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Neues Behandlungsprinzip bei Multipler Sklerose

Symbolbild
Neues Behandlungsprinzip bei Multipler Sklerose(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - Bilderbox.com)
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Die EMA hat ein neues MS-Mittel zugelassen. Die Immunzellen werden durch die Einnahme von Tabletten in den Lymphknoten "geparkt". Auf diese Weise gelangen sie nicht ins Gehirn, wo sie Entzündungen auslösen.

Nunmehr auch von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zur Behandlung der schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose zugelassen: Fingolimod (Gilenya/Novartis). Dieses oral einzunehmende MS-Mittel bremst die chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, indem es die schädlichen T-Lymphozyten in den Lymphknoten "garagiert". Damit können sie nicht ins Gehirn einwandern und dort Entzündungen auslösen, hieß es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien.

Das Arzneimittel, das einmal täglich als Tablette in einer Dosierung von 0,5 Milligramm eingenommen wird, ist laut dem Innsbrucker Spezialisten Thomas Berger, für folgende Betroffene vorgesehen: "Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit Beta-Interferon oder Glatirmeracetat sowie Patienten ohne vorhergehende Behandlung mit rasch fortschreitender schubförmig-remittierender Multipler Sklerose. Das wären beispielsweise zwei Krankheitsschübe innerhalb eines Jahres."

Stillstand als Ziel

Die MS - in Österreich leiden daran rund 8000 Personen - entwickelt sich zumeist schubförmig. Mit jeder Akutphase können sich aber einmal aufgetretene Behinderungen summieren. Daher kommt es darauf an, den Verlauf der Erkrankung möglichst zu bremsen. Der St. Pöltener Neurologe Ulf Baumhackl: "Die Vision ist, dass die MS immer frühzeitiger behandelt wird und dass neue Therapien die Krankheit zum Stillstand bringen können."

Während akute Schübe seit Jahrzehnten mit Cortison behandelt werden können, gibt es erst seit 1993 Beta-Interferon zur regelmäßigen Injektion, um solche Akutphasen überhaupt zu verhindern. Später kam die Substanz Glatirameracetat (Injektion) hinzu. Karl Vass von der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien am AKH: "Das reduziert die Schubrate um 20 bis 30 Prozent. 20 bis 30 Prozent der Patienten verschlechtern sich auch weniger."

Für Organtransplantationen vorgesehen

Für Kranke, bei denen diese Therapien nicht oder nicht ausreichend wirken, gibt es seit 2006 auch den monoklonalen Antikörper Natalizumab. Das Medikament hemmt aktivierte Lymphozyten am Überschreiten der Blut-Hirn-Schranke - im Gehirn können sie dann die gefährlichen Entzündungsherde mit Schädigung der Isolierschichten der Nervenzellen (Myelin-Scheiden) hervorrufen. In seltenen Fällen hat das Arzneimittel auch schwere Nebenwirkungen.

Jetzt kommt mit dem neuen Wirkstoff in Tablettenform eine neue, alternative Strategie gegen "die Krankheit der 1000 Gesichter mit 1000 Therapieversuchen" (Vass). Der Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Graz, Franz Fazekas: "Fingolimod fängt aktiv die aktivierten Lymphozyten in den Lymphknoten." Das erfolgt durch die Besetzung eines Rezeptors, welcher ein Signal für das Auswandern der Immunzellen ins Blut setzt. Das Medikament war ehemals als potenzielles Mittel zur Verhinderung der Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen in Entwicklung - bis man auf die Anwendung bei der MS stieß.

Schubrate um bis zu 60 Prozent geringer

Laut groß angelegten Studien dürfte das neue Medikament sogar etwas wirksamer als die bisher bekannten sein. Berger: "Die jährliche Schubrate verringerte sich (im Vergleich zu Placebo, Anm.) um 50 bis 60 Prozent." Progressionsfrei, was dauernde Behinderung betraf, blieben unter Placebo innerhalb von zwei Jahren 75,9 Prozent der Probanden, unter den wirklich Behandelten hingegen um die 82 Prozent. Nebenwirkungen können vor allem bei der ersten Einnahme eine herabgesetzte Pulsfrequenz und später eventuell vermehrte Infektionen der oberen Atemwege bzw. Herpes-Infektionen sein.

(APA)