ich bin ja Deutsche“, sagt die Geigerin, „da müssen die Berliner vor den Wienern dran sein.“ Allerdings stammt sie nicht aus dem Brandenburgischen, sondern wurde als Tochter eines bayrischen Mathematikers in München geboren, hat aber mütterlicherseits auch slowakische Vorfahren. Insofern müssen schon aus Gründen der geografischen Nähe die Wiener wirklich bald nach den Berlinern drankommen.
Dass die Künstlerin mit den Spitzenorchestern der Welt musizieren soll, das steht für die Beobachter der Szene jedenfalls seit Langem fest. Die Verbindung aus überlegtem, klar strukturiertem und doch temperamentvollem Spiel macht sie zu einer der herausragenden Erscheinungen der jungen Musikergeneration.
Als Teenager auf internationalen Podien
Mit Dirigenten vom Format eines Lorin Maazel hat sie schon als Teenager arbeiten dürfen. Zu einem Zeitpunkt, als sie sich noch nicht einmal entschieden hat, welchem Instrument sie den Vorzug geben würde. Anders als ehrgeizige Kommilitonen arbeitete Julia Fischer nämlich am Klavier ebenso emsig wie als Geigerin. „Ich wollte beides spielen“, sagt sie. „Meine Mutter ist ja Pianistin, wollte aber, dass ich Geige spiele.“
Woraufhin die Tochter zunächst einmal beleidigt war, weil sie vom mütterlichen Instrument ferngehalten werden sollte. „Ich wollte beides und habe das dann wirklich auch zehn Jahre lang mit der gleichen Intensität betrieben.“
So kam es, dass Julia Fischer nun imstande ist, nicht nur die großen Violinkonzerte der Literatur, sondern auch etwa das Grieg-Klavierkonzert öffentlich zu musizieren (und sogar für eine DVD aufzuzeichnen). Womit sie als Ausnahmeerscheinung gelten darf, ein Rang, der ihr allerdings auch zukäme, wenn sie nur die Geige spielte. Das befanden zumindest die Juroren bei diversen internationalen Wettbewerben, aus denen die Künstlerin seit der Mitte der Neunzigerjahre als Siegerin hervorgegangen ist. Für sie selbst war die Kür keineswegs so einfach: „Ich war zehn, als ich meine erste Beethoven-Violinsonate drangenommen habe, da hatte ich am Klavier aber schon acht Beethoven-Sonaten gespielt!“
Über den Tellerrand zu schauen lohnt sich für einen Interpreten jedenfalls, davon ist Julia Fischer überzeugt: „Wer Bach, Mozart, Beethoven oder Brahms spielt, sollte auch die Musik kennen, die diese Komponisten für andere Instrumente geschrieben haben. Für mich hat sich eine Welt eröffnet, als ich mit 16 angefangen habe, auch Streichquartette zu musizieren, und dieses Repertoire kennengelernt habe.“
Kammermusik würde sie auch heute noch gern öfter machen, als es sich im Konzertalltag ergibt. „2012 werde ich jedenfalls einen Quartettmonat einlegen, das steht schon fest.“ Drumherum aber viel Solospiel, mehrheitlich auf der Geige, mit bedeutenden Orchestern und mit Klavierpartnern vom Format eines Martin Helmchen: „Mit ihm spiele ich sehr gern und würde ich auch gern einmal die Schumann-Sonaten aufnehmen.“
CD: Schubert und farbiger Impressionismus
Die Erfahrungen, die beide Künstler mit Schuberts Violinwerken im Studio gemacht haben, zählen jedenfalls zu den schönen Erinnerungen Julia Fischers. Die Aufnahme ist vor Kurzem bei Pentatone erschienen.
Mittlerweile gibt es einen Vertrag mit Decca. Auf diesem Label ist soeben eine Orchester-CD mit impressionistischen Geigensolostücken erschienen, unter anderem Schwelgerisches von Chausson und Respighi, aber auch Vaughan-Williams „Lark Ascending“, ein Stück, mit dem die Musikerin gute Erinnerungen verbindet, weil sie es musiziert hat, als sie 1995 den Menuhin-Wettbewerb gewonnen hat.
Die neue CD ist gleichzeitig aber auch ein tönendes Denkmal: Am Pult des Orchesters von Monte Carlo stand bei den Aufnahmesitzungen ein Mann, mit dem Julia Fischer viel zusammengearbeitet hat: Yakov Kreizberg. Die gemeinsame CD ist dessen letzte Studioarbeit und erscheint nun zum Gedenken an den Frühverstorbenen.
Auf einen Blick
Osterfestspiele Salzburg: 24.April, Großes Festspielhaus, Glasunow: Violinkonzert unter der Leitung von Sir Simon Rattle.
Ö1 sendet zeitgleich (19.30h) einen Mitschnitt des Kammerkonzerts vom 21.4.: Julia Fischer mit Musikern der Berliner Philharmoniker (R.Strauss, Schönberg, Mendelssohn).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2011)