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Kernkraft: Es wird ein langer, langsamer Abschied

Ein panischer Totalausstieg aus der Atomkraft ist nicht sinnvoll und notwendig. Aber die beste Zeit für diese Form der Energiegewinnung ist vorbei.

Ein Vierteljahrhundert ist es nun her, dass im Kernkraftwerk von Tschernobyl ein Reaktor explodiert ist. Wie viele Menschenleben hat dieser Unfall gefordert? Von 4000 Opfern sprach die Internationale Atomenergie-Organisation 2005, auf 14.000 bis 17.000 Tote korrigierte die WHO 2007. Eine 2006 von europäischen Grün-Parteien beauftragte alternative Studie prognostizierte, dass der Tschernobyl-Unfall insgesamt weltweit 30.000 bis 60.000 tödliche Krebsfälle hervorgerufen hat bzw. noch hervorrufen wird.

Diese Angaben lehren uns zumindest zweierlei. Erstens: Die Epidemiologie ist weit davon entfernt, eine exakte Wissenschaft zu sein. Ihre Ergebnisse und deren Interpretation hängen auf beunruhigende Weise stark von den Interessen der Auftraggeber ab. Man kann jetzt schon prophezeien: Auch über die Folgen der Katastrophe von Fukushima wird es nie Angaben geben, auf die sich alle einigen können.

Zweitens aber: Lässt man offensichtliche Ausreißer weg – wie die von Umweltschützern gern zitierte Schätzung der Opferzahlen auf 1,44 Millionen durch einen ehemaligen Umweltberater von Boris Jelzin –, kann man sagen: Große AKW-Unfälle wie Tschernobyl und Fukushima sind selten (und könnten mit steigender Erfahrung noch seltener werden), sie kosten – etwa im Vergleich zu Naturkatastrophen – relativ wenige Opfer. Und vor allem: Der Normalbetrieb von Kernkraftwerken belastet weder Gesundheit noch Umwelt. Das kann man von kalorischen Kraftwerken nicht behaupten.

Allerdings ist auch kein Unfall in einem kalorischen Kraftwerk oder Wasserkraftwerk vorstellbar, der ein Gebiet von tausenden Quadratkilometern für tausende Jahre praktisch unbewohnbar macht. Radioaktive Isotope sind störrisch, sie lassen sich nicht chemisch beseitigen, ihr Zerfall lässt sich nicht beschleunigen. Es ist eine unschöne Vision, dass es in tausend Jahren auf der Erde auch nur hundert solch unbewohnbarer Geistergegenden geben könnte. (Nur radikale Naturschützer könnten sich darüber freuen: Denn Tiere und Pflanzen haben dort zumindest vor den Menschen ihre Ruhe.) Unschön ist auch die Vision, dass arme Menschen aus Not just dorthin ziehen und die gesundheitlichen Folgen in Kauf nehmen (müssen).

Dazu kommt das Risiko, dass das Wissen über die Lagerstätten von Atommüll – von „Endlagerstätten“ kann ja bis heute nicht die Rede sein – verloren gehen könnte. Die Aufbewahrung ihres radioaktiven Mülls ist wohl das ernsteste Problem der Atomkraft. Sie überschreitet den Zeithorizont, den unsere Politik überblicken kann, bei Weitem.

Wenn die Atomindustrie die Kosten für Lagerstätten und deren Bewachung voll tragen muss, wird das die Atomkraft verteuern, und das ist gut so. Genauso werden Folgeprozesse der Fukushima-Katastrophe wirken: Bei den lächerlichen 8000 Euro pro Familie, die die Firma Tepco den Menschen bietet, die ihre Häuser aufgeben müssen, darf und wird es nicht bleiben. Es wird schon gemunkelt, dass der Staat das Unternehmen nun übernehmen müsse. Aber es ist hoffentlich politisch nicht durchsetzbar, dass sich eine Industrie, die jahrzehntelang große Gewinne abgeworfen hat, auf Kosten der Allgemeinheit verstaatlichen lässt, wenn sich Verluste einstellen.


Die Atomkraft ist jedenfalls nicht so günstig, wie sie scheint – wenn man die Folgekosten dazurechnet. Und wenn sie nicht politisch begünstigt wird, wie das lange der Fall war, nicht zuletzt deshalb, weil Politiker diese Form der Energiegewinnung für besonders zukunftsträchtig gehalten haben.

Das ist vorbei. Und so sind auch die besten Zeiten der Atomkraft vorbei. Sie panisch aufzugeben und alle Reaktoren von heute auf morgen abzuschalten, wäre freilich unsinnig. Man wird nicht abrupt auf die beträchtlichen Beiträge der Atomkraft zur Energieversorgung verzichten können. Man muss noch viel in die Verbesserung der – wirklich zukunftsträchtigen – Nutzung der Sonnenenergie investieren, will man nicht zurück in die dreckige Kohle- und Kokszeit.

Und die österreichischen Politiker, die sich derzeit stolz bis aufdringlich als Atomkraftbändiger gebärden? Gönnen wir ihnen diesen billigen Lorbeer doch! Sie haben ja sonst nicht so viel. Seite 3

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2011)