Andreas Khol ist ein sehr gefragter Mann. Dieser (Jahres)Tage kann man
viel von ihm über die "Wende" 2000 lesen und hören. Und da kann...
Andreas Khol ist ein sehr gefragter Mann. Dieser (Jahres)Tage kann man viel von ihm über die "Wende" 2000 lesen und hören. Und da kann schon die eine oder andere Diskrepanz bei dem von ihm selbst Dargestellten auftauchen. Zum Beispiel muss man zu dem Schluss kommen, dass nicht nur die "Wahrheit eine Tochter der Zeit" ist, sondern auch seine Tagebücher mit den Aufzeichnungen über die Koalitionsverhandlungen 1999/2000 müssen Töchter der Zeit sein.
Khol gewährte zum Beispiel dem "Kurier" Einblick in seine Tagebücher, aber da findet sich auf zwei Seiten nichts von dem, was Khol selbst in dem Film "Widerstand im Haiderland" von Frederick Baker, der diese Woche ins Kino kommt, von sich gibt. Dort erzählt Khol nämlich, dass die Verhandlungen zu Schwarz-Blau in seinem Haus in Hietzing stattgefunden hätten; dass die Politiker zwecks Geheimhaltung ihre Autos nie vor seinem Haus abgestellt hätten; dass Wolfgang Schüssel und Jörg Haider genau eine halbe Stunde im "Arbeitszimmer" seiner Frau unter vier Augen für die Zusammenstellung des Kabinetts Schüssel I benötigt hätten. Die Erzählungen Khols in dem Film ergeben ein anderes Bild als die Tagebücher, in die er dieser Tage Einblick gewährte. Also hat der ehemalige Klubchef der ÖVP damals eine "doppelte Buchhaltung" geführt? Es ist ja nicht anzunehmen, dass er ausgerechnet die entscheidenden Verhandlungen in seinem Haus nicht der Eintragungen im Tagebuch wert befunden hat. Oder er hat den Journalisten jetzt eine "bereinigte" Fassung vorgelegt.
Im Grunde spielt es keine Rolle mehr, ist aber als Fußnote der "Wende"-Geschichte nicht uninteressant. Überrascht sollte man nicht sein, denn schließlich war es ja Khol, der mit dem Zitat von der Wahrheit als Tochter der Zeit bekannt wurde. Dieses musste vor rund zehn Jahren zur Rechtfertigung herhalten, warum SP-Politiker binnen kürzester Zeit von Partnern der ÖVP in der Regierung zur "roten G'frastern" werden konnten. Es konnte ja damals schon nicht sein, dass die ÖVP 14 Jahre lang nicht bemerkt hatte, dass sie eigentlich mit roten G'frastern am Regierungstisch gesessen ist. Also muss sich ihre "Wahrheit" zum Jahreswechsel 1999/2000 verändert haben.
In dem Film taucht aber noch eine andere "Wahrheit" auf - ausgerechnet in einem Interview mit dem unglückseligen Kärntner Reinhard Gaugg von der FPÖ, dem N.A.Z.I - Buchstabierer, verhinderten Präsidenten des Hauptverbandes der Sozialversicherungen und Alko-Lenker. Zum einen erzählt Gaugg, dass er sich überhaupt erst nach seinem Nazi-Spruch über die NS-Zeit kundig gemacht habe und vorher ahnungslos gewesen sei. Das ist insofern interessant, als jemand von diesem Bildungsstand nach dem Willen der FPÖ Präsident des Hauptverbandes hätte werden sollen. Zum anderen aber spricht ausgerechnet Gaugg das aus, was viele für den "wahren" Grund des Scheiterns der Haider-FPÖ in der schwarz-blauen Regierung halten und gehalten haben: Einmal in der Regierung hat die Haider-FPÖ in ihrem Drang nach den Trögen der Republik den versprochenen Kampf gegen Pfründe und Postenschacher prompt und nachhaltig eingestellt. Damit war die Chance vertan.