Vor wenigen Tagen feierten Franz (100) und Katharina Rucziczka (96) ihre Kronjuwelenhochzeit. Ein Geheimnis für ihre lange Ehe hätten sie nicht, sagen sie.
„Gleich hat es nicht gefunkt“, sagt Katharina Rucziczka mit einem Lächeln. Damals, als sie auf einem Kirtag im niederösterreichischen Großweikersdorf einen jungen Mann kennenlernte, war sie erst ein wenig reserviert. Auch als er ihr später einen Heiratsantrag machte, hat sie nicht gleich Ja gesagt. „Ich habe es mir gut überlegt.“ Letztendlich scheint sie mit ihrem Nachdenken aber richtig gelegen zu sein. Denn ihre Entscheidung, den Antrag von Franz Rucziczka anzunehmen, hat sie bis heute noch nie bereut. Im Gegenteil. Am 13.April 2011 feierte das Paar seinen 75. Hochzeitstag.
Die Kronjuwelenhochzeit, wie dieses Jubiläum genannt wird, ist ein Anlass mit Seltenheitswert. Kein einziges Mal musste Wiens Bürgermeister Michael Häupl etwa im Vorjahr als Gratulant zu einem solchen Ereignis ausrücken. Lediglich ein Mal gratulierte er zu einer Juwelenhochzeit, die nach 72,5 Ehejahren gefeiert wird. Immerhin 24 Wiener Paare begingen 2010 die Gnadenhochzeit nach 70 Ehejahren, 88 Paare waren 2010 67,5 Jahre verheiratet, und 85 feierten nach 65 Jahren Ehe die Eiserne Hochzeit. Meist werden die Glückwünsche des Bürgermeisters zu solchen Anlässen vom jeweiligen Bezirksvorsteher überbracht – nicht allerdings bei den Rucziczkas. Da kam der Bürgermeister zum Gratulieren persönlich ins Pensionistenwohnhaus Atzgersdorf.
Sichtlich stolz zeigt Franz Rucziczka auf ein gerahmtes Foto auf der Kommode, das Michael Häupl beim Feiern mit den beiden Jubilaren zeigt. „Der Bürgermeister ist ein lieber Mensch“, sagt er. „Wobei, mit dem Zilk sind wir auch gut ausgekommen.“ Häupls Vorgänger hat sie seinerzeit zur Goldenen Hochzeit besucht.
Das Geheimnis der Ehe. Doch egal, welche Jubiläen sie schon gefeiert haben, im Grunde hat sich zwischen den beiden nicht viel geändert. „Die Liebe ist nach wie vor da“, sagt Franz Rucziczka. Und wie um es zu beweisen, schmiegen sie sich auf der Couch aneinander, wie es auch ein junges Liebespaar machen würde. Älter geworden ist man natürlich, das schon. Und man ist nicht mehr so gelenkig wie früher. Da muss er etwa erst ihren Arm anheben und unter seinen ziehen, ehe das Paar für ein Foto posieren kann. Umgekehrt übernimmt sie das Kommando, wenn es an einen Spaziergang vor dem Haus geht – da führt sie den Rollstuhl, den ihr Mann auf längeren Strecken braucht.
Dass sie einander helfen und beistehen, das war schon immer so. Und vermutlich ist das auch eines der Geheimnisse, warum ihre Ehe schon so lange so gut funktioniert – auch wenn sie schwören, dass eigentlich kein Geheimnis dahintersteckt. Offenbar hat es einfach immer gut gepasst. „Bei uns hat es nie Probleme gegeben“, sagt Katharina Rucziczka. Ihr Mann nickt zustimmend.
Allerdings waren die Umstände nicht immer allzu rosig. Während des Zweiten Weltkriegs musste Franz Rucziczka für rund fünf Jahre zur Armee einrücken, er sah seine Frau während dieser Zeit nur sehr selten. So wie auch den gemeinsamen Sohn, der wenige Monate nach der Hochzeit zur Welt gekommen war. Immerhin, an die Front musste er nie.
Die letzten Kriegstage. „Ich habe damals Glück gehabt. Wegen einer Magenoperation musste ich nicht zum Kämpfen.“ Kurz vor Ende des Krieges habe der Spieß seiner Truppe geraten, dass die Männer nach Hause gehen sollten. Es gebe nichts mehr zu gewinnen. Also machte sich der Mann zu Fuß auf den Weg nach Niederösterreich – und blieb die letzten Kriegstage daheim bei Frau und Kind versteckt. „Als der Franz nach Hause gekommen ist“, erinnert sich Katharina, „hat unser Sohn nur gesagt: ,Was macht denn der Papa hier?‘“
Nach dem Krieg suchte sich Franz Rucziczka zunächst Arbeit in einer Molkerei, ehe er sich mit einer Greißlerei in der Ottakringer Wilhelminenstraße selbstständig machte. Auch hier galt die Devise, dass man als Ehepaar gemeinsam arbeite. „Ich habe ihm im Geschäft geholfen“, erzählt Katharina Rucziczka, „und daheim den Haushalt geführt.“ Das Geschäft führten sie so lange, bis Franz Rucziczka krankheitshalber in Pension gehen musste.
Lange Jahre lebten sie gemeinsam in einer kleinen Eigentumswohnung in Floridsdorf, ehe sie sich schließlich entschlossen, in ein Seniorenheim zu ziehen. Seit dem 1.Oktober 2005 wohnen sie nun im Haus Atzgersdorf.
Es ist ein ruhiges Leben, das das Paar hier in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung führt. Mit Zeitunglesen, Fernsehen und gelegentlichen Spaziergängen im Grünen verbringt man den Tag. Größere Aufregungen sind selten. Lediglich in den letzten Tagen, da wurde es zeitweise ein wenig lauter. Als der Bürgermeister mit einem Fernsehteam zum Gratulieren kam. Und natürlich die Familie – Sohn Franz, selbst schon 74 Jahre alt, der mit seiner Frau Hermine mittlerweile seit 53 Jahren verheiratet ist, eine Enkeltochter und zwei Urenkel.
Dass Franz und Katharina Rucziczka mit ihren 75 Ehejahren eine Ausnahmeerscheinung sind, ist den beiden bewusst. Was zum einen daran liegt, dass viele Paare ein solches Jubiläum nicht erleben. Zum anderen aber auch daran, dass Ehen heute deutlich öfter geschieden werden. „Ob das heute auch noch möglich wäre, so lange verheiratet zu sein?“ Katharina Rucziczka schüttelt skeptisch den Kopf.
Absolute Rekordhalter sind die Rucziczkas noch nicht. Weltweit leben zahlreiche Paare, die 80 und mehr Jahre verheiratet sind. Erst im Februar starb in den USA Herbert Fisher, der mit seiner Frau Zelmyra 86 Jahre und 290 Tage als Ehepaar vereint gewesen war. Sogar 91 Jahre und zwölf Tage sollen Daniel Frederick und Susan Bakeman verheiratet gewesen sein, die im August 1772 in den USA geheiratet hatten.
Für Franz Rucziczka, der vergangenen September 100 Jahre alt wurde, und seine um vier Jahre jüngere Frau sind weitere Rekorde jedenfalls vorstellbar. „Ich wünsche uns Gesundheit“, sagt Katharina. „Und noch etliche gemeinsame Jahre.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2011)