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Tanzfilm: Das Innenleben des Pariser Opernballetts

La Danse - Le Ballet de l'Opéra de Paris(c) Viennale
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Der bedeutende US-Dokumentarist Frederick Wiseman porträtiert das Ballett der Pariser Oper: ein faszinierender Film nicht nur für Tanzfreunde, sondern auch für Kinoliebhaber.

Immer wieder sucht der Literaturbetrieb nach der „Great American Novel“, dabei hat sie uns das Kino längst geschenkt: Das Werk von US-Dokumentaristen Frederick Wiseman ist eine umfassende Chronik der amerikanischen Gesellschaft der letzten 50 Jahre. Seit Wiseman 1967 im (prompt verbotenen) Exposé Titicut Follies die unerträglichen Zustände in einer Anstalt für geisteskranke Rechtsbrecher porträtierte, hat er 38 weitere Filme vollendet, die man auch als einen langen Film begreifen kann. Zur Institution des Dokumentarfilms ist Wiseman vor allem durch Porträts von Institutionen geworden: Armee, Justiz, Legislative, Schulen, Krankenhäuser, das Wohlfahrtssystem – sogar ganzen Städten hat er eigene Filme gewidmet.

Wiseman interessiert sich dafür, wie Gemeinschaft funktioniert und sich organisiert, den Zuseher lädt er ganz puristisch ein, ihm auf seine Forschungsreisen zu folgen: Seine Filme sind ohne Kommentar, zusätzliche Musik oder erklärende Zwischentitel. Die fertige Dokumentation versteht Wiseman als Bericht über das, was er vor Ort gelernt hat: Er recherchiert nicht vorab, sondern in situ, bei wochenlangen Zwei-Personen-Dreharbeiten – einem Kameramann und Wiseman selbst an der Tonangel. So gewöhnt sich die Belegschaft an die Besucher, das sorgt für den Eindruck natürlichen Verhaltens trotz der Anwesenheit einer Kamera. Erst in monatelanger, minuziöser Schnittarbeit formt Wiseman dann aus hunderten Stunden von Material den Film: Durch das ausgeprägte Gefühl für Rhythmus, subtile Assoziationen und typisch trockenen Humor in der Montage entsteht das Wiseman-Kunstwerk.

 

Durch Disziplin zur Perfektion

Gerade das Rhythmusgefühl veredelt La danse – Das Ballett der Pariser Oper, Wisemans Zweieinhalbstunden-Porträt eines der renommiertesten Ensembles der Welt. Seit den 1990ern lebt Wiseman auch in Paris, hat dort einige Dokumentationen neben seiner epischen US-Chronik gemacht. La danseverbindet sich dabei logisch mit einem früheren Werk des Tanz-Aficionados Wiseman: Bei Ballet (1995) über das „American Ballet Theatre“ verzettelte er sich ausnahmsweise sogar etwas in seiner Liebhaberei: zu ähnlich waren sich viele Szenen von ausgiebigen Ballettproben. Daran herrscht auch in La danse kein Mangel, aber hier sind sie schlüssig kombiniert: Der neue Film ist nicht nur für Ballettkenner, sondern für Kinoliebhaber.

Die aktuelle Tanzfilmwelle (Black Swan, Pina) hat wohl zum seltenen Wiseman-Kinostart beigetragen: La danse ist schon zwei Jahre alt (inzwischen hat Wiseman Boxing Gym über eine Trainingshalle in Texas veröffentlicht, ein Film über das Pariser „Crazy Horse“ soll heuer folgen), aber dennoch der beste aktuelle Film zum Thema. Die Proben mit ihrer Disziplin und Detailarbeit machen abermals den (unglamourösen) Hauptteil aus, in der zweiten Hälfte kommen die Aufführungen dazu: die Pariser Oper als Heimstatt der Pflege einer klassischen Perfektion mit Beigaben von (moderater) Moderne.

Wie so oft bei Wiseman gewinnt das Porträt aber durch hintergründige Einblicke in jene Bereiche, die gemeinhin unberücksichtigt oder überhaupt verschlossen bleiben: von der Baguetteschneidemaschine in der Kantine unten durch die Werkstätte, wo fingerfertige Kleinstarbeit an den Kostümen geleistet wird, bis zum Imker, der unerklärt auf dem Dach seine Bienenstöcke umsorgt. Und ins Büro der künstlerischen Leiterin Brigitte Lefèvre, die mit Choreografen debattiert („Ich habe keine Methode“, sagt einer), sich um die Probleme von Tänzerinnen kümmert oder eine Gönner-Gala organisiert – zu der man im Drehjahr 2008 noch die Lehmann Brothers erwartete. Eine in typisch beiläufiger Wiseman-Manier servierte Erinnerung, dass diese Ballettwelt aus Schweiß, Kunst und Zauber keineswegs so hermetisch ist, wie sie auf den ersten Blick wirkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2011)