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Spuren, Suche

Zibulovka, Ukraine: ein Straßendorf, 3000 Einwohner, bunte Holzhäuser, Ziehbrunnen. Auf der Straße: Pferdefuhrwerke, Kühe, die von ihren Besitzern an Leinen geführt werden, frei laufende Gänse und Enten. Und auf den Feldern rundum: sechs Gedenksteine. Ein Besuch.

Seltsam oder auch nicht, die meisten Verbrechen geschehen in hübschen, langweiligen Gegenden. Es wird jetzt eine Geschichte in einer Geschichte erzählt. Und auch dort basiert alles wiederum nur auf wahren Geschichten. Ja, zugegeben, es geht – schon wieder – um die Vergangenheit, um Schuld ohne Sühne, es geht darum, was viele Menschen, politische Parteien, selbst historisch Interessierte nicht (mehr) wissen (wollen).

Wir begeben uns dazu von Österreich aus ziemlich genau ostwärts, nicht weiter weg, als Zürich von Wien liegt; der Großteil der EU ist weiter entfernt. Wir begeben uns aber in eine andere Welt mit ähnlichen Menschen wie wir, manchmal aber mit anderen Menschen als wir.

Eine Geschichte in der Geschichte in den Geschichten: Brigitte Landesmann stammt aus Wien, sie arbeitet als Ärztin, heute bei der EU. Familiäres gab es für sie in der einstigen Bukowina, welche in der Zwischenkriegszeit auch ein Rumänienteil gewesen ist und heute zur Ukraine gehört. Damals, ehe man versuchte, auch in diesem vielfältigen Streifen zwischen Russland und Europa vor allem die Juden auszutilgen. Brigitte Landesmann war schon vor mehr als 15 Jahren dabei, als etwa die Gegend rund um Czernowitz wieder ins Bewusstsein rückte, als man sogar von den Gebieten noch weiter östlich etwas hörte, von den Burgen dort, den Weiten, den Flüssen.

Heute kann man ohne Visum dahin. Wenn man sich auskennt, sich traut. „Sich traut“: ganz praktisch (denn das Leben und die Verkehrsmittel sind anders und doch bloß ein paar Hundertschaften an Kilometern entfernt), aber auch seelisch-empfindsam (denn wir kehren wieder zu Zeugnissen zurück, die dergestalt kaum mehr vermutbar gewesen sind).

Zunächst in einen Mythos, der gar keiner mehr ist und sein kann. Die Stadt Czernowitz hat ihre eigene Geschichte wiederentdeckt. Schön herausgeputzt empfängt sie ihre Gäste, die mittlerweile zahlreich auf der Suche nach der legendären Vergangenheit kommen. Abends findet man sich in einer zum Teil märchenhaft beleuchteten Innenstadt zwischen ein paar in den vergangenen Jahren für die Feiern zum 600-Jahr-Jubiläum renovierten Häusern zurückversetzt in die Monarchie, als Czernowitz der fernen Hauptstadt Wien nicht nur nacheifern, sondern mit ihr in kulturellen Belangen konkurrieren wollte.

Nach den Jahren des Krieges, der rumänischen, deutschen und sowjetischen Besatzung existiert das alte Czernowitz aber nur mehr in der Erinnerung der aus jener Zeit überlebenden, nun weltweit zerstreuten Menschen sowie als Mythos, der auch in immer zahlreicher werdenden Publikationen gepflegt wird. Die heutigen Bewohner der Stadt haben keine Beziehung zur Geschichte ihrer Stadt, ja sie wissen zum Teil gar nichts mehr davon, wollen vielleicht auch gar nichts davon wissen.

Brigitte Landesmann war dort. Oft. Mehr noch. Sie ging weiter in den Osten. In ein heute fast geheimnisvolles, fernes/nahes Land, das von außen noch gelassen aussieht.

Ich will aber wissen, wie es um das Geschichtsbewusstsein in weniger ruhmreichen Orten der Umgebung bestellt ist. Und ich mache mich auf den Weg in das ehemalige Gebiet Transnistrien.

Dieses Transnistrien (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Landstrich im Osten von Moldawien, der sich schon vor Jahren für unabhängig erklärt hat) war ein künstlicher, heute dort nicht mehr verwendeter geografischer Begriff für das Gebiet zwischen den Flüssen Bug und Dnjestr in der aktuellen Ukraine, welches von 1941 bis 1944 von den rumänischen und den deutschen Truppen besetzt gewesen ist. Man hat dort zahlreiche Konzentrationslager errichtet, wohin Juden (und Roma) aus Bessarabien, der Bukowina und dem Süden Rumäniens deportiert wurden – bald ein Massengrab für 400.000 Menschen. Die Lager befreite die Rote Armee im März 1944.

2004: Nach siebenstündiger Fahrt auf teilweise sehr schlechten Straßen erreiche ich das circa 300 Kilometer östlich von Czernowitz gelegene Dorf Zibulovka, in dessen unmittelbarer Umgebung sich einige der größeren Lager befunden haben. Die sanft hügelige Landschaft mit den weiten Feldern und zahlreichen Teichen kann man durchaus als lieblich bezeichnen. Im Ort selbst scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehen geblieben zu sein. Es ist ein lang gezogenes Straßendorf mit bunten Holzhäusern, die etwas zurückgesetzt entlang der Straße hinter ordentlichen Vorgärten stehen. Jedes Haus hat einen Ziehbrunnen. Auf der Straße: Pferdefuhrwerke, Kühe, die von ihren Besitzern an Leinen geführt werden, frei laufende Gänse und Enten. Wie in beinahe jedem ukrainischen Ort: eine neue Kirche.

Ich erkundige mich in dem ebenfalls neu errichteten Gemeindeamt nach Spuren der ehemaligen Lager und werde an Frau Halina verwiesen. Die ist eine quirlige, ältere Frau, die sich hocherfreut über meinen unangemeldeten Besuch zeigt und auch sofort zu erzählen beginnt. Als Erstes zeigt sie mir stolz eine Urkunde, die ihrer inzwischen verstorbenen Mutter von Yad Vashem in Jerusalem zuerkannt worden ist und sie als „Gerechte unter den Völkern“ ausweist. Dann schlägt sie vor, die Stätten der Lager aufzusuchen. Ich folge ihr auf kleinen Wegen abseits der Straße, entlang der Felder und hinauf in die Hügel – und finde zu meiner Überraschung in einem Feld ein mittels Kette abgegrenztes, unbebautes Areal, in dessen Mitte ein Grabmonument steht. 2004 wurden auf Initiative eines ehemaligen Lagerhäftlings in Kooperation mit der Gemeinde überall dort, wo man sich an Massengräber erinnert, Gedenksteine errichtet.

Nach einer kurzen Pause des Sammelns gehen wir weiter; zum nächsten Stein; insgesamt sechs stehen in der näheren Umgebung. Wahrscheinlich gibt es noch viele andere Gräberfelder, deren Ort man allerdings nicht so genau kennt.

Einsame Grabdenkmäler, schon von Weitem erkennbar inmitten der Getreidefelder, gelegentlich ein abgebranntes Grablicht, ein zurückgelassener Stein, Reste eines Glitzerkranzes . . . diese Abertausenden an Toten sind nicht vergessen.

Brigitte Landesmann ist zurück im Dorf. 3000 Seelen. UdSSR-Nostalgie. Sie sucht noch andere Einwohner auf, lauscht in größerer Runde den Erzählungen. Zu meinem großen Erstaunen wissen alle um die Geschehnisse der Vergangenheit. Sie kennen diese, ihre Geschichte und leben mit ihr. Man erzählt, was die Eltern, die Großeltern, teilweise auch noch sie selbst als Kinder miterlebt haben. So anders, als wir das in Österreich gewohnt sind, wo zumeist keiner etwas bemerkt oder gewusst haben will, verleugnen diese Menschen die Ereignisse nicht. Vielleicht deshalb, weil sie gar nicht fühlen, sich schuldig gemacht zu haben, und daher auch nicht glauben, sich permanent verteidigen zu müssen. Tatsächlich haben diese Bauern unter der Besatzung gelitten, sie haben aber nicht mit ihr kooperiert. Im Gegenteil, sie versuchten sogar, den Häftlingen zu helfen oder wenigstens ihnen nicht zu schaden. (So berichteten überlebende Lagerinsassen später, dass sie nur mit der Hilfe dieser Bauern diese Hölle durchstehen konnten.)

Zu erfahren war auch, dass offenbar zwar einige, aber nicht allzu viele der ehemaligen Lagerinsassen aus allen Teilen der Welt zurückgekommen sind, um ihre Stätten des Grauens noch einmal zu sehen und der Toten zu gedenken. Einer von diesen, noch als Kind ehedem ins Lager deportiert, ist der Initiator jener Gedenksteine gewesen. Anlässlich eines Besuches spendete er der Dorfschule auch einige Computer.

Frau Landesmann (ihre Vorfahren sind dort und deportiert gewesen) ist tief beeindruckt, und ich beschließe, auch ein kleines Zeichen des Dankes zu setzen und wieder zu kommen.

Es sollte sechs Jahre dauern. 2010 – abermals auf dem Weg nach Zibulovka. Diesmal über Moldawien, weil die Anreise so einfacher ist. Man pflegt in diesen Gegenden zwischen den autonomen Ländern noch immer einen höchst seltsamen und für EU-Bürgerinnen schwierigen Grenzverkehr auf oft kaum mehr vorhandenen Fahrwegen und im Speziellen mittels einer alten Fähre über den Dnjestr. Halina ist inzwischen eine alte, gebrechliche Frau geworden. Sie kann sich nicht mehr um die Grabsteinpflege kümmern. Ich muss die Steine allein aufsuchen. Was mich erwarten wird? Etwas bang gehe ich zu den Orten. In Erwartung tiefster Verwahrlosung wie etwa am jüdischen Friedhof zu Czernowitz. Meine Überraschung – die Steine stehen unverändert da! Umsorgt, gepflegt von den Bewohnern Zibulovkas. Das Gedenken lebt weiter. Die Menschen fühlen sich offensichtlich verantwortlich, und das gar nicht für das eigene Volk, die eigenen Familien.

Der Ort selbst allerdings erscheint mir nun nicht mehr so schmuck wie vor sechs Jahren. Hat er sich verändert. Oder nur mein Blick auf ihn?

Es hat sich tatsächlich einiges verändert in dieser Gegend. Die wirtschaftliche Lage des Landes hat ihr Abbild in dem kleinen Dorf. Kiew, die Hauptstadt, ist weit weg. Die nationalen Ressourcen reichen nicht für die entlegeneren Landesteile. Es gibt kaum Arbeit. Kaum Strom. Nur Brunnen. Nur Latrinen. Eine Grundschule. Die jungen Menschen ziehen dann weg in die größeren Orte. Die Bewohner hier sind hauptsächlich alte Leute. Die „Intellektuellen“ haben vielleicht 300 US-Dollar zur Verfügung, mehr nicht pro Person.

Mit im Gepäck habe ich diesmal einige medizinische Geräte für die kleine Ambulanz des Ortes, welche ich nach Rücksprache mit der hiesigen Ärztin für das Dorf besorgt habe. Die Ambulanz befindet sich in einer alten Villa. Sie ist liebevoll hergerichtet und betreut. Auch hier fehlt die staatliche Unterstützung. Alles beruht auf lokaler Eigeninitiative. Neben der Ärztin und Krankenschwestern arbeiten eine Physiotherapeutin, eine Laborantin und zeitweise ein Zahnarzt – für circa 1600 Menschen. Die Behandlung ist gratis. Allerdings, Medikamente und jegliches Material müssen bezahlt werden. Jefrusina, die Ärztin, freut sich über die neuen Geräte. Es sind die einzigen, die sie je bekam. Eigentlich, so erzählt die Frau, sei sie schon im Pensionsalter. Aber sie könne doch ihre Patienten nicht im Stich lassen, denn, so ist sie überzeugt, nach ihr werde sich wohl niemand finden, der bereit ist, in diesem entlegenen Dorf zu arbeiten.

So verlasse ich Zibulovka mit einem bitteren Nachgeschmack; aber immer noch voll Hochachtung für diese Menschen.

Aufrechte, arme Menschen heute. Oder zu simpel, zu wenig gewitzt, um sich am wachsenden Wohlstand Europas zu beteiligen? Ein geschundenes, sich selbst schindendes Land. Mit mehr Leuten aufrechten Ganges als in so manchen Wohlstandsgebieten Europas.

Mit Geschichte.

Und: Seltsam, oder auch nicht, die meisten Verbrechen geschehen in den hübschen, langweiligen Gegenden. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2011)