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Wiener Vorlesungen: Günter Wallraff

(c) Ehalt
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Günter Wallraff über die Sozialreportage, die verdeckte Ermittlung und teilnehmende Beobachtung. Seine Chance sah Wallraff in dem „fremden Blick“ auf die Zustände in den Fabriken.

Hubert Christian Ehalt: Seit mehr als 45 Jahren untersuchst du Gesellschaft hinter den Fassaden der offiziellen Selbstdarstellung der Politik, der Institutionen und der Wirtschaft. Du hast Wirtschaft und Gesellschaft von der Zeit des Wirtschaftswunders bis in die aktuellen Situationen einer neu aufgehenden Arm-Reich-Schere befundet. Dein Interesse galt stets den Benachteiligten und Unterprivilegierten am unteren Rand der Gesellschaft. „Ganz unten“ hieß dein Buch, das mittlerweile fünf Millionen Mal verkauft wurde. Dir liegt ein dichter Befund über die Schattenseiten der Gesellschaft vor. Wo hat denn dieses Interesse begonnen?

Günter Wallraff: Ich war als Kind und Jugendlicher von Büchern fasziniert; mit großer Begeisterung habe ich z.B. Jack London oder Bert Traven verschlungen. Buchhändler bin ich geworden, um mein großes Lesebedürfnis zu befriedigen, aber auch, um bei meiner Bildung noch nachzubessern. Ich war ein schlechter Schüler, in vielen Fächern, ein totaler Versager in den theoretischen Fächern. Nur in Deutsch, Sport und Kunst hatte ich eine Eins. Dieses Theoriedefizit war später, in der Zeit der 68er-Bewegung, eine Chance für mich. Ich war weniger gefährdet, einer dogmatischen Gruppe anzugehören. Ich bin kein klassischer 68er. Mich gab's vorher und nachher; aber es gab eine Wechselwirkung zwischen den Zielsetzungen der 68er-Bewegung und meiner Arbeit.

Ich war kein „Studierter“. Ich kannte Rudi Dutschke, und wir mochten uns. Vieles in der Bewegung – z.B. der Personenkult um Akteure – war mir fremd. Ich schätzte das soziale Engagement von Rudi Dutschke und auch von Ulrike Meinhof, auch deren journalistische und dramaturgische Tätigkeit. Da gab es etliche Berührungspunkte. Aber als Meinhof diesen Wahnsinn des bewaffneten Kampfes in einem Manifest verkündete, habe ich ihr in einem offenen Brief Realitätsverlust und Menschenverachtung attestiert.

Was hat dich zu deinen ersten Reportagen motiviert, wie sind die aufgenommen worden?

Ich war Buchhändler und wurde dann zur Bundeswehr eingezogen. Ich muss heute rückblickend sagen, dass ich der Bundeswehr viel zu verdanken habe. Ohne die Bundeswehr würde es vielleicht die spezifische Form meiner Arbeit gar nicht geben; die Bundeswehr hat mir sozusagen auf die Sprünge geholfen. Ich war Kriegsdienstverweigerer und habe diesen Widerstand gegen den Dienst mit der Waffe sehr konsequent durchgehalten. Ich wurde nach dem damals geltenden Recht eingezogen und habe mich dann zehn Monate lang geweigert, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und mich zum Töten ausbilden zu lassen. Man hat versucht, mich zu erpressen, zuletzt hat man mir einen Deal angeboten. Das kam so: Ich hatte alles in einem Tagebuch festgehalten. Das war mein erstes realistisches dokumentarisches Schreiben. Vorher hatte ich experimentelle Lyrik gemacht; damit hatte ich früh angefangen und in Zeitschriften bereits einiges veröffentlicht. Bei der Bundeswehr ist mir Hören und Sehen nicht vergangen, vielmehr erst so richtig aufgegangen. Ich hatte einen Briefwechsel mit Heinrich Böll, der mich ermutigt hat, meine Erfahrungen und Erlebnisse bei der Bundeswehr zu veröffentlichen. Als die Bundeswehr davon erfuhr, bot man mir an, dass ich sofort in Freiheit kommen könne, wenn ich bereit wäre, eine Veröffentlichung gegen die Bundeswehr zu unterlassen. Darauf bin ich nicht eingegangen. So wurde ich in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts Koblenz eingeliefert und mit einem „Ehrentitel“ wieder in die Freiheit entlassen: mit dem Prädikat „abnorme Persönlichkeit, für Krieg und Frieden untauglich, Tauglichkeitsgrad 6“. Das war damals die beste Voraussetzung, meine eigentliche Arbeit zu beginnen: die Dokumentation meiner Bundeswehrerlebnisse.

Ein Hauptthema meiner Fragen an dich ist, was sich in den jetzt etwa 45 Jahren, in denen du deine Reportagearbeit hinter den offiziellen Fassaden der Gesellschaft machst, in dieser Gesellschaft verändert hat. Die Fassaden sind heute im doppelten Sinn frisch herausgeputzt. Und vermutlich ist man daher heute viel weniger bereit wahrzunehmen, dass hinter diesen offiziellen Fassaden etwas geschieht, was nicht in Ordnung ist. Ist diese Hinterseite der Gesellschaft immer gleich finster, gleich bösartig, gleich brutal geblieben, in den 1960er-Jahren noch nazistisch, heute neoliberal und asozial?

Das Problem mit den Nazis, die noch an wichtigen Schalthebeln saßen, hat sich auch biologisch gelöst. Es folgten andere Generationen nach, die nicht mehr belastet waren. Als ich mit meiner Arbeit begonnen habe, in den 1960er-Jahren, da war die Gesellschaft noch durchseucht von Statthaltern dieser Zeit; nicht nur in der Armee, sondern auch in der Wirtschaft, in der Ärzteschaft, in der Polizei, in der Justiz; alles war noch vom Nazismus durchseucht. Da fühlte man sich als Jugendlicher wie unter einer Dunstglocke, und man bekam fast Erstickungsanfälle.

Die Welt hat sich seither verändert: Da war ich auch Impuls und Beschleunigerteilchen dieser Veränderung. Damals war die Gesellschaft in vieler Hinsicht starrer, in rechts und links aufgeteilt. Der Kalte Krieg hat alles dominiert und lange Zeit zu einem falschen Lagerdenken geführt.

Was waren – außer der Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Restbeständen – gesellschaftliche Gründe, die dich zu deiner Arbeit motiviert haben? Alle deine Reportagen durchziehen Frage und Dokumentation der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, vor allem in der Wirtschafts- und Arbeitswelt die Frage, wie diese Ungerechtigkeit produziert wird. Deine Arbeit ist massive Gesellschaftskritik. Welche Rolle spielt die Kritik des Kapitalismus in deiner Arbeit?

Meine Arbeit war und ist nicht theoretisch motiviert. Bei mir waren und sind es immer sehr konkrete Beschreibungen von Situationen jenseits einer soziologischen Festlegung. Viele Sozialforscher haben ja ein striktes theoretisches und methodisches Konzept und untersuchen damit die Wirklichkeit. Bei mir war und ist es immer genau umgekehrt: Ich setze mich mit einer konkreten sozialen Situation auseinander und auf der Grundlage dieser Auseinandersetzung erstelle ich meinen Befund oder lasse einfach die Tatsachen für sich sprechen. Im Hinblick auf systemtheoretische Folgerungen war ich immer sehr skeptisch. Ich habe zwar Marx mit Gewinn gelesen, würde mich aber nicht als Marxist bezeichnen. Marx würde sich heute wahrscheinlich nicht Marxist nennen, genauso wie sich Christus sicher nicht als Katholik bezeichnen würde.

Meine Chance bei meiner Arbeit war der „fremde Blick“ auf die Zustände in den Fabriken. Ich konnte mit Erstaunen und Erschrecken etwas darlegen, an Verhältnissen Kritik üben, an die andere sich schon gewöhnt hatten oder diese Zustände als etwas Normales hinnahmen. Im Hinblick auf die Entwicklung meiner Arbeit kann ich sagen, dass ich vom passiven Beobachter zum aktiven Teilnehmer geworden bin; und wenn es denn sein muss, auch einmal zum provozierender Akteur.

Wenn man die letzten Jahrzehnte Revue passieren lässt, dann empfindet man doch die 1960er- und 70er-Jahre auch als eine goldene Zeit des kapitalistischen Systems: der sogenannte Fordismus. Fast alle hatten Arbeit, die Arbeit bot eine Lebens- und Zukunftsperspektive, die Gewerkschaften konnten die Position der Arbeitnehmer sichern; die Menschen standen meistens in lang dauernden kontinuierlichen Arbeitsverhältnissen. Es gab den aus meiner Sicht willfährigen Begriff der „Flexibilität“ noch nicht, es gab jedenfalls im Vergleich mit den aktuellen neoliberalen, oft prekären Arbeitsverhältnissen eine relativ faire Aushandlung von Arbeit, Leistungsumfang und Lohn.

Vorsicht, Vorsicht... Es gab bestimmte und nicht kleine Bereiche der Arbeitswelt, die viel zu selten im Blickpunkt der Öffentlichkeit standen, das waren entfremdete, unmenschliche, menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse. Dort waren Menschen wehrlos, wurden verschlissen. Da waren Gewerschaften zwar da, konnten für ihre Mitglieder aber nichts erreichen. Man denke nur an die schwerst gesundheitsschädlichen Emissionen in den Fabriken. Also möchte ich schon einwenden, dass man diese Zeit heute nicht als Goldenes Zeitalter ansehen sollte. Heute ist es in anderer Hinsicht schlimm, zum Teil weniger schlimm oder auch schlimmer schlimm; man muss das jeweils neu und sehr differenziert beurteilen.

Es gibt zu der aufgehenden Arm-Reich-Schere , zu den prekären Arbeitsverhältnissen, zu den McJobs viel zu wenig Fakten und daher auch ein viel zu geringes gesellschaftliches Interesse und Bewusstsein zu diesem Problemfeld. Arbeitsministerien und -ämter haben kein dezidiertes Interesse an der Aufhellung der Problematik. Dort gibt es den Wunsch, die Wirklichkeit statistisch gut darzustellen und Politik und ihre Wirksamkeit schönzureden. Wer erstellt denn die notwendigen Befunde? Welche Rolle spielen gegenwärtig die Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften stehen mit dem Rücken zur Wand. Und die Institution und die Funktionäre sind total überfordert. Wenn man mit den Gewerkschaftssekretären spricht und hört, was die an Arbeitsgerichtsfällen zu bewältigen haben, dann muss man sagen, dass sie das gar nicht bewältigen können. Sie sind schlecht bezahlt und haben zu viele Fälle zu vertreten. Ihnen stehen gewissenlose Mobbinganwälte gegenüber, die ihren Auftrag, Gewerkschafter und Betriebsräte hinauszumobben, systematisch betreiben. Die Gewerkschaften müssten mit viel wirksameren Instrumenten in diesen Konflikt gehen. Sie müssten ein mobiles Einsatzkommando gründen, das aus den besten Arbeitsrechtlern, den besten Öffentlichkeitsarbeitern, den besten Therapeuten besteht – die Menschen sind nach monatelangen Mobbingattacken traumatisiert. Diese gewerkschaftlichen Einsatzgruppen sollten mobil überall dort tätig werden, wo derartige gravierende Fälle auftreten. Das Positive ist, dass es ein wachsendes Interesse der Bevölkerung daran gibt, diesem gewissenlosen Arbeitnehmer- und Betriebsratsmobbing Paroli zu bieten.

Vermutlich würden die Unternehmerverbände, die Wirtschaftskammern, bei einem Großteil der Fälle, die du recherchierst, im Hinblick auf die Arbeitgeber von schwarzen Schafen sprechen. Sie würden es wahrscheinlich so darstellen, dass diese Fälle nur ein sehr kleines „faules“ Segment der Arbeitgeberseite repräsentieren, der Großteil der Akteure jedoch sehr verantwortungsbewusst sei. Wie sind dazu deine Erfahrungen?

Es gibt auch die verantwortungsvollen Persönlichkeiten auf der Unternehmensseite. Man sollte eine Positivliste erstellen, ein Gütesiegel entwickeln, eine Art TÜV. Da würde dann auch der Verbraucher sehen, welche Unternehmen sich sozialen Standards verpflichtet fühlen. Allerdings das, was ich aufdecke, sind keine Missstände, sondern sich auswachsende Zustände. Jede Woche bekomme ich mehr Zuschriften von Betroffenen.

Von Fall zu Fall versuche ich, mich einzuschalten, mit einem Anruf oder Schreiben Druck auf die Firmen zu machen.

In den gegenwärtigen Arbeits- und Lebenswelten wird Konkurrenz immer wichtiger und prägt die Menschen. Wie gehen denn die Leute auf ihrem Arbeitsplatz in diesen immer hässlicheren und unmenschlichen Arbeitsverhältnissen miteinander um? Das System hetzt sie ja gegeneinander auf, presst sie in ein immer stärker werdendes Konkurrenzsystem. Andererseits beschreibst du, dass es auch eindrucksvolle Solidaritätsmomente gibt. Das ist sehr widersprüchlich. Wie siehst du diese Situation?

Arbeitskollegen, gerade in ganz prekären Arbeitssituationen in den Fabriken, schließen sich verständlicherweise mehrheitlich meiner Kritik an. Aber es kommen auch Chefs, leitende Angestellte zu mir, vertrauen sich mir an – manche konspirativ –, geben mir Hinweise, Dokumente, Tagebücher...

Seit der Wende entwickelt sich ein neuer eiskalter und brutaler Kapitalismus. Die Gesellschaft wird in eine Ges.m.b.H. umgewandelt. Alle Dinge und Leistungen, die noch kein Produkt waren und noch keinen Preis haben, werden nun ökonomisiert und mit Profit vermarktet. Wie prägt diese Entwicklung die Arbeitswelt?

Darunter leiden alle. Alles ist von dieser Entwicklung, die du ansprichst, betroffen. Überall findet diese Kommerzialisierung statt; und dort, wo es um Leistungen für die Menschen geht, ist es am schmerzhaftesten, bei den Ärzten zum Beispiel, bei den Therapeuten, bei den Sozialarbeitern. Meiner Meinung nach muss es Bereiche in der Gesellschaft geben – im Krankenhaus und im Pflegebereich, in den Altenheimen etc. –, in denen es nicht gewinnorientiert zugehen darf. Überall dort, wo ausschließlich die Profitmaximierung im Vordergrund steht, wird's unmenschlich. Wir brauchen Entschleunigung, Entfaltungs- und Gestaltungsräume für soziale Kreativität und Wiederbelebung eines abhandengekommenen Begriffs: Solidarität, im Urchristlichen auch Nächstenliebe genannt.

Zur Person

Günter Wallraff, 68, brach das Gymnasium in Köln ab und entschied sich für eine Buchhändlerlehre. Mit 21 Jahren begann er, mehrere Arbeitsverhältnisse in Großbetrieben zu durchlaufen und anschließend in einer Gewerkschaftszeitung zu veröffentlichen. Seine „Industriereportagen“ erschienen erstmals 1966 – und von da an wurde der Enthüllungsjournalismus zu seiner großen Leidenschaft. Aufregung erzielte er durch seine verdeckte Arbeit in der „Bild“-Zeitung und – geschminkt – als türkischer Gastarbeiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)