Vom gefährlichsten Mann der Welt zu dem, der sich am besten verstecken kann

Osama Bin Laden
(c) dapd (Rahimullah Yousafzai/ap)

Porträt. Osama bin Laden, geboren als Sohn eines reichen saudiarabischen Unternehmers, sah nur einen Sinn in seinem Leben: den Kampf gegen die Ungläubigen.

Er lebte wie ein Gefangener, für den der Tod vermutlich eine Erlösung war. Denn jetzt weilt er – zumindest nach seinem Glauben – im Paradies und muss sich nicht mehr in einer Welt verstecken, in der er der meistgehasste Mensch war. Trotzdem tat Osama bin Laden fast zehn Jahre lang alles, um seiner Belohnung für den Kampf gegen die Ungläubigen zu entgehen: Er lebte in kalten Höhlen in Afghanistan, schlich wie ein Dieb in der Nacht von einem Versteck ins andere und verbrachte seine letzten Jahre abgeschieden auf einem riesigen Anwesen in Pakistan. Aus dem einst gefährlichsten Mann der Welt war der Mann geworden, der sich am besten verstecken konnte.

Wie einsam er bei seiner ständigen Flucht gewesen sein muss, kann man anhand der Telefonate erahnen, die er mit seinem Satellitenhandy (00873-682505331) führte, bevor er auch das aufgab und auf menschliche Boten zurückgriff, um keine Spuren zu hinterlassen: Er sprach, wie die National Security Agency (NSA) penibel aufzeichnete, mit Gefolgsleuten in Saudiarabien, im Sudan, in Pakistan. Aber mit keinem Menschen telefonierte er so oft wie mit seiner Mutter Hamida.

Die Bande gingen nicht nur auf eine normale Mutter-Sohn-Beziehung zurück, sondern haben auch andere Gründe. Als Osama bin Laden 1957 geboren wird, ist seine Mutter bereits die vierte Frau seines Vaters – aber die erste, die nicht aus Saudiarabien stammt. Sie ist Syrerin, und deswegen gilt sie als minderwertig, als „Sklavin“ und Osama, das 17. von 50 Kindern, als „Sklavenkind“.

Doch das bedeutete nicht, dass er deswegen auf den Luxus verzichten muss, den ihm seine Familienzugehörigkeit bescherte. Seinem Vater, Mohammed bin Awad bin Laden, gehörte das größte Bauunternehmen Saudiarabiens, das alle Paläste der Königsfamilie errichtete. Osama (was so viel bedeutet wie „junger Löwe“) arbeitete zwar in der Firma seines Vater, reiste aber im Gegensatz zu seinen Geschwistern nie in den Westen. Er wurde strenggläubig erzogen und schloss sich an der Universität in Jeddah der radikalen Moslembrüderschaft an. Jeder, der nicht die reine Lehre des Korans befolgte, war für sie ein Feind.

Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte, ging bin Laden nach Pakistan, um als Mudschaheddin gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Bald gründete er mit dem umfassenden Familienvermögen seine eigenen Trainingscamps und seine eigene Truppe, die al-Qaida. Eigentlich eine bürokratische Maßnahme: Sinn der Vereinigung war es, einen Überblick über die Kämpfer zu haben.

Obwohl auch bin Laden von der Unterstützung der USA für die Mudschaheddin profitierte, war für ihn klar: „Jetzt geht es gegen den Kommunismus, das nächste Ziel aber ist Amerika“, sagte er einem französischen Journalisten.

 

Österreicher als erstes Terroropfer

Vermutlich suchte er schon damals einen neuen Feind. Denn nach Afghanistan fehlte Osama bin Laden eine Aufgabe. Die glaubt er zu finden, als der Irak Ende 1990 in Kuwait einmarschierte. Er bot dem König an, mit seiner al-Qaida das Land zu verteidigen. Doch dieser holte lieber die USA zu Hilfe. Bin Laden sei „geschockt“ gewesen, berichtete ein Freund, dass sich der Feind im heiligen Land breitmachte.

Wegen seines Widerstands gegen Amerika verbannte ihn die saudische Regierung, er floh in den Sudan, wo er Geschäfte zur Finanzierung seiner Terrorziele aufzog und seine 500 al-Qaida-Kämpfer versammelte. Später, 1994, entzog ihm Saudiarabien die Staatsbürgerschaft.

Seinen vermutlich ersten Anschlag organisiert bin Laden am 29.Dezember 1992 in Aden im Jemen. Ziel waren 100 US-Soldaten. Doch sie hatten das Hotel bereits verlassen, stattdessen traf es Österreicher: Der Wiener Denis Horvath wurde bei dem Anschlag auf das Hotel „Gold Mohuir“ getötet, seine Frau und zwei weitere Mitreisende wurden verletzt.

Ein Jahr später folgte der erste Anschlag auf das World Trade Center. Eine Lkw-Bombe explodierte in der Garage, sechs Menschen starben. Auf Druck der USA vertrieb der Sudan 1996 bin Laden, der nach Afghanistan floh und eine Allianz mit Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar schmiedete.

Jetzt hat er als Terrorist seine erfolgreichste Zeit: 1998 gibt es Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar es Salaam mit 224 Toten; im November 2000 folgt ein PR-Coup, als zwei Selbstmordattentäter ein Loch in das US-Kriegsschiff USS Cole sprengen und 17 Soldaten töten.

Und dann der 11. September 2001. Die ersten Pläne sehen zehn entführte Flugzeuge vor. Schließlich reduziert Khalid Scheich Mohammed den Angriff auf vier Flugzeuge. Zwei Monate später taucht ein Video auf, in dem Osama bin Laden die Verantwortung für die Anschläge übernimmt und vor Freunden angibt: „Die anderen glaubten nicht, dass es so viel Zerstörung gibt. Ich war optimistischer.“

Mit dem 11.September wurde die Jagd auf ihn zur Hauptaufgabe: „Tot oder lebendig“ wolle er ihn haben, sagte der ehemalige US-Präsident George Bush unmittelbar nach den Anschlägen. Sein Nachfolger Barack Obama kann den Erfolg für sich verbuchen, den „gefährlichsten Mann der Welt“ zur Strecke gebracht zu haben.

Dass man ihn jemals lebend gefangen nehmen wird, glaubte niemand. Osama bin Laden selbst hoffte, dass sein Tod sein letzter, großer PR-Sieg sein wird und den Islam gegen die USA vereint.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2011)