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Tschechisch statt Türkisch

Eine Replik auf Abgeordnete Alev Korun: In Österreich gibt es bereits mehr Türkischsprachige, als am Arbeitsplatz gebraucht werden.

Gastkommentar

Die grüne Abgeordnete türkischer Herkunft, Alev Korun, hat versucht, die Leser der „Presse“ mit ihrem Gastkommentar „Einsprachigkeit ist heilbar“ (21.4.) davon zu überzeugen, wie nützlich und wichtig Türkisch als zweite lebende Fremdsprache an unseren Schulen wäre.

Frau Korun stellt richtigerweise fest, dass Mehrsprachigkeit eine wertvolle Zusatzqualifikation auf dem Arbeitsmarkt sei. Dies gilt natürlich gerade für ein Land wie Österreich, das stark von den Exporterfolgen der Wirtschaft abhängig ist. Aber warum ausgerechnet Türkisch? Ein Blick auf Österreichs Exportstatistik zeigt: Die Türkei rangiert unter „ferner liefen“. Tschechisch-, Ungarisch-, Polnisch-, Slowenisch-, Chinesisch-, Niederländisch-, Slowakisch-, Schwedisch-, Kroatisch- oder Japanischkenntnisse wären da wichtiger.

Die Destinationen österreichischer Exporte haben sich in den vergangenen 25 Jahren stark verändert, das Sprachangebot an Österreichs Schulen hingegen kaum: Die zweite lebende Fremdsprache ist zumeist Französisch, Italienisch lernen nicht einmal halb so viele Österreicher (obwohl mehr als doppelt so viele Exporte nach Italien als nach Frankreich gehen). Die wirtschaftlich ebenfalls wichtigen Sprachen Spanisch und Russisch sind schon ein Randgruppenprogramm, von anderen Sprachen ganz zu schweigen.

Dieses weitgehend unveränderte Angebot hängt wohl stark damit zusammen, dass sich das Lehrangebot an den Schulen weniger an den Chancen der Schulabgänger auf dem Arbeitsmarkt orientiert als an der Befindlichkeiten der Lehrergewerkschaft.

 

Integrationsbereitschaft fehlt

In Österreich gibt es rund 250.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Es gibt also bereits deutlich mehr Türkischsprechende, als am Arbeitsmarkt gebraucht werden. Zusätzlich Türkisch als zweite lebende Fremdsprache anzubieten ist so unnötig wie ein Kropf. Von diesem Angebot würden nur lernfaule türkische Schüler profitieren, die auch ohne das Erlernen einer zweiten Fremdsprache maturieren könnten.

Das Problem ist anders gelagert: Viele türkische Kinder kommen schon mit unzureichenden Deutschkenntnissen in die Volksschule, werden als außerordentliche Schüler mitgeschleppt, beenden die Pflichtschule ohne Abschluss und ohne ausreichende Sprachkenntnisse. Sie zählen dann zu jenen, die mangels grundlegender Fertigkeiten keinen Lehrplatz bekommen und vom österreichischen Steuerzahler durchgefüttert werden müssen – obwohl viele Unternehmen händeringend nach Lehrlingen suchen.

Das liegt nicht nur an verbesserungsfähigen Sprachfördermaßnahmen, sondern an der mangelnden Integrationsbereitschaft: Laut GfK-Erhebung (Jänner bis März 2010) sind 47Prozent der in Österreich lebenden ethnischen Türken mit der österreichischen Gesellschaft „ganz und gar nicht“ oder „eher nicht“ einverstanden.

Wahrscheinlich könnte man die Eltern motivieren, indem man den Bezug der Kinderbeihilfe von einer positiven Deutschnote abhängig macht. Denn momentan ist es wahrscheinlich die Großzügigkeit des österreichischen Sozialstaates, die viele Türken im ungeliebten Österreich hält.

Christian Ebner (geb. 6.2. 1970), Betriebswirt und Unternehmensberater, ist Generalsekretär des Bündnisses Zukunft Österreich (BZÖ).


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)