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Donaustadt: Der Bezirk, der (zu) schnell wächst

(c) FABRY Clemens
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Als Wohnort wird der 22. Bezirk interessanter, die Infrastruktur hinkt dem Zuzug hinterher. Es fehlt an Parkplätzen, die bestehenden Straßen verkraften das Mehr an Bewohnern nicht.

Wien. Ein echter Platz sieht anders aus. Als Zentrum des Bezirksteils Kagran taugt er auch nicht mehr wirklich, der Kagraner Platz. Vielmehr ist er ein Ort des Weiterfahrens und des Durchzugs geworden. Die Wagramer Straße quert den Platz sechsspurig. An der U1-Station steigen viele Bewohner des 22. Bezirks um, in die Busse, die sie in ihre Einfamilienhäuser oder Gemeindewohnungen bringen oder in die Schrebergärten im ÖBB-Kleingartenverein Kagran.

Straßennamen wie „Am langen Felde“ erinnern daran, dass es hier, jenseits der Donau, einmal sehr ländlich war, und stehen im Widerspruch zu dem, was rund um die U-Bahn-Stationen „Kagraner Platz“ und „Kagran“ passiert: Es wird intensiv gebaut. Büros, (geförderte) Wohnungen. Hier, nahe dem Shoppingcenter „Donauzentrum“ soll die Donaustadt in den nächsten Jahren ein neues Bezirkszentrum bekommen. Eines von vielen großen Bauvorhaben im Bezirk, wenn auch deutlich bescheidener dimensioniert als das Großprojekt Aspern (siehe Artikel unten), ein Vorzeigeprojekt, auf das der Bezirk gern verweist.

Seit 1946 wird die Donaustadt durchwegs rot regiert. Nun allerdings mit nicht mehr ganz so komfortabler Mehrheit, schöpft doch die FPÖ schon jahrelang gerade in der Donaustadt einen großen Teil der vormals roten Wähler ab. Bei den Gemeinderatswahlen im vorigen Jahr legte die FPÖ hier um fast 15% auf 31,41 % zu, deutlich mehr als im Wien-Schnitt (10,94%).

Und das, obwohl der 22. Bezirk auf den ersten Blick nicht mit dem klassischen FP-Thema, „den Ausländern“, dienen kann. Der Bezirk hat den zweitniedrigsten Ausländeranteil in Wien. „In den Gemeindebauten der Donaustadt gibt es aber die gleichen Konflikte wie anderswo“, sagt der Klubobmann der Bezirks-FP Toni Mahdalik. Hinzu kommt die Popularität der FPÖ unter Jungen – und damit kann die Donaustadt dienen: Ist sie doch mit einem Altersschnitt von 39,8 Jahren einer der jüngsten Bezirke Wiens. Weiters wächst kein Bezirk so schnell (siehe Kasten).

Zu schnell, wie viele meinen. Zwar gibt es ausreichend Fläche für Neubauten, die ungelöste Verkehrsproblematik im Bezirk – verursacht auch durch die vielen Pendler aus Niederösterreich – wird durch das rasche Wachstum im Bezirk noch verschärft. Es fehlt an Parkplätzen, die bestehenden Straßen verkraften das Mehr an Bewohnern (und Pkw) oft nicht, es staut sich. Für Bezirksvorsteher Norbert Scheed stellt sich die Frage, ob sein Bezirk zu schnell wächst, nicht. „Es geht darum, dass die Infrastruktur von Kindergarten bis Nahversorger im gleichen Tempo mitwächst.“ Gelingt das denn? „Es ist ein ständiger Kampf.“

 

Kaum Entlastung durch U2

Auch die Verlängerung der U2 in den östlichen Teil des Bezirks bis zur Aspernstraße hat die Verkehrsproblematik nur mäßig entschärft. Das große Angebot an Radabstellplätzen an den neuen U-Bahnstationen sei nicht zielführend, kritisiert Mahdalik. „denn die Pendler aus Niederösterreich kommen nicht mit dem Rad“. Sondern fahren, mangels Park-&-Ride-Anlagen, mit ihrem Pkw weiter in die Stadt.

Für die Donaustädter sind die U2-Stationen freilich dennoch, wie Bezirkschef Scheed sagt, „eine ungeheure Verbesserung“. Die übrigen Wiener interessieren sich für den unbekannten Stadtteil bislang nicht sehr. Mittelfristig könnte sich das aber ändern und sich etwa rund um die Station mit dem schönen Namen „Donaumarina“ ein neues Naherholungsgebiet entwickeln, das von den Wienern auch tatsächlich angenommen wird.

Dass dies nicht selbstverständlich passiert, zeigt sich gerade am Beispiel des 22. Bezirks. Die Donaucity, jener als modernes zweites Zentrum Wiens auf der Donauplatte aus dem Boden gestampfte Büro- und Wohnungskomplex, ist von den Wienern trotz vieler prominenter Architekten (jüngstes Projekt: der Perrault-Tower) nie angenommen worden. Die davor liegende Lokalmeile Copa Cagrana, vormals Vorzeigeprojekt, ist heute heruntergewirtschaftet, gegen den Generalpächter läuft eine Klage auf Zwangsräumung.

Dort, zwischen Neuer und Alter Donau, ist die Donaustadt aber auch am internationalsten: Mit der UNO-City hat man seit 1979 eine bedeutende internationale Organisation im Bezirk. Und sonst? Zieht die Donaustadt mit dem Sommer-Segelboot-Idyll an der Alten Donau Nichtbezirksbewohner ebenso an wie mit Donauinsel, Gänsehäufel oder Lobau. Die Donaustadt darf sich, Hochhäuser hin, riesige Wohnanlagen her, als „grüner“ Bezirk bezeichnen.

Bisher erschienen: Ottakring (19.4.), Floridsdorf (22.4.)

In Zahlen

158.908 Menschen wohnen laut Statistik Austria (Stand: 1. 1. 2011) im 22. Wiener Bezirk, der Donaustadt. Im Jahr 2002 waren es erst 138.100. Das Durchschnittsalter im Bezirk liegt bei 39,8 Jahren und damit unter dem Wien-Schnitt (41,1 Jahre).

Mit einer Fläche von rund 102 kmist die Donaustadt der größte Wiener Gemeindebezirk.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2011)