Europa forciert Ausbau der Windenergie auf hoher See. Doch sind die Anlagen am Netz, könnte dieses kollabieren, warnen Experten. Der Netzausbau ist aber nur eine Lösung. Erste Windkraftspeicher sollen kommen.
Brande/Maribo. Wie eine Horde gigantischer Vogelscheuchen ragen sie aus der dänischen Ostsee. Friedlich lassen die 90 Windkraftanlagen ihre Flügel kreisen – mit 115 Metern ist jede von ihnen fast doppelt so hoch wie das Riesenrad.
So soll sie also aussehen, die Zeit nach Deutschlands Atomausstieg, die Zukunft der Stromversorgung in Europa. Bis 2015 will die EU die Leistung ihrer Windmühlen auf hoher See mehr als verdoppeln, und so Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke verdrängen. Doch die saubere Energie hat einen Haken: Der Strom lässt sich nicht speichern. Weht der Wind im Norden zu stark, bringt das die Netze in Gefahr, und Europa drohen Blackouts.
Verdoppelung der Windenergie
Heute liefert die Windenergie mit fünf Prozent einen bescheidenen Beitrag zur europäischen Stromerzeugung. Doch die EU ist entschlossen, den Anteil bis 2030 auf ein Drittel zu erhöhen.
Dänemark, das Mutterland der Windenergie, hat dieses Ziel schon fast erreicht. Ein Viertel seines Stromverbrauchs deckt das Land mit seinen Windmühlen. Da Standorte am Festland knapp sind, werden neue Anlagen meist vor der Küste gebaut. Zwar kostet eine Kilowattstunde (KWh) Windenergie am Meer mit rund 14 Cent gut doppelt so viel wie am Land, dafür bläst der Wind auf hoher See konstanter.
Allzu weit hinaus müssen sich die Dänen ohnedies nicht wagen. So stehen die 90Anlagen des Windparks Rødsand II nur wenige Kilometer von der Küste entfernt. Auch wenn der Wind nur die Hälfte der Zeit bläst, sollen sie rund 800Millionen KWh Strom im Jahr liefern. Genug für 200.000 Haushalte. Gebaut wurde Rødsand II vom Energiekonzern E.On. Auch beim fünfmal größeren Windpark London Array hat das deutsche Unternehmen seine Finger mit im Spiel. Nur in Deutschland selbst läuft der versprochene Ausbau der Windenergie schleppend an.
Baustopp wegen Schweinswalen
Freudig winkte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel am Montag bei der Eröffnung von „Baltic 1“ in die Kamera. Mit einer installierten Leistung von 50 Megawatt (MW) hat Deutschlands erster Ostsee-Windpark aber bestenfalls homöopathische Wirkung. Schließlich muss die Kanzlerin bis 2030 Windmühlen mit einer Leistung von 25Gigawatt ins Meer pflanzen, will sie die geplante Abschaltung von 20deutschen Atomkraftwerken kompensieren. Einfach wird das nicht.
Denn während Bjarne Haxgart, Bauleiter bei Rødsand II, die 2000Tonnen schweren Windkraftanlagen nur wenige Kilometer von der Küste entfernt ins sechs bis 13Meter seichte Wasser rammen durfte, verbannen deutsche Behörden die Windräder weit hinaus in tiefe Gewässer. Auch die dänische Tierwelt zeigt sich flexibler als die deutsche: Auf die Idee, die Bauzeit wie in Deutschland auf die windigen Wintermonate zu beschränken, um die jungen Schweinswale nicht zu stören, kommt in den führenden Offshore-Nationen Dänemark oder Großbritannien niemand. Dort werden die Tiere für die Dauer der Bauzeit einfach vertrieben.
Dennoch: Mit fünf Mrd. Euro Förderbudget gibt sich Berlin entschlossen, das Programm durchzuziehen. Dann fangen die Probleme für manche freilich erst richtig an.
Denn statt konstanter Energie aus AKW und Gaskraftwerken liefern erneuerbare Energieträger nur dann Strom, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint. Darauf sind die Leitungen in Europa nicht ausgerichtet, warnen auch heimische Netzbetreiber. In drei Minuten ist der Strom aus der Ostsee in den Alpen angekommen. Weht der Wind zu stark, wird plötzlich mehr Strom ins Netz gespeist, als verbraucht werden kann. Dann drohen in ganz Europa Blackouts, warnt Heinz Kaupa, Chef des Übertragungsnetzbetreibers APG. Schon im Vorjahr mussten die Netzbetreiber Kunden für das Verpulvern von Windenergie bezahlen, um das Netz in Balance zu halten. Deutschland drängt daher auf den raschen Ausbau der Übertragungsnetze. Ein eigens geschaffenes „Netzausbaubeschleunigungsgesetz“ soll die Einspruchsmöglichkeiten der Landeskaiser entsprechend beschneiden.
Siemens verspricht Windspeicher
Auch die APG fordert einen verstärkten Netzausbau. Eine Mrd. Euro würde es kosten, die nötigen Leitungen zu legen – allen voran die 380-KV-Leitung in Salzburg. Doch ist der eilige Bau von Stromautobahnen wirklich notwendig?
„Die Speicherung ist das ,missing link‘ der Erneuerbaren“, sagt Henrik Stiesdal, Technikchef bei Siemens Wind Power in Brande. Bisher können nur Pumpspeicherkraftwerke Windstrom kommerziell erfolgreich speichern. Doch schon in zehn Jahren will Siemens Windstrom vor Ort speichern können. Unsicherheit über die Zukunft ist auch bei Kaupa spürbar: „Die Netzbetreiber bauen Netze auf“, sagt er, „und wissen nicht genau wofür.“
Auf einen Blick
Bis 2015 will die EU doppelt so viel Offshore-Windkraft nutzen. Netzbetreiber warnen vor Blackouts. Die Netze seien nicht auf die unberechenbare Zufuhr großer Mengen an Windstrom ausgerichtet.
Doch nicht alles spricht für einen raschen Ausbau der Übertragungsnetze. Denn Siemens will das Speicherproblem der erneuerbaren Energieträger spätestens in zehn Jahren gelöst haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)