Der „Fall Kampusch“ als Inspirationsquelle für eine neue Oper, Mozarts „Entführung“ in Deutschland auf Türkisch und umjubelt: Oper aktuell.
Österreichische Missbrauchsschlagzeilen-Fälle auf deutschen Bühnen, Mozarts „Entführung aus dem Serail“ auf Türkisch – sage noch einer, Oper sei keine aktuelle Kunstform!
Andererseits: Zwanghaftes Schielen nach Einschaltquoten hat nicht nur beim ORF einen bitteren Nachgeschmack. Schon bei Thomas Bernhard war ich mir nicht sicher, ob es, künstlerisch betrachtet, eine gute Idee war, die fein gestrickte Tragikomödie „ElisabethII“ zurückzuhalten und stattdessen aus vorgeblich dringlichem Anlass den Schnellschuss „Heldenplatz“ zum Staatsdrama aufzublasen.
Am Ende entscheidet ja doch das Publikum mittels imaginären Eintrags in die immerwährende Bestenliste. Mozart war ja der Erste, der dort verewigt wurde. Notabene ohne dass er das hätte ahnen können, war die „Zauberflöte“ das erste Werk, an dem sich das Phänomen des musealen Repertoirebetriebs manifestierte.
Zu Mozarts Zeit produzierte man ja für jeden Anlass noch eine Novität. Zum Beispiel die „Entführung“ zur Inauguration von Kaiser Josephs „deutschem Nationalsingspiel“. Das ging dann zwar insgesamt schief. Aber die „Entführung“ blieb uns erhalten – und ging jüngst erstmals auf Türkisch über die Bühne. In Deutschland. So viel zur Definition des „Nationalsingspiels“ im 21.Jahrhundert. Wenn das kein Beitrag zur europäischen Integration ist.
Es ist ja der osmanische Potentat, der am Ende überkonfessionelle Verständigung einfordert. Genau genommen spricht er im Original davon, dass man sich „vom Halse schaffen“ soll, wen man nicht „durch Wohltun für sich gewinnen“ könne.
In Frankfurt, wo die Handlung auf 90 Minuten verkürzt wurde, kommentierte ein Sprecher die Vorgänge, und man stieß auf ein begeistertes Publikum – wie übrigens auch bei der Eröffnungspremiere der diesjährigen Schwetzinger Festspiele. Da gab man „Bluthaus“, eine Oper des Tirolers Händl Klaus, vertont vom steirischen Komponisten Friedrich Haas.
Die Spekulation der beiden scheint also fürs Erste aufgegangen zu sein: Entführungs- und Kindesmissbrauchsfälle der jüngeren österreichischen Vergangenheit als Szenarium fürs Musiktheater, da blieb der Betroffenheitseffekt nicht aus.
Jetzt gilt es abzuwarten, ob das Thema und seine künstlerische Umsetzung konsistent genug für eine dauerhafte Beschäftigung sein werden. Es weiß ja auch keiner zu sagen, ob in 200Jahren ein Stück wie die „Entführung“ noch als aktuell gelten kann...
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2011)