Teheran ist nicht die Stadt der Mullahs, sondern eine moderne, amerikanisierte Großstadt. Sogar die dummen Märtyrer-Wandgemälde sind amerikanisiert.
Der Iran beginnt bei der Passabholung im iranischen Konsulat in Wien. Vor mir in der Schlange stehen drei Leute. Es dauert trotzdem eine Dreiviertelstunde.
Der Konsulatsbeamte mustert mich skeptisch. Ich sage mehrere Male „Amanshauser“. Er versteht das so halb. Oder gar nicht? Zur Untermauerung schiebe ich ihm meine Visitenkarte hin. Mit feierlicher Miene nimmt er sie entgegen und steckt sie, ohne einen Blick darauf zu werfen, in seine Brusttasche. Nach drei Telefonaten, die nichts mit mir zu tun haben, findet er in einem Stapel doch meinen Pass. Er blättert zur Seite, in der das iranische Visum klebt. „Das war die letzte freie Seite im Pass“, sagt er vorwurfsvoll, „wo sollen die Einreisestempel hin?“ Ein paar Sekunden schweigen wir beide. „Ist aber überhaupt kein Problem!“, präzisiert er. Zwei Tage später stehe ich in einer Bank in der Vali-ye-Asr in Teheran. Zwei schwarz gekleidete Beamtinnen in perfektem Englisch prüfen meinen 50-Dollar-Schein. Ob ich keinen neueren hätte? Ich frage, was an meinem falsch sei. „Er ist alt und schmutzig. Wir werden ihn nicht weiterwechseln können.“ Beide Frauen machen ein bekümmertes Gesicht. Ich erkläre, dass ich nur diesen habe. Sie besprechen sich. „Ist kein Problem“, sagt die ältere von ihnen – und unser Tauschgeschäft funktioniert.
Der gebildete Iran spricht gern Englisch, sogar die Riesenplakate auf Hausfassaden sind untertitelt. Eines bildet eine Mutter plus Kind mit Maschinenpistole ab: „My children I do love; but martyrdom I love more.“ Die Kennmelodie des Lifts im Tehran-Kowsar-Hotel ist ein gnaden- und endloser Instrumentalloop von „Woman in Love“. Er wird durch eine weibliche Tonbandstimme unterbrochen: „Lobby – have a nice day!“, oder „Welcome! Second Floor!“
Die Zeitung mit den antisemitischen Ausfällen des Tages ist Sondermüll. Der Fernsehsender, den ich einschalte, zeigt Tom & Jerry. Tom blättert entsetzt in einem Buch, in dem Jerry die Abenteuer mit Tom in allen Details beschreibt. Überall um ihn lesen die Tiere das lustige Buch und sterben fast vor Lachen über Toms Tollpatschigkeit. Tom steht mit hochrotem Kopf da. Er ist als völlig unfähige Katze gebrandmarkt und gedemütigt!
Tom sucht nach Jerry und findet ihn schließlich in seinem Loch. Diesmal will er ihn nicht jagen, sondern ihm nur einfach seine Trauer und Frustration zeigen. Doch Jerry hat etwas für ihn: den Lizenzvertrag für den unglaublich erfolgreichen Bestseller von „Tom & Jerry“, aus dem hervorgeht, dass Tom 50 Prozent aller Tantiemen erhält.
Die US-Moral geht weit über den „Konflikt“ des Westens (und inzwischen eines Großteils des eigenen Volks) mit der iranischen Führung hinaus: nicht der Inhalt zählt. Es geht um die Kohle. Sobald diese passt, ist alles okay. Schlusseinstellung: Tom streicht Jerry über den Kopf: Gut gemacht, Junge! Er nimmt das Buch zur Hand, liest drin und kann jetzt ebenfalls – so wie alle – lachen.
Martin Amanshauser, „Logbuch Welt“, 52 Reiseziele, www.amanshauser.at