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Essay: Lulu – meine kleine, ungeschützte Tänzerin

(c) APA/Barbara Gindl (Barbara Gindl)
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Theater muss auch scheitern können. Zum Ausstieg von Minichmayr aus der "Lulu"-Produktion des Burgtheaters: Eindrücke des Schauspielers, der in Bosses Inszenierung den ersten Ehemann von Lulu spielen sollte.

Österreich empört sich. Da setzt oft das Denken aus. „Steuergeld wird beim Fenster hinausgeworfen“, schreit das Volk, aufgepeitscht durch die Sensationsgier von zweifelhaften Presseorganen. Da beklauen sich die Zeitungen untereinander, wenn es nur darum geht, die ungeliebte Kultur runterzumachen. Alle gegen Matthias Hartmann, den Intendanten des Burgtheaters, ein Grund ihn zu mögen.

Hartmann war immerhin eine Geburt aus schwarz-blauen Tagen, ein Werk des mittelmäßigsten aller Burgschauspieler, des Staatssekretärs Morak. Management brauche die Kultur, forderte er – „Marketing“ hallte es aus dem Schlaflabor (MA7) von „Seitenblicke“-Star Mailath-Pokorny dazu.

 

Hinter schwarzer Krempe: Ignaz Kirchner

Seit drei Wochen probiere ich in Wedekinds „Lulu“ den Dr. Goll, Lulus ersten Ehemann, am Burgtheater unter der Regie von Jan Bosse. Die Holzbank vor dem Portier der Probebühne im Arsenal ist bei meiner Ankunft schon belegt. Die Wolken hängen tief, hinter einer schwarzen Hutkrempe das spitzfindige Lächeln einer Ikone des Theaters: Ignaz Kirchner als Schigolch, der Vater Lulus.

Die Wolken spüren, dass es an der Zeit ist, der Sonne Platz zu machen. Mit dem ersten Strahl, voll des Glücks, gesellt sich Birgit Minichmayr auf unsere karge Bank. Die anderen Kollegen müssen stehen. Hartmann hatte es den Wienern versprochen: „Ihr wollt das Beste, ihr sollt das Beste haben.“ Auftritt der ersten Garde deutscher Schauspieler, von Peter Kurt, Max Simonischek und Peter Knaack bis André Meyer und Regina Fritsch.

 

„Meine Männer“, sagt Minichmayr

Ein Auto prescht an die Gruppe heran. Jemand hat die Herrschaft über sein Auto verloren, denke ich, dann das Aufheulen der Bremsen. Der Regisseur Jan Bosse macht sich laut bemerkbar. Hinter der Autoscheibe wirkt er wie ein Bräutigam, der sich freut, vor einer Akademie einen Vortrag über gelungene Ehen zu halten. Dramaturgen, Bühnenbildner, Hospitanten, Kostümbildnerin, alle sind sie da für die Leseprobe. Es ist ein Liebesspiel, ein Hinhören und ein Suchen, eine Berührung mit der Sprache, die Sprachmelodie modelliert die Figur, stellt den Menschen dar. Jetzt strahlt der Regisseur, seine Besetzungsidee scheint aufgegangen.

„Meine Männer“, sagt Minichmayr. Und schaut auf uns mit sinnlicher Lust ohne Mitleid. Ich habe noch nie so viel Brüchiges, Verzweifelndes bei einer Leseprobe gehört wie von Birgit Minichmayr. „Oh Gott“, denke ich mir, „wie kann ich das durchstehen, ich heule jetzt schon – und – wie kann sie das durchstehen?“ Diese Ausnahmekünstlerin reißt sich mit jeder Rolle das Herz aus dem Leib. Mit jeder Rolle gibt sie ein Stück von sich preis. Dabei merkt man gar nicht, dass sie eine Schutzsuchende ist. Jemand, der den Schmerz so sehr an sich heran lässt, braucht keinen wissenschaftlichen Ratschlag; sie braucht Liebe.

 

Im Bett mit Wedekind

Die folgenden Wochen gehen alle mit Wedekind ins Bett und wachen geschwängert auf. Es macht mir großen Spaß, über die süßen kleinen Tänzerinnen zu fantasieren und dabei Lulu zu quälen. Ich komme dem Schwein in mir immer näher. Jan Bosse gibt uns Freiraum im Denken und Fühlen. Nächste Woche soll der vierte Akt verfilmt werden. Ich möchte von Bosses Konzept nichts verraten, ich hoffe nur, dass es einmal realisiert werden wird. Dann wurden auf der Probebühne Fragen gestellt, die niemand wirklich beantworten konnte. Das Burgtheater ist kein Stadttheater, es ist mehr. Aber was macht den Unterschied? Was erreicht man, wenn man das Beste sammelt, wo ist da noch die Überraschung? Ich habe mich aus dem Stadttheater zurückgezogen, weil das Theater auf Erfolg subventioniert wird. Dabei sind Subventionen da, um Grenzgänge zu wagen, das Scheitern als Qualität zu sehen.

Der Erfolgsdruck entmachtet die Fantasie. Das Theater heute hat sein Geheimnis verloren. Der letzte Freiraum ist fremdbestimmt. Finanzielle Zwänge, von der Politik vorgegeben, verharmlosen das Theater. Das Theater passt sich der Struktur der Politik an. Es ist nicht mehr der Vordenker einer Gesellschaft, es kommt zu spät und wird belächelt (siehe Nestroy-Preis).

„Ich fühle mich schon ein bisschen wie Annemarie Düringer“, sagt Birgit plötzlich mit Respekt und fügt hinzu: „Ich spiele Rolle um Rolle und merke gar nicht, wie ich ein Teil dieses Apparats geworden bin. Warum machen wir denn überhaupt heutzutage dieses Stück ,Lulu‘? Lasst uns doch darüber sprechen.“ Lange Stille. 30Menschen sitzen auf der Probebühne und denken über eine Frage nach, die sich noch niemand in dieser Produktion gestellt hat. Und jeder im Raum ist betroffen, jeder fühlt sich als ein Teil der Menschen in Wedekinds „Lulu“. Fragen stellen, sich immer infrage stellen, wer wenn nicht wir?

 

Ergebnisse der Arbeit werden bleiben

Die Proben am Tag darauf werden abgesagt. Auf diesem Fundament war es für Birgit nicht möglich, ihr Lebenshaus für „Lulu“ zu bauen. So funktioniert eben auch ein offener Prozess am Theater. Wie schön, dass es das noch gibt. Einer Denkwerkstatt, deren Freiraum auch Scheitern sein muss, hat man das Urteil entzogen.

Das Theater fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ergebnisse aus dieser Arbeit aber bleiben. Eine Inszenierung wurde geplant, es wurde viel nachgedacht, es wurden Konflikte ausgetragen. Das Theater gibt sein Scheitern zu, das stimmt uns traurig, es ist die Hölle, da müssen wir durch. Übrig bleibt eine johlende Meute von schlechten Journalisten, die sich hinter die Bühne der Gerüchte geschlichen haben, ohne wirklich etwas zu wissen, eine gedachte Lulu, ein wunderbarer Regisseur im Korsett der Verzweiflung, ein trauriger Intendant und Kollegen, denen niemand zuschaut. Und ich warte auf den Ort, die Zeit und das Theater, wo eines Tages Birgit Minichmayr die „Lulu“ spielt, und sei es am Ende der Welt, ich werde ihr nachreisen, meiner kleinen, ungeschützten Tänzerin.

Zum Autor

Peter Kern, geboren 1949 in Wien, ist Schauspieler, Regisseur und Feuilletonist (z.B. in der „FAZ“), erhielt u.a. zweimal den Deutschen Filmpreis in Gold. Sein Film „Mörderschwestern“ startet bald. In der geplatzten „Lulu“-Aufführung am Burgtheater war er als Dr. Goll, Gatte von Lulu, besetzt. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2011)