Staatsanleihen nichts für Banken?

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Gertrude Tumpel-Gugerell, österreichisches Mitglied im EZB-Direktorium, empfiehlt den Finanzinstituten, künftig keine Staatsschulden mehr zu halten. Höhepunkt der Krise sieht sie jedenfalls als überstanden an.

Wien/Red. Mit einer ungewöhnlichen Empfehlung ließ Gertrude Tumpel-Gugerell, österreichisches Mitglied im EZB-Direktorium, Dienstagabend in Wien aufhorchen: „Grundsätzlich sollen Staatsschulden nicht von Banken gehalten werden, sondern von langfristigen Investoren“, sagte sie bei einer Debatte der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien zum Thema „Blasen auf den Finanzmärkten – wie entstehen sie, wie sind sie zu verhindern“– „Die Presse“ ist Medienpartnerin.

Das US-Institut Morgen Stanley schätzte kürzlich, dass bis zu 50Prozent der griechischen Staatsanleihen von Banken gehalten werden. Exakte Zahlen sind schwer zu eruieren, weil Anleihen an den Finanzmärkten regelmäßig ihre Besitzer wechseln. Allerdings gehen Experten davon aus, dass private Finanzinstitute zumindest ein Drittel der Staatsschulden in der industrialisierten Welt halten.

Kritik an Regulierungsbehörden

Kritiker wiederum fügen hinzu, dass die staatlichen Regulierungsbehörden die Banken bewusst zum Kauf von Staatspapieren animierten. Müssen Kredite an erstklassige Firmen mit bis zu acht Prozent an Eigenkapital abgesichert werden, ist für Anleihen an potenzielle Pleitestaaten kein Geld auf die Seite zu legen – weshalb viele Banken in der jüngeren Vergangenheit vermehrt Staatsanleihen kauften.

Würde es nun zu einem teilweisen Forderungsverzicht kommen – ein „Haircut“ steht vor allem bei griechischen Staatsanleihen seit Wochen im Raum –, verlören die Banken eine Menge Geld, was wiederum die Rettung durch den Staat notwendig machen könnte. Den größten Teil griechischer Staatsschulden halten pikanterweise griechische Banken. Eine Rettung durch jenen Staat, der für die Probleme der Institute verantwortlich ist, ist freilich ausgeschlossen. Höchstwahrscheinlich müsste die EU einspringen und ein größeres Rettungspaket schnüren.

Wie hoch der Forderungsverzicht bei griechischen Staatsanleihen ausfallen wird, ist derzeit hinter den Kulissen Gegenstand heftiger Diskussionen. Auch wenn die griechische Regierung das nach wie vor bestreitet, gilt ein „Haircut“ unter Finanzexperten als beschlossene Sache, bloß der exakte Zeitpunkt ist ungewiss.

„Banken sind transparenter“

Dass Tumpel-Gugerell mit ihrer Empfehlung, keine Staatsanleihen zu halten, bei den Banken Gehör finden wird, ist nicht zuletzt wegen der regulativen Rahmenbedingungen zu bezweifeln. Davon profitieren nämlich hoch verschuldete Staaten. Sie würden derzeit nur sehr schwer zu frischem Geld kommen, würden nicht vor allem Banken ihre Anleihen kaufen.

Den Höhepunkt der Krise sieht die Notenbankerin jedenfalls als überstanden an. Neue Kapitalvorschriften würden weiters die Wahrscheinlichkeit einer neuerlichen Krise reduzieren. „Die Banken sind heute transparenter als früher“, meint Tumpel-Gugerell.

Tatsächlich müssen die Institute ihre Kernkapitalquote im Zuge von „Basel III“ von vier auf sechs Prozent anheben. Das sei zu wenig, entgegnen Kritiker. Lehman Brothers hatte zum Zeitpunkt der Insolvenz eine Eigenkapitalquote von elf Prozent. „Das kann man so nicht vergleichen“, sagt Tumpel-Gugerell.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)

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