Karl - Oder der Wunsch, Unrecht zu haben

Da ist es wieder, dieses verflixte journalistische Dilemma: Ein neues
Regierungsmitglied wird angelobt und die Zweifel überwiegen.

Da ist es wieder, dieses verflixte journalistische Dilemma: Ein neues Regierungsmitglied wird angelobt und die Zweifel überwiegen bei weitem die Gewissheit, dass dies eine gute Entscheidung ist. Soll für die neue Wissenschaftsministerin nun der Grundsatz gelten: Im Zweifel für ... mit gebührender anfänglicher Nachsicht. Oder soll man die Gründe für seine massive Skepsis gleich von Anfang an darlegen?

Das Wissenschaftsministerium ist, wie schon oft festgestellt, für die Zukunft dieses Landes einfach zu wichtig, um eben diese Skepsis zu verheimlichen. Die eigene Erfahrung mit Beatrix Karl verheißt nämlich nicht das, was man sich für dieses Zukunftsressort wünschen würde: Am 19. Juni vergangenen Jahres nahm sie im Parlament auf Einladung von Präsidentin Barbara Prammer aus Anlass des "Welttages des Flüchtlings" an einer Diskussion teil. Zuvor war der berührende Film "Ein Augenblick Freiheit" des österreichisch-iranischen Regisseurs Arash T. Riahi gezeigt worden. Auch aufgrund von Karls Wortmeldungen stellte sich dann heraus, es wäre besser gewesen, den Film wirken und nicht von PolitikerInnen diskutieren zu lassen. 

Karl erwies sich bei dieser Diskussion als stramme Parteisprecherin, die leider nicht fähig war, flexibel auf den Film und/oder die Diskussion einzugehen. Man müsse die Asylantenzahlen im Auge haben; es gehe einerseits darum, Rechtssicherheit herzustellen, andrerseits müsse Rechtsmissbrauch so weit wie möglich verhindert werden; und dergleichen mehr. Es war bei dieser Veranstaltung im Parlament einfach nicht notwendig und nicht erforderlich, nur die sogenannten "speaking notes" der Parteizentrale zu verlesen. In wirklich verblüffender Weise bewegte sich Karl damals nicht einen Millimeter weit weg von der Linie der ÖVP und dies in einer Diktion, die an die Ansammlung von Stehsätzen aus den  Sprachregelung-Notizen der Partei erinnerten.

Also nehmen wir an, Beatrix Karl hatte einen schlechten Tag im Juni. Und hoffen wir, dass sie am Minoritenplatz mehr Flexibilität und mehr Fantasie entwickelt, als in der Enge der ÖVP und des ÖAAB erlaubt sein mag. Mit anderen Worten: Der Wunsch, mit der derzeitigen Skepsis Unrecht zu haben; die Sehnsucht nach positiver Überraschung ist wieder da. Es wäre wirklich wünschenswert, keine Bestätigung für den ersten (negativen) Eindrucks zu bekommen.

Die Skepsis wird allerdings durch die Ereignisse der letzten Wochen verstärkt: VP-Chef Josef Pröll erklärte bei der Präsentation Karls, er habe sie immer schon im Kopf gehabt, sie sei absolut erste Wahl und ähnliches mehr. Vor rund zwei Wochen noch hatte Pröll laut Apa vom 12.Jänner "noch keine konkrete Person vor Augen". Da nicht anzunehmen ist, dass Karl am 12.Jänner keine konkrete Person war und erst in der Zwischenzeit von einer vagen zu einer konkreten Persönlichkeit geworden ist, muss man annehmen: Pröll hat entweder am 12. oder am 25.Jänner die Öffentlichkeit hinters Licht geführt. Es sei denn, er unterscheidet zwischen "im Kopf" und "vor Augen".

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