Branchenführer kündigt einen Quantensprung an und will 3-D-Chips in Massenfertigung produzieren. Mit höherer Leistung bei weniger Stromverbrauch sollen sie Intel zum Sprung auf den Smartphone-Markt verhelfen.
Santa clara/Wien. Vor 46 Jahren gab Gordon Moore, einer der Gründer des kalifornischen Halbleiter-Giganten Intel, seiner eigenen Firma eine steile Vorlage: Alle zwei Jahre solle künftig die Leistung der Computer verdoppelt werden. Der Visionär sollte recht behalten. Seine Faustregel ging als Moores Gesetz in die Geschichtsbücher ein und wurde zum Grundstein für die digitale Revolution der vergangenen Jahrzehnte.
Doch zuletzt stieß die Branche zusehends an ihre Grenzen: Auf den daumennagelgroßen Halbleitern fanden kaum noch mehr leistungssteigernde Transistoren Platz. Höchstens 15 Jahre bleibe seine Regel noch gültig, warnte Moore selbst erst vor vier Jahren. Um das Gesetz des Firmengründers am Leben zu halten, musste eine grundlegende technologische Revolution her. Genau die will Intel nun geschafft haben.
Die Wolkenkratzer unter den Chips
Nach fast zehn Jahren Entwicklungszeit verkündete Intel-Chef Paul Otellini am Mittwochabend in San Francisco stolz den jüngsten Wurf des Branchenführers: den Ivy-Bridge-Prozessor. Der Firmenchef feierte den neuen Chip als größte Entwicklung der Branche seit einem halben Jahrhundert.
Nicht nur, weil die Forscher es geschafft haben, die Transistoren von 32 Nanometern auf 22 Nanometer zu schrumpfen (ein Nanometer entspricht übrigens einem Millionstel Millimeter). Ivy Bridge ist auch der erste Halbleiter, der auf den sogenannten 3-D-Tri-Gate-Transistoren aufbaut. Statt wie bisher nur flache Transistoren zum Einsatz zu bringen, fertigten die Ingenieure die Chipbestandteile erstmals dreidimensional. Digitale Signale können somit auch vertikal versendet werden. Damit kann die Leistung eines Computerchips erstmals nicht nur durch immer kleinere Chipbauteile gesteigert werden. Vergleichbar mit Wolkenkratzern, die auf gleicher Fläche mehr Menschen unterbringen, bringen die neuen 3-D-Chips auch mehr Leistung auf gleicher Fläche.
Nicht nur Intel, alle Branchenrivalen arbeiten seit Jahren an diesem oder einem ähnlichen Quantensprung. Die technische Lösung allein ist wohl nicht nur Intel geglückt. Die eigentliche Leistung des amerikanischen Konzerns besteht darin, als Erster die neuen 3-D-Chips billig in die Massenfertigung schicken zu können. Noch heuer soll der Ivy-Bridge-Prozessor auf das Fließband kommen. Spätestens 2012 werden Computer mit ihm zu kaufen sein. Ihnen verspricht der neue Halbleiter 37 Prozent mehr Leistung. Analysten sehen Intels Chip als Wegbereiter für eine neue Computergeneration. Damit dürfte sich Intel seinen Vorsprung auf den Verfolger AMD vorerst gesichert haben. AMD bringt erst in diesem Quartal seinen ersten 32-Nanometer-Chip heraus.
Für Intel bedeutet der Schritt aber noch deutlich mehr: Denn der neue Chip spart auch Strom. Bei gleicher Leistung wie sein Vorgänger braucht er nicht einmal die Hälfte an Energie.
Intels Türöffner in Smartphone-Markt
Damit könnte Intel endlich auf dem Markt für Smartphones und Tablet-Computer einen Fuß auf den Boden bekommen. Derzeit laufen zwar acht von zehn Computern mit Intel-Chips, aber kein einziges der fünf Mrd. Handys. Dort dominiert der britische Chipdesigner ARM. Seine Mikroprozessoren stecken in 95 Prozent aller Smartphones weltweit. Die Dominanz von ARM geht so weit, dass sich Microsoft vor wenigen Monaten gezwungen sah, die langjährige Exklusivpartnerschaft mit Intel zu „sprengen“, um mit ARM-Chips auf dem Handymarkt konkurrenzfähig zu werden. Nun sieht alles anders aus. Intels Ankündigung wurde an der Börse gefeiert (siehe Grafik).Die Aktie stieg noch am Mittwoch um über ein Prozent. Die Papiere von ARM brachen zwischenzeitlich um 7,3 Prozent ein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2011)