Ab 6. Mai ist im Volkstheater "Punk Rock" von Simon Stephens zu sehen. Ein Gespräch mit den Schauspielerinnen Katharina Straßer, Nanette Waidmann und Annette Isabella Holzmann.
„Punk Rock“ handelt von einer Clique von Jugendlichen, von Leistungsdruck, Coolness, Leidenschaften – und von einem Amoklauf. Sie spielen drei Mädchen. Erinnern Sie sich an Ihre eigene Schulzeit?
Katharina Straßer: Diese Mädchen sind 17. Sicher ist es leichter, etwas zu spielen, was man selbst erlebt hat. Wenn ich eine 40-jährige toughe Anwältin spielen würde, wäre das sehr interessant für mich, aber ich weiß nicht, ob ich das so authentisch über die Rampe bringen könnte wie eine 17-Jährige.
Nanette Waidmann: Natürlich erinnert man sich, merkt, was für Riesenthemen damals im Leben aufgetaucht sind, was man alles verdrängt hat, worüber man nicht nachgedacht hat.
Schlüpft man leicht in diese Rollen?
Waidmann: Ich bin 26, aber ich fühle mich manchmal wie fünf, dann wieder wie 17. Das ist vielleicht typisch Schauspieler: Man packt die Kindheit in die Tasche und wird nie erwachsen.
Ist „Punk“ hier als Lebensgefühl gemeint?
Waidmann: Das Stück heißt „Punk Rock“, aber auf den ersten Blick erkennt man nichts von Punk: Die Leute sind alle hübsch und akkurat angezogen, in ihren Blüschen, gehen in eine Eliteschule. Alles ist sauber, wirkt überwacht. In jedem von diesen Jugendlichen schlummert aber das Anarchie-Gen. Sie leben in diesem System, benutzen es als Schutz. Trotzdem versuchen sie, gegen die Wände zu krachen, zu sehen, wie komme ich hier raus. Der Punk ist quasi in ihnen drin, man sieht ihn nicht, man spürt ihn nur.
Die Freundschaft der drei Mädchen ist wie alles in diesem Drama brüchig.
Annette Isabella Holzmann: Die drei in dem Stück sind Freundinnen. Trotzdem bespitzeln sie einander eigentlich die ganze Zeit. In Wahrheit mögen sie einander gar nicht. Ich spiele sozusagen die Titel-Verteidigerin Cissy. Lilly (Straßer, Red.) kommt neu in die Klasse, da müssen sich alle neu positionieren und es gibt die Sorge: Hoffentlich ist da nicht eine cooler als ich. Die Gruppe muss sich definieren. Irr sind wir, glaube ich, alle, man weiß aber nie, wer wann wirklich austickt.
Es herrscht eine lauernde Atmosphäre.
Straßer: Dieses Stück zeigt einen Boxring. Jeder kämpft ums Überleben, jeder versucht sein Gesicht zu wahren. Es gibt klar konturierte Typen: den Stänkerer, die Neue, den Sportler, den Freak, den Nerd...
Wie war das bei Ihnen?
Straßer: Ich selbst bin zuerst in ein Sportgymnasium gegangen, das war gemischt, dann in ein katholisches Oberstufenrealgymnasium in Innsbruck. Das war eine Riesenumstellung: zuerst Sport, Jungen, Konkurrenz, dann Musik, singen, kuscheln, nur Mädchen. Ich habe das sehr genossen. Ich war mit 17 nicht gerade eine Schönheit. Es war sehr angenehm, dass man sich nicht überlegen musste: Schminkt man sich jetzt, was zieht man an? Es war manchmal wahnsinnig langweilig, aber man konnte sich auf die Arbeit konzentrieren. Ich hatte außerhalb der Schule meinen Freundeskreis mit Burschen – und manchmal habe ich mich in Lehrer verliebt.
Das Stück spielt in England. Ist der Schulalltag bei uns auch so?
Straßer: Ich denke schon. Meine Schwester geht in Wien in die Wasagasse. Ich finde es schon ziemlich heftig, was da abgeht. Sie macht heuer Matura, der Druck ist ganz schlimm, nicht nur, was die Leistung betrifft. Da gehen Kinder von reichen Eltern hin, die ihnen Geld geben, weil sie nie da sind. Weggehen, Feiern, wie man sich stylt, was man anhat, das ist alles ein Riesenthema. Mein Vater sagt dann schon manchmal zu meiner Schwester, wenn sie sich morgens anzieht: „Clara, du hast nur Mathe!“ Bei mir war das ganz anders. Ich hatte keine Existenzängste. Ich bin immer so mitgeschwommen und durchgekommen. Meine Eltern waren da ganz relaxed. Einmal ging es im Sportgymnasium um Adidas- oder Nike-Schuhe, die konnten wir uns nicht leisten. Aber da war ich schon weit genug und wusste, das ist nicht wirklich wichtig. Vielleicht bin ich auch zu gesund für solche Sachen.
Wie werden diese Jugendlichen mit dem Leben zurechtkommen, wenn sie erwachsen sind? Werden sie sich anpassen?
Waidmann: Es geht immer darum, dass man nur nach Bestnoten bewertet wird. Warum nicht nach Kleidern, nach dem Witz, nach dem Musikgeschmack? Die jungen Leute in dem Stück stehen unter einem wahnsinnigen Leistungsdruck. Sie sind verpflichtet, schnell erwachsen zu werden. Gleichzeitig sind sie total damit beschäftigt, nachzudenken, wie viel darf ich essen, bin ich schön? Einerseits geht es um die Funktion, die man später einmal im Leben einnimmt, andererseits darum, dass man einfach ein junger Mensch sein möchte, der seinen Emotionen und dem Leben, das in einem flutet, ausgesetzt ist. Das hat Simon Stephens sehr gut beschrieben.
War es früher einfacher, jung zu sein?
Holzmann: Ich weiß es nicht. „Die Menschen haben schon immer gesagt, dass die Welt untergeht. Auf jeden Fall hat sich alles verändert“, heißt es in „Punk Rock“.
Katharina Straßer, 1984 in Tirol geboren, spielte viele Rollen am Volkstheater (zuletzt Tennessee Williams: „Baby Doll“) sowie „My Fair Lady“ an der Volksoper. Außerdem ist sie zu sehen in der TV-Krimiserie „Schnell ermittelt“.
Nanette Waidmann, Jg. 1984, Deutsche, am Volkstheater spielte sie u. a. in Brechts „Puntila“, Ismene in „Antigone“.
Annette Isabella Holzmann, Jg. 1980, Graz, spielte am VT u.a. in „Der nackte Wahnsinn“, „Stadt ohne Juden“, „Peer Gynt“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2011)