Kärnten: "Anschläge nach dem Vorbild der IRA"

Kaernten Anschlaege nach Vorbild
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19 Sprengstoffanschläge hat es in den 70er-Jahren in Kärnten gegeben. Die Täter kamen vom jugoslawischen Geheimdienst, möglicherweise aber auch aus einer revolutionären Zelle in Kärnten selbst.

Es war eine kleine Gruppe, die sich Anfang der 70er-Jahre in Südkärnten zusammenfand. Die politische Ausrichtung: links. Genauer gesagt: leninistisch-maoistisch, so die Definition des Historikers Alfred Elste. Das Ziel: Fragen der slowenischen Minderheit in Kärnten zu lösen. Die angepeilte Methode: Terroranschläge nach dem Vorbild der IRA.

Elste ist Leiter einer unabhängigen Historikerkommission, die im Auftrag des Landes Kärnten seit Monaten die Archive in Klagenfurt, Wien und Laibach durchforstet. Sie soll die Ereignisse der 70er-Jahre wissenschaftlich aufarbeiten: Den Ortstafelsturm, mit dem „Deutschkärntner“ Kreise die Aufstellung zweisprachiger Aufschriften verhinderten, und auf der anderen Seite die Sprengstoffanschläge. 19 gab es davon zwischen 1970 und 1979, den letzten auf das Heimatmuseum in Völkermarkt. Bei diesem kennt man die Täter, sie wurden bei dem Anschlag selbst verletzt und festgenommen: Sie kamen vom jugoslawischen Geheimdienst.

Doch hatte der Geheimdienst UDBA Helfer unter nationalbewussten slowenischen Kärntnern, wie das der slowenische Politiker Janez Janša aufgrund der Kenntnis von Geheimdienstakten behauptet? Oder ist ein Teil der Anschläge gar von Kärntnern verübt worden? Auch das gehört zu den Fragen, die Elste beantworten soll.

Die Historikerkommission wird ihre Arbeit noch bis ins Jahr 2012 fortsetzen. Gefunden hat Elste aber schon die erwähnte revolutionäre Zelle. Sie hat zwischen 1973 und 1975 Aktivitäten entfaltet, die Mitglieder sind Elste zum Großteil bekannt: Es handelt sich um vier bis sechs Personen, die meisten davon waren junge Kärntner Slowenen, die in enger Verbindung mit dem Klub slowenischer Studenten in Wien standen.

Sprengstoff-Experte. Von einem Mitglied kennt er nur den Decknamen: Pasterk-Lennart, benannt offensichtlich nach dem 1943 verstorbenen Franc Pasterk-Lennart, dem Kommandanten des 1.Kärntner Bataillons der Partisanen. Elste vermutet, dass es sich um einen ehemaligen Partisanen gehandelt hat, der Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff in die Gruppe eingebracht hat.

Aus den Dokumenten nachweisbar sind brisante Kontakte dieser Gruppe: Nach Italien zu den Roten Brigaden und zu den revolutionären Gruppierungen Lotta Continua und Potere Operaio. Nach Südfrankreich zu den dortigen Baskenorganisationen. Und nach Nordirland zur IRA. Im Jahr 1972 oder 1973 hat sich auch ein Aktivist der IRA in Kärnten aufgehalten und in Eberndorf vor einem Kreis Kärntner Slowenen einen Vortrag gehalten über „Kampf und Kampfmethoden in Nordirland“. Auch Waffen hat die Gruppe gelagert – die soll sie vom tschechischen Geheimdienst bezogen haben.

Elste wird in den kommenden Monaten Kontakt mit Zeitzeugen aufnehmen – darunter auch mit den Mitgliedern dieser revolutionären Zelle, die immer noch in Kärnten leben, aber nicht mehr politisch aktiv sind. Vorher werde er auch keine Namen bekannt geben. Es gilt die Unschuldsvermutung, nicht aber der Datenschutz: Spätestens mit dem Schlussbericht werden alle involvierten Personen genannt.

Kroatische Terroristen. Ob die revolutionäre Zelle auch an den Sprengstoffanschlägen beteiligt war, ist nicht bekannt. Die Archive in Laibach, die darüber Auskunft geben könnten, sind nur teilweise geöffnet. Geklärt ist ein Anschlag aus dem Jahr 1968 gegen das jugoslawische Generalkonsulat in Klagenfurt, die Täter waren kroatische Terroristen, Mitglieder einer geheimen Emigrantengruppe, die Anschläge auf insgesamt 168jugoslawische Gebäude verübt hat. Der Geheimdienst UDBA rächte sich mit Mordanschlägen gegen die Gruppe.

Bei einem Anschlag auf eine Eisenbahnbrücke im Jahr 1977 gibt es plausible Hinweise darauf, dass „ein Einsatzkommando aus Laibach“ diesen verübt hat. Und bei einem Anschlag auf ein Partisanendenkmal sollen Kärntner Slowenen ihre Finger im Spiel gehabt haben – behauptet zumindest der frühere slowenische Ministerpräsident Janša mit Berufung auf Geheimdienstquellen.

Klar ist jedenfalls: Kärnten war eine Spielwiese des jugoslawischen Geheimdienstes. Laut Elste waren insgesamt 72Personen in Österreich für den UDBA tätig, davon 40 hauptberuflich, 32 werden in den Akten als „Quelle“ geführt. Auch da hat die Historikerkommission bereits etliche Identitäten klären können. „Da sind honorige Persönlichkeiten dabei, alle Berufsschichten waren vertreten“, sagt Elste. Juristen ebenso wie Politiker und Funktionäre slowenischer Vereine. Der Schwerpunkt der UDBA-Aktivitäten lag klarerweise in Kärnten: Allein 32 der 72 Aktivisten saßen in Klagenfurt. Ein Teil davon lebt heute noch hier.

Mit diesen Mitarbeitern entfaltete der Geheimdienst umfangreiche Tätigkeiten. So wurden etliche Journalisten bespitzelt, darunter auch Andreas Unterberger, damals außenpolitischer Redakteur der „Presse“, ORF-Osteuropa-Experte Paul Lendvai oder der langjährige Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, Heinz Stritzl. Ebenfalls im Visier des Geheimdienstes: Der Obmann des Kärntner Heimatdienstes, Josef Feldner.

Neues zum Ortstafelsturm.
Dem Vorwurf, im Auftrag der Landesregierung gegen die Kärntner Slowenen zu agieren, widerspricht Elste vehement. Ziel sei Aufklärung und Offenlegung, auch von Fakten, die für die „Deutschkärntner“ Seite nicht so angenehm sind.

So habe man zum Ortstafelsturm ebenfalls neue Erkenntnisse gewonnen und wisse aufgrund des Archivmaterials von etlichen Gruppierungen, die da aktiv beteiligt waren. Diese sollen laut den Erkenntnissen aus allen politischen Lagern in Kärnten kommen – auch aus der SPÖ. Und auch in diesen Fällen will die Historikerkommission im kommenden Jahr die Fakten offenlegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2011)

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