Eine Frage der Missachtung

Deutlicher als in den letzten Monaten hätte man den Studenten - den protestierenden und den nicht-protestierenden - kaum zeigen können,...

Deutlicher als in den letzten Monaten hätte man den Studenten - den protestierenden und den nicht-protestierenden - kaum zeigen können, was man von jungen Menschen und ihrer Zukunft hält: Nämlich nichts. Ein desinteressierter Wissenschaftsminister (Johannes Hahn) und mit ihm die Regierung ließen die protestierenden Studenten einfach "auflaufen". Spätestens zu Weihnachten werden sie aus den Hörsälen verschwinden, so die Annahme als 2009-Variante des "net amal ignorieren". Ein Vizekanzler und Parteichef (Josef Pröll) toleriert in aufreizender Gelassenheit das totale politische Vakuum in der Hochschulpolitik, auf dass die Studentschaft, die unvernünftige und die vernünftige, keinen wirklichen Ansprechpartner hat. Chaos an den Universitäten? Wen interessiert es? Das Ministerium kann offenbar monatelang führungslos sein. Ungewissheit ist den Studenten zumutbar, scheint Prölls Devise zu sein.

Im Hauptgebäude der Universität Wien wurde außerdem in den letzten Monaten gebaut, was das Zeug oder besser: der Presslufthammer auf den Gängen hergab, so dass so manche Vorlesung, wie berichtet wird, mangels Verständlichkeit des/der Vortragenden sinnlos wurde. Schlagender, im wahrsten Sinn des Wortes, kann man den Studenten Missachtung nicht zeigen als solche Arbeiten während des Semesters und nicht während der Sommerferien durchführen zu lassen. Und auch die Verstaatlichung der Hypo Alpe Adria gehört in diese Kategorie. Für alles ist Geld vorhanden, nicht aber für eine Verbesserung der Studienbedingungen. 

Ganz so kann es nicht sein. Das deutsche Wochenmagazin "Die Zeit" widmete in der vorletzten Ausgabe eine ganze Seite dem Institut of Science and Technologie (IST) in Gugging, Niederösterreich, und wundert sich: "Im Verhältnis zur Einwohnerzahl steht dem IST Austria mehr Geld zur Verfügung, als  Deutschland bislang an Förderung für seine neun Elite-Unis ausgegeben hat. Doch während die gleichzeitig gestartete Exzellenzinitiative bereits in die dritte Vergaberunde geht, recken sich hier noch die Kräne."

Es ist also alles eine Frage, wofür in Österreich Geld vorhanden ist. Der Autor des "Zeit"-Artikels ist von der sogenannten Elite-Uni in Niederösterreich genauso verblüfft wie jeder, der dort einen Lokalaugenschein vornimmt. Das Areal ist menschenleer. Es gibt viele Hinweisschilder auf Kindergarten, Administration, Müllstelle, einen einzigen Hinweis auf ein Science-Lab, das noch nicht fertig ist -  und einen auf die Raiffeisen Lecture Hall. In der "Zeit" wird einer der sieben bereits tätigen Wissenschaftler so zitiert: "Das Leben ist einfach hier. Man kann sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren", was so viel hieße wie: Das Institut liegt so abgelegen, es gibt nichts Spannendes. Das heißt aber auch, kein Campusleben, keine akademische Auseinandersetzung wie sie Oxford, Harvard oder welche Vorbilder immer zu bieten haben. So kommt "Die Zeit" zu dem Schluss: Mehr als den reinen "Anspruch" auf ein Spitzeninstitut war - zwischen Billa und Bushaltestelle und sonst nichts - nicht  zu erkennen. In den nächsten sechs Jahren sollen 400 Millionen für Gugging locker gemacht werden, die 130 Millionen des Landes Niederösterreich für den verlassenen Standort nicht mit eingerechnet.

Der Standpunkt der politischen Führung eines Landes bestimmt  den Standort einer Bildungseinrichtung. Die Stadt Wien wusste offenbar nicht, was sie mit den Gebäuden am Wiener Kahlenberg anfangen sollte, also errichtete die Wiener Wirtschaftskammer dort die private Modul University Vienna. Ein ähnliches Bild wie in Gugging: Fernab jeder Infrastruktur, leere Gänge, Büroräume als Computerdepots etc. Irgendwo aber müssen jene 300 Studenten für Tourismus Hospitality, Public Governance und New Media Technology ja sein, von denen eine freundliche Dame aus dem Pressebüro spricht. Drei davon sitzen in der Halle mit dem wunderschönen Blick über Wien. Ob sie den mit dem Studium hier zufrieden seien? Sie schauen sich an, lachen auf, wobei man nicht deuten kann, ob es ein zynisches, ein verlegenes oder ein freundliches Lachen ist: "A really great view", sagt einer der Studenten. "So far so good", meint ein andere. Und sie lachen wieder.

Ein Bachelor kostet am Kahlenberg 25.000 Euro ein Master 28.000 Euro. 40 Prozent der Studenten seien Österreicher, sagt die Dame, für 500 Studenten sei die Uni geplant. Das Leben muss auch am Kahlenberg einfach sein, denn es gibt hier nur die "really great" Aussicht. Aber leben müssen die Studenten unten in der Stadt. Das werden vor allem die finanzkräftigen Studenten aus aller Herren Länder, auf die die Privatuni hofft, sicher attraktiv finden. Sollten sie ausbleiben, wird es hier hoch über Wien ein bildungspolitisches Faß ohne Boden geben - für die Wirtschaftskammer und die MBI Al Jaber Foundation. Mohamed Bin Issa Al Jaber,  mit seiner MBI International nach Forbes einer der reichsten Männer des Mittleren Ostens, Philantrop, im Hotel-, Immobilien-, Öl- und Landwirtschaftsektor tätig, finanziert als Hauptsponsor (@ Homepage) 35 Stipendien.

Was das alles mit der Unterfinanzierung der Universitäten und den Studentenprotesten zu tun hat? Mit den für Gugging und den Kahlenberg aufgebrachten Mitteln könnten Institute an den bestehenden Universitäten besser ausgestatten, eigene Professuren finanziert und neue Lehrstühle eingerichtet werden - wie das im angelsächsischen Raum in der Zusammenarbeit zwischen der Universitäten mit Privaten und Institutionen üblich ist. Der Lokalaugenschein in Gugging und am Kahlenberg zeigte: Die regionale Politik benötigte für leerstehende Objekte eine neue Verwendung. Das werden die Studenten in anderen Universitäten mit inakzeptablen Studienbedingungen anderswo doch wohl einsehen.

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