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Das Ende der Nachkriegszeit

Ende Nachkriegszeit
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Die Kultur des gemütlichen Stillstands und des bequemen Vermeidens jeglicher Konfrontation, die das Österreich der vergangenen Jahrzehnte geprägt hat, bröckelt an allen Ecken und Enden. Wie sich die Institutionen unserer Gesellschaft selbst ausgehöhlt haben – und warum sich schon bald alles ändern wird.

Zuerst Fritz Muliar, dann Peter Alexander. Und Kardinal König ist sogar schon seit sieben Jahren tot. Die Nachkriegszeit ist endgültig zu Ende, und sie hat es noch gar nicht so richtig gemerkt. Nicht nur in Österreich, aber sehr deutlich eben auch hier. Die Ära der Nachkriegszeit hat zwar im Jahr 1968 eine erste Zäsur erlebt, aber irgendwie hat man ja die Revolutionäre dann doch inhaliert und integriert, sodass man weitermachen konnte wie bisher: in beruhigenden Fiktionen leben.

Jetzt aber bröselt es an allen Ecken und Enden. Der europäische politische Nachkriegskonsens, der Populismus keinen Platz eingeräumt hat, ist spätestens seit Haiders Regierungsbeteiligung in Trümmern. Die Große Koalition ist, wenn der Trend hält, spätestens bei der übernächsten Wahl zu schwach, um eine Mehrheit zu bilden. Die bisherige Basis der Kompromisswirtschaft der Großen – das Verständnis der gemeinsamen Sachwalterschaft Österreichs, die man 1945 angetreten habe – trägt nur noch den Machterhalt in der Gegenwart, aber bringt keine Lösungen für die Zukunft mehr hervor.

Weltgeschichtlich gesehen, war die Nachkriegszeit eine Zeit der geistigen Stillhalteabkommen. Dass mit der Industrialisierung und dem beginnenden Triumph der Naturwissenschaften um die Mitte des 19.Jahrhunderts Gott zur Marginalie der europäischen Gesellschaften geworden ist und 100Jahre später Nationalismus und Sozialismus als alternative Ordnungsprinzipien des menschlichen Zusammenlebens diskreditiert waren, hat man zwar irgendwie zur Kenntnis genommen.

Aber die Suche nach einem Ersatz oder einer Rückbesinnung – eigentlich der Gigatrend Europas seit ca. 1890 – wurde vertagt, auch noch, nachdem die 68er mit schlechten Frisuren und ein wenig nacktem Popo versucht hatten, darauf aufmerksam zu machen. Irgendwie schien es ja auch nicht notwendig zu sein, denn der materielle Fortschritt schien ein ganz taugliches Ersatzmittel. Für akute Anfälle von Sinn-Insuffizienz gab es ja eh noch ein bisschen Weihrauchschwenken in der Kirche, die mit ihrer eher dekorativen Rolle auch nicht ganz unglücklich schien. Und wer Gemeinschaftsgefühl wollte, sah mit dem Rest der Nation „Wetten, dass..?“.

Doch die paradigmatischen Fiktionen, der prekäre Unterbau der Nachkriegszeit und des großen Konsenses, sind am Ende ihrer Kräfte angekommen. Die Fiktion, dass man nationales Zusammengehörigkeitsgefühl durch ein paar Touristenattraktionen auf Dauer begründen könnte. Lipizzaner und Sängerknaben sind immer noch Kassenmagnete und fachlich Weltklasse. Aber an ihnen heute das Wesen Österreichs festmachen zu wollen ist nur noch Spießbürgern möglich. Eine Befassung mit der weiteren, tieferen Geschichte Österreichs findet öffentlich nicht mehr statt. Staatliches Gedenken geht nicht weiter zurück als 1955, also dem Jahr, seit dem die Österreicher nichts mehr Bedeutendes, Lebensveränderndes miteinander erlebt haben – also das, was eine Menschenmasse zu einer Nation macht. (Cordoba vielleicht ausgenommen.)


Bequeme Fiktionen. Die Fiktion, mit dem Verzicht auf beinharte inhaltliche Auseinandersetzung auf Dauer die Zukunft gestalten zu können. Jede etablierte Partei gab die weichgespülte Version ihrer selbst zum Besten. Nicht erst im Ringen mit dem Gegner wurde der Kompromiss erzielt, sondern schon im eigenen Angebot vorweggenommen. Manchmal kommt dieser Versuch, jederzeit allen alles sein zu wollen, schon in der Namensgebung durch, etwa in der „ökosozialen Marktwirtschaft“, die im Lauf der Zeit zur öko-sozialen-ethno-gender-Diversitäts-Chancengleichheit-Marktwirtschaftwerden wird, wobei jede weitere Beifügung eine weitere staatliche Einflussnahme bezeichnet. Nicht, dass das Leisetreten nach der ultimativen Rücksichtslosigkeit des Nationalsozialismus unverständlich gewesen wäre oder keine guten Werke hervorgebracht hätte. Aber wir haben damit verlernt, harte und trotzdem konstruktive öffentliche Auseinandersetzungen zu führen.

Die Fiktion der Intellektuellen, dass die Wertorientierung einer Gesellschaft durch Abgrenzung und Negativdefinition aufgebaut und erhalten werden kann. Ein paar Jahrzehnte konnte man versuchen, allein durch die Nachbewältigung des Nationalsozialismus so etwas wie Ethik zu postulieren und jedes Unrecht anderswo als unvergleichbar auszublenden, aber das läuft sich irgendwann tot. Spätestens mit Tarantinos „Inglorious Basterds“ und der Übernahme der Nazi-Gräuel in die Populärkultur ist klar, dass das nicht mehr lange geht.

Die Fiktion, dass es noch so etwas wie eine lebendige europäische Kultur gibt, an die man durch Rückgriff auf die Zeit vor 1938 wieder Anschluss gefunden hätte. In Wirklichkeit hat man nur im europäischen Museum Aufnahme gefunden. Die alte europäische Kultur ist im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und von Nazis und Kommunisten endgültig umgebracht worden. Aber weil sie unter anderem auf einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft und dem Menschen- und Weltbild des Christentums aufgebaut hat, würde sie auch gar nicht in die Moderne passen. Wie sehr die alte europäische Kultur „unheutig“ wäre, kann man vielleicht an einer ihrer letzten Zuckungen ermessen – der Disqualifikation der schwedischen Dressurreiter-Olympiamannschaft 1948, weil ein Mitglied des Teams nur Unteroffizier und nicht Herrenreiter war, wie es das Reglement vorschrieb.

Und schließlich die Fiktion, dass man mit einem stetigen Wohlstandsverbesserungsversprechen die radikale Heimatlosigkeit der Menschen im postchristlichen Europa auf Dauer übertünchen könne. Nach christlichem Verständnis ist das schon deswegen eine Fiktion, weil der Mensch außerhalb einer persönlichen Beziehung zu Gott immer Heimweh haben wird, auch im thermisch optimierten, flachbildschirmbewehrten Zuhause (Kirchenvater Augustinus sagt: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet dir.“). Aber es ist auch schon ökonomisch eine Fiktion – anders als die klassische amerikanische Ablenkungsformel „Du kannst dir ein besseres Leben schaffen, wenn du dich nur anstrengst“, die ein vorübergehendes Scheitern im System einprogrammiert hat. Die kontinentaleuropäische Formel „Der Staat schaut darauf, dass es dir von Jahr zu Jahr besser geht“ erzieht die Menschen hingegen zu Wohlfahrts-Junkies mit ziemlich hässlichen Entzugserscheinungen im Fall eines Misserfolgs.


Die Regierung, ein Heilsbringer? Vor allem die letztgenannte Fiktion wirkt sich in vielen Lebensbereichen aus. Rezessionen – ein Bruch des staatlichen Heilsversprechens – werden mit billigem Geld zugedeckt, obwohl ihre Ursache bereits ein Überangebot an billigem Geld war. Dadurch läuft die Wirtschaft auf wesentlich höheren Touren, als es ihr und uns guttut. Die Tugend der Sparsamkeit wird von den Ökonomen, die dies verteidigen, auf den Kopf gestellt – es lebe die Steigerung des Privatkonsums, sprich das zwanghafte Geldausgeben für Dinge, die man im Grunde vielleicht gar nicht will, und die einen jedenfalls nicht glücklicher machen. Denn die menschliche Psyche zeigt immer wieder, dass Wollen stimuliert, Haben aber langweilt oder bestenfalls eine Durchgangsphase zum nächsten Wollen ist. Dass Geben eigentlich befriedigender sein könnte, gibt es nur in der angebotsorientierten Wirtschaft, und die ist in der österreichischen Ökonomenszeneimmer noch verpönt. Bei Politikern sowieso. Die Fiktion, dass man sich aus allen Jammertälern herauskaufen kann, und wenn der Staat dabei pleitegehen sollte, ist einfach attraktiver.

Und die Politiker haben das dankbar aufgegriffen – auch das beileibe nicht nur in Österreich. Dies ist ebenso eine Fiktion der Nachkriegszeit: dass eine Regierung Heilsbringer Nummer eins in allen Nöten des Menschen sein kann, auch noch in der Überflussgesellschaft. In einer durch den Mangel charakterisierten Gesellschaft beschränkt sich die Bemutterung durch eine benevolente Regierung weitgehend auf das Wirtschaftliche. In einer Überflussgesellschaft fühlt sich eine Heilsbringer-Regierung, die nur noch in einem kleinen Teil der Bevölkerung tatsächlich materielle Nöte lindern kann, zunehmend für Wehwehchen zweiter und dritter Ordnung der Bürger zuständig – dafür, dass sie nicht zu heiße Glühbirnen verwenden, dass niemand sich gekränkt fühlt, dass alle immer wissen, dass alle immer wunderbar sind. Nach Christentum, Nationalismus und Sozialismus ist ja nur noch die Ideologie der Antidiskriminierung als derzeit letzte einigende Idee übrig geblieben, und ihr zu huldigen fällt keinem schwer, der einen anerkannten Vorwand zur Machtausübung sucht.


Erstarrtes System. So passt heute auch in Österreich nichts mehr zusammen. Parteien haben immer noch Strukturen wie in der Zwischenkriegszeit, die Politik spielt sich auf Landesebene in Mustern des 18. Jahrhunderts ab, auf nationaler Ebene immerhin so, als wären wir schon im Jahr 1950. Intellektuelle postulieren im Namen der gesellschaftlichen Vielfalt Einheitsmeinungen. Und die Menschen organisieren sich längst nicht mehr nach den weltanschaulichen oder berufsständischen Schubladen, die für Parteien und Interessenvertretungen noch immer gelten. In welche Kammer gehört ein selbstständiger Grafiker, der für einen einzigen Kunden arbeitet? In welche Partei ein Schwuler, der gegen den Neoliberalismus, aber für Atomkraftwerke ist? Was heißt heute noch sozialdemokratisch? Was bürgerlich? Was links? Was rechts? Was konservativ oder liberal? Hat das Wort „urban“ jenseits der Toleranzfragefür seltene sexuelle Orientierungen noch eine Bedeutung?

Die Menschen sind dabei, sich neue geistige Behausungen zu suchen. Das ist ein faszinierender und in einer offenen Gesellschaft eigentlich auch ganz normaler Prozess. Er passt nur so gar nicht zu der Art, wie heute Parteien auftreten, sich definieren, Politik machen, wie sie reden, und wie sie die Zukunft vorbereiten. In Wirklichkeit verschieben sich gerade die tektonischen Platten der Gesellschaft, aber an den Spitzen des Landes spielt man immer noch Fritz-Muliar-und-Peter-Alexander-Österreich, wo jeder im Grunde ein netter Kerl und das Ende immer versöhnlich ist. Grad, dass der Bundespräsident nicht bei der Neujahrsansprache ein bisschen Hans Moser imitiert.

Es braucht in solchen Zeiten nur ein oder zwei charismatische Persönlichkeiten oder ein paar wirklich handfeste Skandale, und alles liegt in Scherben. Die verfassungsmäßig einzementierten Interessenvertretungen sind noch am besten gegen Neuerungen abgesichert, aber Parteien, Bewegungen, Kirchen sind in ihrer gesellschaftlichen Stellung viel weniger stabil, als sie sich noch den Anschein geben. Die vergangenen 65Jahre haben gerade wegen des äußerlich so gut konservierten Zustandes die Fundamente der fein austarierten Nachkriegsordnung gehörig angenagt. Es ist, als ob mit dem Erreichen des Pensionsalters ein ganzes System draufkommt, dass es doch nicht mehr so vital ist, wie es gerade eben noch gedacht hat. Oder eigentlich noch immer nicht draufkommt, obwohl es jedem anderen schon lange auffällt.

Schon bald kann vieles ganz anders sein, und dann brechen viele verdrängte Auseinandersetzungen erst so richtig los. Die große Inkonsequenz der Nachkriegsordnung, das Zurückschrecken vor endgültigen Festlegungen, das Irgendwie-alles-zulassen-Wollen wird dann noch einmal Nachwirkung zeigen. Weil bisher niemand gerne irgendwelche Türen mit Vehemenz schließen wollte, sind alle offen. Das Neue kann sich in jede Richtung entwickeln, keine ist ihm verwehrt. Ob das ein Segen ist, ist eine Frage des Standpunktes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2011)