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Die Denker aus der Therme

In Budapester Thermen kommen die Gäste nicht nur wegen des wohltuenden Wassers oder der erhabenen Architektur. Vor allem ältere Herren treffen sich hier zum Schachspielen. Ein Ortsbesuch.

Als Tibor seinen Springer setzt, fangen die anderen an zu tuscheln. Ein alter Mann neben ihm zieht die Augenbrauen hoch und nickt anerkennend. Die Ehefrau lehnt sich auf dessen Schulter und lässt ihre Beine baumeln. Tibor achtet nicht auf sein Publikum, stützt seinen Kopf in die offene linke Hand. Sein Gegner, Bela, ist am Zug. Der überlegt ein paar Minuten, und einige der Gäste schwimmen erst einmal zum nächsten Wasserfall im Becken.

Im Budapester Széchenyi-Bad geht es den ganzen Tag so. Viele der Gäste kommen nicht primär wegen der Schönheit dieser Therme, sondern, um Schach zu spielen. Im Wasser sitzen die Spieler oft stundenlang, reden nicht viel, aber denken mit- und gegeneinander.


Mitgenommene Spielbretter

Wer redet, sind höchstens jene Badegäste, die zuschauen und die Züge nachverfolgen. In Budapest, der einzigen europäischen Hauptstadt, die gleichzeitig Kurort ist, gehört die Schachszene zum Wohlfühlen dazu.

Rund 30 Schachspieler besuchen das Széchenyi-Bad jeden Tag. Bei gutem Wetter setzen sie sich unter freier Luft auf die Treppen des warmen Nichtschwimmerbeckens und spielen auf brusthohen Mauern, die in das Becken extra für das Spiel eingebaut sind. Gespielt wird mit wasserfesten Schachbrettern und Figuren, so etwas wie Plastikteppichen, die mit 64 schwarzen und weißen Feldern bedruckt sind. Bei schlechtem Wetter wird in den Hallen des Bades gespielt, dann auf Styroporbrettern, die im Wasser schwimmen.

Das Bad selbst stellt keine Materialien zur Verfügung. Es wirbt auch nicht mit seinem Schachkult. Die alten Herren, meist Pensionäre, kommen auch so. „Sie besitzen ihre eigene Schachausrüstung und bringen alles mit. Mit anderen Figuren oder Brettern würden einige auch gar nicht spielen wollen“, sagt der Bademeister Attila Kum. Ein besonders ehrgeiziger Gast, erinnert sich Kum, brachte bis vor ein paar Jahren auch immer eine Uhr mit ins Becken, um nach Turnierregeln spielen zu können.

„Die meisten aber spielen ohne größere Ambitionen“, wiegelt Kum ab und zeigt mit einem Handtuch im Arm auf die Treppe desNichtschwimmerbeckens, zur Partie zwischen den Altherren Tibor und Bela. „Beide sind schon sehr gute Spieler. Aber Turniere spielen sie hier keine“, grinst er. Dabei kommen manchmal auch große Spieler ins Bad und ziehen damit auch das Interesse jener Gäste an, die sich messen wollen. Unlängst war etwa die Ungarin Judit Polgár, mit ihren inzwischen 34 Jahren eine der jüngsten Großmeisterinnen überhaupt, in der Therme. „Und sie ist schon häufiger zu uns gekommen“, setzt Attila Kum mit Stolz nach. Aber sogar ohne diese sporadischen Besuche von Stars würde das Széchenyi Bad täglich besucht, auch von Schachspielern.

„Das war hier immer so“, sagt Tibor lächelnd und achtet nur einen Moment lang nicht auf das Spiel. Er selbst war vor 64 Jahren zum ersten Mal hier. Sein Onkel, der hier als Bademeister arbeitete, nahm Tibor mit ins Bad und führte ihn zum Schach. „Wenn mein Onkel in den Becken für Ordnung sorgen musste, hat er mich zu den Brettern geschickt. So habe ich das Spiel gelernt.“ Die Tageskarte kostete damals drei Forint, heute ist es fast tausendmal so viel. Das seien natürlich andere Zeiten gewesen. Aber das Verhältnis sage trotzdem etwas aus, meint Tibor. Denn für jedermann ist der Eintritt heute nicht mehr erschwinglich, so wie in Zeiten des Sozialismus. Dennoch trifft Tibor hier viele seiner alten Freunde regelmäßig. „Einige sparen woanders, damit sie weiter ins Bad gehen können.“

Heute ist er 72 Jahre alt, kommt jeden Tag ins Bad. Allerdings verbringt er nicht den ganzen Tag mit dem Schachspielen. Insgesamt hält er sich immer mindestens eine Stunde im Schwimmerbecken auf und macht dann zwei Saunagänge in der Halle. „Nur Schach zu spielen wäre ja schade um das Bad.“ Gegen elf Uhr vormittags kommt er gewöhnlich hierher. Wenn einer von Tibors Kameraden schon da ist, fangen sie sofort an zu spielen. Wenn nicht, wird erst einmal geschwommen. Probleme mit Absprachen, Terminen oder ähnlichen Unpässlichkeiten gibt es unter den alten Männern nicht. „Wir brauchen keine Handys oder so etwas“, sagt Tibor und wendet sich wieder dem Brett zu. „Früher hat es schon ohne funktioniert. Das geht auch heute noch.“

Zwar wird auch in einer Handvoll anderer Bäder Schach gespielt, das Széchenyi-Bad aber, das größte Thermalbad Budapests, hält Tibor für das schönste. Das palastartige Jugendstil-Gebäude mitten im Stadtpark erinnert mit seiner sonnengelben Farbe stark an das Schloss Schönbrunn. Die Eingänge sind mit Säulen verziert, diverse kleine Statuen und Skulpturen, auch in den Becken, erinnern an stolze vergangene Zeiten, als Ungarn gerade noch zur Donaumonarchie gehörte – 1913 wurde der Bau vollendet.


Computer als Konkurrenz

„Hier spielt man Schach doch viel lieber als anderswo. Die Atmosphäre ist schon sagenhaft“, schwärmt Attila Kum, der seit 20 Jahren hier arbeitet und nach Feierabend selbst manchmal spielt. Schach ist ein beliebtes Spiel in Ungarn. Auch viele junge Menschen spielen regelmäßig oder können zumindest die Regeln, wenn deren Zahl auch seit Jahren sinkt. „Der Computer ist eine harte Konkurrenz“, sagt Kum mit leichtem Bedauern. „Viele surfen heute lieber im Internet.“ Oder sie spielen Schach auf dem Computer – und eben nicht in einer der Thermen Budapests.

So könnte die Tradition des Budapester Thermenschachs eines Tages aussterben, wenn die heute jungen Spieler im Alter nicht mehr ins Schwimmbad kommen, um zu spielen. Attila Kum hält das für abwegig, wirft sich das Handtuch über die Schulter: „Sehen Sie sich doch um. Unter den Zuschauern sind auch junge Leute. Die verfolgen das Spiel ganz interessiert mit.“ Und wenn diese Jungen eines Tages Pensionäre sind, glaubt der Bademeister, werden sie genügend Zeit zum Schachspielen haben.

Im Wasser hat Tibor Bela geschlagen. Ein alter Herr, der das Spiel pausenlos mitangesehen hat, wird jetzt gegen Tibor antreten. Drei Stunden lang, bis sieben Uhr, wollen die Herren heute noch spielen. Der soeben geschlagene Bela nimmt erst einmal ein Dampfbad. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2011)