Von Kaisern, Bauernbefreiern und Haider-Buben

Kaisern Bauernbefreiern HaiderBuben
(c) APA (HERBERT PFARRHOFER)

Sebastian Kurz ist nicht der erste Politiker, der in jungen Jahren Karriere macht. Eine kleine Reise in die österreichische Vergangenheit.

Der junge Mann ist wohlerzogen, eloquent und ziemlich eitel: der Anzug modisch, das Hemd glatt gebügelt, die Haare nach hinten geföhnt. Nur die Krawatte lässt er oft daheim, um sich lässig abzuheben von der etablierten Politikerkaste. Die Medien nennen ihn einen politischen „Jungstar“, dessen Karrieresprung eine mehrfache Signalwirkung entfalten soll: an die Jugend vor allem, aber auch an eine Wählerschicht, die sich als bürgerlich begreift.

Man wird in diesem Sommer 1993 nicht das letzte Mal von Karl-Heinz Grasser hören und lesen, der mit 24Jahren soeben zum dritten Generalsekretär der FPÖ gewählt wurde. Ein Jahr später, mit 25, wird ihn Jörg Haider zum stellvertretenden Landeshauptmann von Kärnten machen und mit 31 zum Finanzminister einer Bundesregierung.

Ein Teil der Geschichte scheint sich zu wiederholen: Der eloquente, krawattenlose und mit seinen 24 Jahren noch etwas bubenhafte Sebastian Kurz wurde diese Woche als Integrationsstaatssekretär angelobt. „Zauberlehrling“ von ÖVP-Chef Michael Spindelegger nannte ihn „Österreich“ prompt. Grasser wurde seinerzeit als „Haider-Bub“ tituliert.

Für Irritationen und bisweilen auch Spott ist verlässlich gesorgt, wenn Jungpolitiker in Österreich Karriere machen. Dabei ist das Alter per se kein Kriterium für ein programmiertes Scheitern. Der 25-jährige Bauernsohn Hans Kudlich aus dem schlesischen Lobenstein wurde im Juni 1848 in den Reichstag gewählt. Einen Monat später plädierte er dafür, die Untertänigkeit der Bauern samt Robot aufzuheben. Mit Erfolg: In leicht abgewandelter Form wurde dem Antrag im September stattgegeben.

Im Wiener Oktoberaufstand 1848 kämpfte „Bauernbefreier“ Kudlich dann vergeblich um die Verlegung/Auflösung des Reichstages, flüchtete, wurde – in Abwesenheit – zum Tode verurteilt und 1867 begnadigt. Von Kaiser Franz Joseph nämlich, der im Dezember 1848 mit 18Jahren an die Macht gekommen war. Der Kaiser war anfangs unpopulär bis verhasst. Sein Versuch, ohne Parlament zu regieren, erschien schon damals unzeitgemäß. Noch fataler als seine Jugend war allerdings die Altersmilde des Regenten: Seine Nachgiebigkeit gegenüber Kriegstreibern war mitschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Und dennoch ist Franz Joseph bis heute, wohl auch wegen seiner Ehefrau Elisabeth, eine nostalgische Figur.

Vorzugsstimmenkaiser. Von Josef Cap wird das kaum einer behaupten, obwohl er 1983 als Erster das Kunststück vollbracht hat, über einen Vorzugsstimmenwahlkampf ein Nationalratsmandat zu ergattern. Es dauerte nicht lange, bis der 31-jährige Juso-Anführer prominente Unterstützer vergrämte. Der Karriere tat dies keinen Abbruch: 1988 wurde Cap Zentralsekretär der SPÖ, von 1993 bis 1995 war er Bundesgeschäftsführer, seit 2000 ist er Klubobmann.

1983 zog auch der 26-jährige Othmar Karas, Obmann der Jungen ÖVP, in den Nationalrat ein – über ein Fixticket seiner Partei. Als 1990 aufflog, dass Karas neben seinem Abgeordnetengehalt eine Versehrtenrente bezogen hatte, musste er gehen. Im selben Jahr wurde die 25-jährige Monika Langthaler von den Grünen ins Parlament entsandt. Während Karas der Politik erhalten blieb und heute die ÖVP-Delegation in Brüssel leitet, schied Langthaler 1999 aus und machte sich selbstständig.

Sebastian Kurz, Nachfolger von Karas als JVP-Chef, ist Spindeleggers Antwort auf Laura Rudas. Die Bundesgeschäftsführerin der SPÖ legte einen ähnlich rasanten Aufstieg hin. Mit 18 gründete sie die „Jungen Roten“ (eine Art SJ minus Klassenkampf), um die Jugend dort abzuholen, wo sie war: in der Disco. Mit 22 wurde Rudas Gemeinderätin in Wien, mit 27 holte sie Werner Faymann in die Bundesparteizentrale.

Rhetorisch ist Rudas nicht eben ein Ausnahmetalent, dafür agiert sie machtpolitisch umso geschickter: Nacheinander brachte sie die Mitglieder ihrer Clique in Parteiämtern unter. Der 24-jährige Nikolaus Pelinka leitet den SPÖ-Freundeskreis im ORF. Davor war er Pressesprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied – nicht der schlechteste, wie viele meinen.

Das Potenzial von Politikern zeigt sich ohnehin schon sehr früh – im Positiven wie im Negativen. Der junge Landeshauptmannstellvertreter von Kärnten, Karl-Heinz Grasser, sah sich 1995 mit einer Anzeige konfrontiert, die im Zusammenhang mit einer Straßensanierung gegen ihn eingebracht worden war. Die Vorwürfe, sagte Grasser damals, seien „absolut haltlos“. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2011)