"Nabucco" an der Staatsoper: Gut gebrüllt, ihr Löwen

Nabucco Staatsoper gebruellt Loewen
Nabucco Staatsoper gebruellt Loewen(c) Www.BilderBox.com
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Nicht nur der Gefangenenchor wirkt an diesem Abend jenseits aller Stildebatten zum Thema Verdi-Gesang.

Der „Gefangenenchor“, eine Nummer für das Wunschkonzert: Das war im 20.Jahrhundert. Früher einmal galt die berühmte Melodie des „Va pensiero“ als geheime Hymne der um Freiheit ringenden Italiener – und der Name Verdi wurde zum Synonym für „Vittorio Emanuele Re d'Italia“. Solche Sentiments schwingen bis heute bei Aufführungen des „Nabucco“ in Italien mit.

In Wien – immerhin ging es seinerzeit ja gegen die Österreicher – ist von politischer Brisanz während einer „Nabucco“-Vorstellung nichts zu spüren. Dem Chor mangelt es außerdem an künstlerischer Durchschlagskraft. Nach wie vor ist das singende Gruppenpersonal eine Schwachstelle – zumal das Orchester der Staatsoper mittlerweile beschlossen hat, Italienisches der Vor-„Don Carlos“-Ära doch auch mit jenem Engagement zu musizieren, das dieser Musik zusteht (auch wenn man das bei uns lange nicht wahrhaben wollte). So zünden endlich auch hierzulande die Cabaletten, sobald ein Dirigent wie Jesús López Cobos fachkundig die Lunte legt.

Stilfragen, ungelöst. Was den Verdi-Gesang betrifft, sitzt man – und das ist nun keineswegs ein Wiener Problem – zwischen allen Stühlen, besser gesagt: Man singt zwischen den Stilen.

Zwar ist längst bekannt, dass Verdi, der die Ästhetik des Belcanto zugunsten höherer dramaturgischer Wahrhaftigkeit überwunden hat, nicht sämtliche Regeln des Schöngesangs über den Haufen zu werfen trachtete. Doch hat die Aufführungshistorie zu veritablen Brüllorgien bei Primadonnen, Tenören und Bässen geführt, deren Nachhall man noch zu vernehmen meint, wenn eine kräftige Heroine vom Format Maria Guleghinas die Abigail gibt: Selbst dort, wo sie ihren mächtigen Sopran zurückzunehmen versucht, gelingen ihr kaum innig zusammenhängende Melodielinien.

Es sind imposante Einzeltöne, die wirken. Aber sie wirken, unzweifelhaft.

Die viel zartere Fenena von Zoryana Kushpler bemüht sich dagegen mit einigem Erfolg um die Wiederherstellung subtilerer Vokalkünste. Ain Angers Zaccaria sucht sein Heil irgendwo zwischendrin. Er sollte vor allem seine rhythmischen Ungenauigkeiten in den Griff bekommen.

Inmitten west – wie die Guleghina– seit eh und je Leo Nucci als Titelheld. Er vollführt mit den Wandlungen des Königs zum zunächst größenwahnsinnigen, dann nur noch armen Narren ein bemerkenswertes Diminuendo: Das Gebet zum „Gott der Juden“ zeigt den Bariton nach wie vor auf der Höhe der Gestaltungskunst: Da findet die bewegende Darstellung der geläuterten Herrscherfigur ihre anrührende musikalische Entsprechung.

Orchestrale Spannkraft. In solchen Momenten haben auch die Philharmoniker ihre großen Auftritte: mit leisen Tönen, ob sechsstimmig von den Celli oder vom heiklen, souverän musizierten Englischhorn-Solo. Nebst durchwegs kraftvoll pulsierenden Ensembles sichern solche Details einem Opernabend Spannkraft.

„Nabucco“: 2., 6., 10. Mai

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2011)

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