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Favoriten: Ein Bezirk als Großbaustelle

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Favoriten wäre die viertgrößte Stadt Österreichs, wenn der Wiener Bezirk eine selbstständige Gemeinde wäre. Mit 177.000 Einwohnern ist er bevölkerungsreicher als Landeshauptstädte wie Salzburg oder Innsbruck.

Wien. Favoriten wäre die viertgrößte Stadt Österreichs – wenn der 10.Wiener Bezirk selbstständige Gemeinde wäre. Mit 177.000 Einwohnern ist Favoriten bevölkerungsreicher als Landeshauptstädte wie Salzburg oder Innsbruck. Was wäre eine derartige „Metropole“ ohne Baustellen? In Favoriten gibt es derzeit einige davon. Die größte: der Hauptbahnhof.

An der Grenze zum 4.Bezirk entsteht daneben gleich ein neues Stadtviertel. Mehr als 1000Wohnungen sind geplant, die Erste Bank wird ihre Konzernzentrale dort errichten. In diesem Sommer sollen bereits die ersten Bauwerke für die Bahnhofshalle zu sehen sein, ein Teilbetrieb soll Ende 2012 starten. Der Hauptbahnhof dürfte dann spätestens 2015 in Vollbetrieb gehen. Vier Jahre später soll dann der Stadtteil auch mit der bis dahin in den Süden verlängerten U2 sowie der ebenfalls verlängerten Straßenbahnlinie D öffentlich angebunden sein.

Erwartet wird, dass der neue Bahnhof eine Strahlkraft bis zum Reumannplatz, dem inoffiziellen „Hauptplatz“ des Bezirks, ausübt. Besonders profitieren soll die Fußgängerzone Favoritenstraße. Während der Teil zwischen Reumann- und Columbusplatz tagsüber stark frequentiert ist, wirkt der Bereich ab dem Columbusplatz bis zur Bahnhofsbaustelle tagsüber fast menschenleer. Der Mix an Geschäften ist auch im südlichen Teil der Fußgängerzone besser. Im vergangenen Jahr wurden am Erscheinungsbild der Straße kosmetische Korrekturen vorgenommen.

 

Wo wird die U1 enden?

Ob sie zur Verschönerung beigetragen haben, ist auch heute noch ein heiß diskutiertes Thema, besonders rund um den Viktor-Adler-Markt an der Fußgängerzone. Dieser ist ein beliebter Aufmarschplatz für Parteien, um bei Wahlveranstaltungen den viel zitierten „kleinen Mann“ zu treffen. Direkt unter der Favoritenstraße liegt der U1-Tunnel. Beim Reumannplatz endet seit 1978 die rote Linie. An der Verlängerung der U1 in den Süden wird bereits gebaut. Bis 2015 soll sie – so die Pläne – nach Rothneusiedl führen. Dort wollte einst Frank Stronach für die Austria ein Stadion auf die grüne Wiese stellen. Zudem sind dort Wohnungen geplant. Stronachs Engagement bei den Violetten ist längst Geschichte, die U1-Verlängerung bis Rothneusiedl möglicherweise auch: Der projektierte Ausbau dürfte sich zumindest verzögern. Das Vorhaben habe „nicht absolute Priorität“, sagte Vizebürgermeisterin Renate Brauner vor wenigen Wochen. Somit könnte die U1 dann vorerst in der Per-Albin-Hansson-Siedlung enden. Gebaut wird aber bereits im Bereich des Alten Landgutes. Seit einigen Monaten gibt es dort neue Verkehrsregelungen, die bei manchen Anrainern – genauso wie die Bauarbeiten – für Aufregung sorgen.

Auf eine bessere Verkehrserschließung muss auch das Neubaugebiet Monte Laa weiter warten. Derzeit führt die überlastete Buslinie 68A zu den Hochhäusern an der Südosttangente. Durch den Weiterbau der U1 entsteht die neue Station Troststraße. Von dort ist der Stadtteil dann zwar durch einen längeren Fußmarsch über den Alfred-Böhm-Park zu erreichen, für die meisten Bewohner ist das aber immer noch eine unzureichende Verkehrsanbindung. Besserung könnte auch die Verlängerung der Linie D bringen, die in einigen Jahren bis zur Absberggasse geführt werden soll.

 

Parkpickerl: Zwischen Ja und Nein

Die Diskussion um eine Parkraumbewirtschaftung hat mittlerweile auch den (noch) parkpickerlfreien 10.Bezirk erreicht. Die Parkplatzsituation im Großraum Reumannplatz wird durch Pendler verschärft, die dort ihr Auto abstellen und auf die U-Bahn umsteigen. Ein ähnliches Problem gibt es rund um den neuen FH-Campus Wien beim Alten Landgut. Auch dort klagen Anrainer über fehlende Parkplätze. Bezirksvorsteherin Hermine Mospointner (SP) schließt eine Parkpickerl-Bürgerbefragung nicht aus. Die Bezirks-FPÖ sieht in einer Weiterführung der U1 bis Niederösterreich die Lösung für das Parkplatzproblem: Denn dann, so Bezirksvorsteherstellvertreter Michael Mrkvicka, würden die meisten Pendler aus den dortigen Umlandgemeinden mit der U1 nach Wien fahren. Von den 177.000 Einwohnern haben rund 43.000 keine österreichische Staatsbürgerschaft. Dazu kommen einige weitere tausend Österreicher mit Migrationshintergrund. Besonders hoch ist der Ausländeranteil im Bereich der Quellenstraße, die den Bezirk von der Triester Straße bis zur Ostbahn durchquert. Zwar hat Favoriten keine Diskussion um Minarette, dennoch kämpfen lokale Initiativen vehement gegen islamische Zentren. Bei jenem in der Ettenreichgasse gehen die Wogen seit Jahren besonders hoch. Dass das multikulturelle Zusammenleben aber auch funktioniert, kann hingegen vor dem Eissalon Tichy auf dem Reumannplatz studiert werden: In den täglichen Menschenschlangen bei Wiens berühmtester Eisfamilie stellen sich Wiener, Neo-Wiener und Noch-nicht-Wiener Schulter an Schulter an – ohne Murren.

Auf einen Blick

Favoriten ist der bevölkerungsreichste Wiener Bezirk. Er liegt im Süden und besteht aus den Katastralgemeinden Favoriten, Inzersdorf-Stadt, Oberlaa, Unterlaa und Rothneusiedl. Stärkste politische Kraft ist traditionell die SPÖ. Sie erreichte bei der letzten Gemeinderatswahl 48,9%.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)