Ein tolles neues Buch bringt auch mathematischen Nullen die Zauberwelt der Nummern näher.
Der „Presse“-Leser Dr. E. hat neulich ein großes Ärgernis zur Sprache gebracht: den unkritischen Umgang mit Zahlen – man denke nur an atemlose Schlagzeilen über das „rasante Wirtschaftswachstum“ Chinas. Dr. E. brachte das Problem im folgenden Gleichnis auf den Punkt: „Wenn in einem Restaurant ein Gast sitzt, und ein zweiter kommt hinzu, hat sich der Besuch um 100Prozent erhöht. Befinden sich im Restaurant dagegen 100 Gäste, und einer kommt hinzu, beträgt die Steigerung nur ein Prozent. Passiert ist in beiden Fällen allerdings dasselbe.“
Damit will er Chinas Aufschwung nicht kleinreden, und auch mir liegt das fern. Aber etwas mehr Nachdenken beim Jonglieren mit den Zahlen tut Not – vor allem, wenn man in der Zeitung über sie berichtet. Liegt es vielleicht daran, dass wir Journalisten signifikant schlechtere Rechner sind? Auf mich trifft das sicher zu, ich war in Mathematik eine Null (no pun intended, wie der Brite sagen würde).
Allerdings war meine Talentlosigkeit mit einem stillen Begehren gepaart, sie zu überwinden. Insofern ist das Buch „The Number Mysteries“ des englischen Mathematikers Marcus du Sautoy ein echter Segen. Du Sautoy ist in Oxford Simonyi Professor for the Public Understanding of Science, also gleichsam der britische Rudolf Taschner, sein Buch ein Pflichtkauf. Ein toller Mathematiker werde ich zwar nicht mehr. Doch wer sich die erstaunlichen Fibonacci-Zahlen erklären oder in die Wunderwelt des Fraktals einführen hat lassen, wird sich deren diskreten Charmes nicht erwehren können.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2011)