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Der letzte Kämpfer des ersten Weltkriegs ist gegangen

(c) EPA (ROYAL AUSTRALIAN NAVY)
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Der letzte bekannte Veteran der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts ist tot: Der Engländer Claude Choules starb im Alter von 110 Jahren in Perth, Westaustralien. Zuletzt waren seine Augen schon fast erblindet.

Zuletzt waren seine Augen schon fast erblindet. Sie hatten auch so viel gesehen: Die metallisch glänzenden Geschützrohre der Schlachtschiffe vor der blau spiegelnden See. Die endlosen, sandigen, heißen Weiten der Küste, auf der plötzlich Treibminen wie riesige Tangblasen lagen. Die Zeitungen, auf denen in großen Lettern zuerst War!, Jahre später Victory! gedruckt war. Die Orden, die man ihm verlieh und die auf seiner Brust klapperten.

Vielleicht wird man ihm diese in den Sarg legen, vielleicht werden sie Teil des Familienschatzes, denn nun sind seine Augen zu: Im Alter von 110 Jahren ist am Donnerstag Claude Stanley Choules, gebürtiger Engländer, in einem Altersheim in Perth (Westaustralien) gestorben. Er war der letzte überlebende Kämpfer des Ersten Weltkriegs, seine Kriegsgeneration ist somit endgültig verschwunden.

In der „Mutter aller Kriege“, in die 1914–18 fast alle Nationen mehr oder weniger direkt verwickelt waren, fochten über 68 Millionen Soldaten, Seeleute, Piloten und andere, von den nassen Ebenen Flanderns über die irakische Wüste bis zu den schwülen Steppen Ostafrikas. Und auf allen Meeren. Die waren auch die Bühne, auf der Choules nicht nur einen, sondern zwei Weltkriege erlebte, denn er diente erst in der britischen, dann in der australischen Flotte. Er war auch der letzte Kriegsmatrose des Ersten Weltkriegs und der älteste Bewohner Australiens. Auf die Frage, wie er so alt geworden sein, hatte er 2007 – damals sah man ihn noch beim Tanz – geantwortet: „Don't die!“

 

In die Navy eingeschmuggelt

Choules kam am 3. März 1901 in Pershore in den Midlands zur Welt und schmuggelte sich 1915 als erst 14-Jähriger in die Royal Navy ein, indem er über sein Alter log. 1917 wurde er Matrose auf dem mächtigen Schlachtschiff HMS „Revenge“ und sah von dort aus, wie sich die deutsche Flotte Ende 1918 ergab. 1926 ging er als Ausbilder nach Australien – und blieb.

In der Royal Australian Navy war er Sprengmeister und Torpedo-Offizier. Im Zweiten Weltkrieg, als im Norden die Japaner dräuten, fuhr er auf der Korvette HMAS „Fremantle“ Patrouille vor Westaustralien, bereitete Häfen für die Sprengung vor und entschärfte deutsche Seeminen, die, von U-Booten gelegt, an die Küste Westaustraliens getrieben waren. Später war er Marinepolizist und ging 1956 in Pension – die hat sich für ihn offensichtlich ausgezahlt.

Auch seine Frau Ethel wurde sehr alt, sie starb 2006 mit 98 Jahren. Ihre drei Kinder sind schon über 70, dazu kamen elf Enkel und 22 Urenkel. In seinen letzten Jahren wurde Choules sehr bekannt; er publizierte 2009 die Autobiografie „The Last of the Last“ und trat in mehreren TV-Dokus auf.

 

Fast zehn Millionen Gefallene

Mehr als 9,7 Mio. Soldaten starben im Ersten Weltkrieg, im vergangenen Jahrzehnt folgten ihnen die letzten Kämpfer. Erst am 11. Februar starb der US-Amerikaner Frank Buckles (*1901 in Missouri), er war 1917/18 Fahrer. Der Kanadier John Babcock (*1900 in Ontario) starb im Februar 2010; er war Pionier, kam aber nicht mehr an die Front.

Der Italiener Delfino Borroni (*1898 in der Lombardei) kämpfte als Bersagliere gegen Österreich und starb 2008. In dem Jahr starben auch seine Zeitgenossen aus Frankreich (der Kanonier Pierre Picault), der Türkei (der Infanterist Yakup Satar), Russland (Infanterist Mikhail Krichevsky, eigentlich ein Ukrainer) und Deutschland (Erich Kästner, Pferdepfleger an der Westfront). Seit 2000 starben die letzten Veteranen, unter anderem aus Belgien, Rumänien, Serbien, Portugal, Neuseeland, Südafrika.

Der letzte lebende k.u.k.-Soldat war Franz Künstler, der im Mai 2008 mit 107 Jahren in Deutschland starb; er war 1900 als Ungarndeutscher im heutigen Rumänien geboren worden und war 1918 Artillerist an der Italien-Front.

 

Am Ende bleibt – eine Frau

Zwar nicht der letzte Kämpfer, aber die letzte lebende Militärperson des Ersten Weltkriegs ist eine Frau: Florence Green (*1901 in London). Sie kam 1918 in die Air Force, doch als Bedienstete in einer Offiziersmesse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2011)