Mai-Aufmarsch: Genosse Gott und seine Ministranten

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1MaiAufmarsch Genosse Gott seine(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Finanzkrise steht im Mittelpunkt der Reden von Häupl und Faymann. Der Bundeskanzler sieht die "Lobbyisten der Spekulanten" als Gegner, Bürgermeister Häupl zieht über Rechtspopulisten her.

Wien. Altgediente SPÖ-Funktionäre zücken ihre Digitalkameras. Ihr Motiv an diesem 1.Mai ist kein Parteigrande, sondern bauchfreie Tänzerinnen in knappen Höschen. Die Vienna-Samba-Project-Gruppeschwang ihre Hüften auch beim Wien-Marathon, diesmal aber auf dem Elterleinplatz im Wiener Vorstadtbezirk Hernals. Die mitgebrachten Taferln sind für den Abmarsch zur großen Maikundgebung auf dem Rathausplatz in der Innenstadt hergerichtet und auf der Seite an eine Wand gelehnt. „Keine Kürzung bei der Entwicklungszusammenarbeit“, ist da zu lesen, aber auch „Ja zum Profiheer“. Manche Bezirksfunktionärin strippt noch schnell, um sich das vorbereitete T-Shirt mit dem Frauensymbol der lila Rose auf der Brust überzuziehen.

„Wir müssen nicht primär den Koalitionspartner überzeugen, wir müssen die Menschen überzeugen“, impft Bezirksfrauenvorsitzende Sybille Straubinger den im Halbkreis versammelten roten Parteigängern ein. „Ich freue mich, dass wir das mithilfe des Genossen Gott machen können“, sagt der Hernalser Bezirkschef, ehemaliger Ministrant und jetziger Klubobmann im Parlament Josef Cap mit Hinweis auf das erhoffte Blauerwerden des Himmels an diesem Sonntag. Die nostalgische Komponente wird mit dem Beschwören Bruno Kreiskys und dessen 100.Geburtstag eingebracht. Das Läuten der Glocken der nahen Kalvarienberg-Kirche übertönt den Platz. Der Gottseibeiuns der SPÖ wird zugleich verbal verbannt: Auf eine „Eventpolitik“ der Marke Grasser könne man verzichten, predigt Cap in seiner kurzen Ansprache. Denn der Organisator drängt schon zum Abmarsch.

Der Marsch der Hernalser Genossen hat wie alle Jahre allerdings schon eine Stunde früher, vor acht Uhr, ganz draußen im Bezirk nahe dem Wienerwald beim Bruno-Kreisky-Hof begonnen. Vorne die rote Fahne mit den drei Pfeilen, dahinter marschiert die Waidenbachtaler Heimatkapelle aus dem Bezirk Gänserndorf, dahinter die Unentwegten, die Jahr für Jahr unter den gut 50 treuen 1.-Mai-Marschierern dabei sind: der Juso, der in Ghana geboren und in Wien aufgewachsen ist, die adrette blonde Mitarbeiterin aus der Nationalbank, die stramme Genossin mit der knallroten Windjacke und dem roten Stirnband mit dem SPÖ-Logo und ganz hinten die zehn betagten Genossen, die in der Liliputbahn die Abordnung beschließen, die sich über die Hernalser Hauptstraße stadteinwärts bewegt. Ab dem Elterleinplatz, wo sich der eigentliche Treffpunkt der Bezirksorganisation befindet, ist die Liliputbahn, die kurz nach neun Uhr Richtung Rathausplatz weiterfährt, dann schon voll mit roten Veteranen besetzt.

Michael Häupl hält Hof

Auf der Tribüne auf dem Rathausplatz hält Hausherr Michael Häupl Hof. Umgeben von seinen Stadtregierungsmitgliedern, Bundeskanzler Werner Faymann und Gewerkschaftschef Erich Foglar und Arbeiterkammerpräsident Herbert Tumpel, winkt er mit rotem Taschentuch den Demonstranten zu. Staatssekretär Josef Ostermayer kommt mit einer zweisprachigen Ortstafel, Biker ziehen vorbei, ebenso die Hundestaffel des Arbeiter-Samariter-Bundes.

Auf einem Doppeldeckerbus findet sich das Inserat „Malereibetrieb Gusenbauer“. Es ist der einzige Hinweis auf den früheren SPÖ-Parteivorsitzenden, der der Veranstaltung ebenso fernbleibt wie sein Vorgänger Viktor Klima. Dafür ist Franz Vranitzky da: Nicht auf der Ehrentribüne, der Altbundeskanzler marschiert gemeinsam mit den Döblinger Genossen ein. Die fordern nicht nur eine bessere Beleuchtung der Bahnhöfe, sondern auch eine strenge Kontrolle der Finanzmärkte – die inhaltliche Handschrift des ehemaligen Bankers Vranitzky?

Die Finanzkrise steht auch im Mittelpunkt der Reden von Häupl und Faymann. Soziale Gerechtigkeit sei das Herzstück der Sozialdemokratie, sagte der Bundeskanzler in einer Ansprache mit klassenkämpferischen Anklängen. Die „Lobbyisten der Spekulation“ seien mächtige Gegner, die behaupten würden, dass die Krise vorbei sei und man nun mit den Löhnen runter müsse, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die Arbeitnehmer würden aber auf eine gerechte Verteilung des Erarbeiteten pochen.

Häupl ließ mit einem Frontalangriff gegen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aufhorchen. Die „Rechtspopulisten, die sich als Zahntechniker verkleiden“, seien an ihren Taten zu messen: Zwischen 2000 und 2006 sei die Republik „bestohlen und beraubt“ worden. „Das kann man doch nicht vergessen haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2011)

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