Guantanamo: Ärzte als Komplizen von Folterern

(c) REUTERS (Toby Melville)
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Im US-Lager Guantanamo hat das medizinische Personal zwar die Folgen der Verhörmethoden diagnostiziert, sich um deren Zustandekommen aber nicht gekümmert.

Sie müssen sich entspannen, wenn die Wärter aggressiver werden", riet ein Militärarzt einem Insassen von Guantanamo, dem US-Lager auf Kuba, und verschrieb ihm für das nächste Verhör Antidepressiva. Dann protokollierte er das Ganze im Krankenakt. Ein Arztkollege hatte bei einem anderen Gefangenen ein chronisches Rückenleiden diagnostiziert und den Befund weitergereicht. Beim nächsten Verhör wurde der Mann gezwungen, lange in einer Körperposition auszuharren, die seinem Rücken besondere Schmerzen brachte.

So machen sich Ärzte zu Komplizen von Folterern, obwohl sie alle einmal den Eid des Hippokrates abgelegt haben - „Ich werde die Kranken vor Schaden und willkürlichem Unrecht bewahren" - und obwohl sie alle die Deklaration von Tokio kennen: „Ärzte sollen sich nicht an Folter und Entwürdigungen beteiligen, sie sollen sie auch nicht stillschweigend dulden." Das hatte die World Medical Association 1975 beschlossen, 2004 erinnerte sie daran, aus bösem Anlass: Aus Abu Ghraib, dem Gefangenenlager im Irak, war eine endlose Liste von Beteiligungen von US-Militärärzten an Folter bekannt geworden - und am Vertuschen: Ein Opfer, das man bis zum Ersticken mit dem Kopf voran in einen Schlafsack gesteckt hatte, war laut Totenschein an einer „natürlichen Ursache im Schlaf verstorben".

Folter? Definitionsfrage!

Andere erlitten eine breite Palette an Torturen: Schläge, Schlafentzug, Dauerlärm oder -licht, Kälte oder Hitze, erzwungene Nacktheit, Scheinhinrichtungen, Vergewaltigungen oder Drohungen damit. All das war früher weltweit unstrittig Folter. Für die UNO ist es heute noch so, nur die USA sehen es seit August 2002 anders: Unter Präsident George Bush wurde umdefiniert, nun gab es Foltermethoden, die keine mehr waren, sondern „enhanced interrogation techniques" (EITs).

Alles bisher Genannte fällt darunter, auch das „Water Boarding" gehört dazu: Dabei bekommt der Gefolterte einen ständig aufs Neue mit Wasser begossenen Fetzen über das Gesicht. „Das bringt die Wahrnehmung von Ersticken und Panik, d. h. die Wahrnehmung des Ertrinkens", beschrieb das US-Justizministerium die Folgen. Es hatte sich abgesichert, mit Expertisen von Ärzten, die die Praktiken als „sicher, legal, ethisch und effektiv" beurteilten und allenfalls „minimale Langzeitfolgen" befürchteten.

Die Ärzte an der Front, in den Verhörlagern, wissen es besser - etwa jene im US-Lager in Guantanamo, das trotz Wahlkampfversprechens von Präsident Obama nicht geschlossen ist, sondern 172 Gefangene hat. Neun von ihnen haben Vincent Iacopino (Physicians for Human Rights, Cambridge, Massachusetts) und Stephen Xenakis (ehemaliger Brigade-General der US-Army) eingehend studiert, alle hatten vor ihrer Gefangennahme keinerlei psychische Probleme. Nach den Verhören klagten fünf über Albträume, vier über Halluzinationen, drei über Ängste; vier dachten an Selbstmord, zwei versuchten ihn.
Das gaben sie selbst gegenüber Anwälten und Menschenrechtsgruppen an. Und den Armee-Psychologen entging das auch nicht: Es ist säuberlich in ihren Akten vermerkt. Bei ihren für den Körper zuständigen Arztkollegen waren die Listen ebenfalls lang: Knochenbrüche, Rückenschmerzen etc.

Fit für Verhöre

Aber mehr als notiert wurde alles nicht: „Irgendwelche Gründe für diese Verletzungen werden nicht erwähnt", erklären Iacopino und Xenakis, stattdessen wurden Geprügelte für die nächsten Verhöre fit gemacht bzw. geschrieben. Bei den Psychologen war es nicht anders: Auch sie interessierten sich nicht für die Herkunft der Symptome und erklärten sie stattdessen etwa mit dem „Routinestress der Gefangenschaft".

„Jeder der von uns untersuchten Fälle ist nach den Kriterien der UNO und den früheren der USA Folter", schließen die Forscher: „Das medizinische Personal missachtete oder vertuschte alle Hinweise auf absichtlich zugefügten Schmerz" (PLoS Medicine, 26. 4.)
Woher kommt das? Sind diese Ärzte und Schwestern alle Unmenschen? „Es sieht so aus, als ob die Autorisierung und Routine der EITs eine Umwelt erzeugte, in der Folter praktiziert, geduldet und absichtlich übersehen wird."

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