Burgtheaterdirektor Hartmann freut sich über Mehreinnahmen und erklärte neuerlich die „Lulu“-Verschiebung.
„Kommune" heißt die erste Premiere der kommenden Saison im Akademietheater. Es handelt sich aber nicht um die Mühl-Kommune, sondern um ein Stück von Thomas Vinterberg („Das Fest"), der eine Zeitlang in einer Kommune verbracht hat.
Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann präsentierte Freitag auf dem Lusterboden des Haupthauses sein Programm für die kommende Saison: Er selbst wird Kleists „Zerbrochnen Krug" (mit Michael Maertens als Dorfrichter) und „Troja" (nach Homer) inszenieren sowie sein Work in Progress „Krieg und Frieden" von Tolstoi weiter führen. Alvis Hermanis bringt Schnitzlers „Das weite Land" (mit Klaus Maria Brandauer als Hofreiter und Dörte Lyssewski als Genia) heraus, David Bösch Shakespeares „Romeo und Julia", Dieter Giesing „Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams (alle Haupthaus).
Elfriede Jelinek ist mit zwei Produktionen präsent: mit der Uraufführung von „Der ideale Mann" über heimische Finanz-und Polit-Skandale (Regie: Barbara Frey) sowie mit der Österreichischen Erstaufführung von „Winterreise" (Regie: Stefan Bachmann), beide im Akademietheater. Insgesamt gibt es nächste Saison elf Ur-und Erstaufführungen in der Burg. Ab Oktober ist „Immer noch Sturm" von Peter Handke (Premiere bei den Salzburger Festspielen) zu sehen. Ein wichtiger Autor künftig wird der Schotte David Greig sein; von ihm ist derzeit „Eine Sommernacht" (Vestibül, 23./25. 5.) zu sehen und ab April 2012 „Der Papst am Strand", eine Uraufführung.
Jan Bosse, der „Lulu" mit Minichmayr inszenieren sollte, was nicht zustande kam, zeigt „Robinson Crusoe" nach Defoe. Die Kosten für die abgesagte „Lulu" waren Hartmann nicht zu entlocken. Offenbar einigte man sich so, dass Minichmayr „Lulu" spielen wird, aber mit einem anderen Regisseur: „Wir suchen einen neuen Termin." Mehreinnahmen von 500.000 Euro (Gesamtauslastung: 88 Prozent) erleichtern die Umdisposition, so Hartmann: „Ich bin nicht als Schönwetter-Kapitän angetreten, ich stehe dafür ein, dass das Schiff auch durch Stürme segelt." Die medial kolportierte schlechte Stimmung im Ensemble dementierte Hartmann: „Es gibt immer unterschiedliche Stimmungen im Theater." Dass Schauspieler woanders als am Burgtheater spielen, sei normal, auch er wolle gelegentlich woanders inszenieren.
Die Beseitigung vermeintlicher bzw. tatsächlicher Missverständnisse rund um die Burg stellte Hartmann an den Beginn seiner Pressekonferenz. Dazu kamen auch die meisten Fragen. Auch auf eifriges Nachbohren der Journalisten wollte der Burgchef nichts Näheres zu den Konflikten zwischen „Lulu" Birgit Minichmayr und „Lulu"-Regisseur Jan Bosse preisgeben, das sei so vereinbart worden. Minichmayr habe sich aber Bosse-Inszenierungen angeschaut, bevor die „Lulu"-Proben begannen. Es habe auch Gespräche mit Minichmayr und Bosse gegeben, als klar wurde, dass die beiden sich nicht einigen werden. Sex-Szenen seien nicht die Ursache für die Kontroversen gewesen, betonte Hartmann. Fazit: „Lulu findet im Moment nicht statt. Das Bühnenbild wird nicht weg geworfen. Wir haben weiterhin vor, das Stück zu zeigen. Birgit Minichmayr bewirbt sich, diese Rolle zu spielen", mit einem anderen Regisseur, zu einer anderen Zeit. Die vorläufige Absage „tut mir natürlich leid. Aber wir haben mit komplexem Personal zu tun. Die Aufführung ist in einem Freeze-Zustand, in einem Wartezustand. Es wäre fahrlässig gewesen, den Regisseur oder die Hauptdarstellerin auszutauschen. Wir haben von einer Woche zur anderen gezittert und gehofft." Das komme vor im Theater - und, so Hartmann, es werde wieder vorkommen.
Seinen Spielplan hat er bereits Donnerstag dem Ensemble präsentiert, dabei habe er durchaus nicht die medial kolportierte schlechte Stimmung bei den Künstlern feststellen können: „Wir führen konstruktive Gespräche miteinander". Besonders gut sei die Stimmung bei „Was Ihr wollt", „Der Parasit", aber auch bei Botho Strauß (alles Hartmann-Inszenierungen). Die Gerüchte um die Burg (die es immer gab) verglich der Burgchef mit Mundgeruch, wenn es ständig heiße, einer habe Mundgeruch, dann wollen schließlich alle wissen, ob das auch stimme.
Was ihn bei den Vergleichen zwischen der Burg und dem ab Herbst von seinem ehemaligen Konkurrenten um die Burg, Martin Kusej, geführten Münchner Residenztheater verwundere, ist, dass der Versuch der „Süddeutschen Zeitung" das „Resi" mit der Burg auf Augenhöhe zu bringen, widerspruchslos hingenommen werde. Neuerlich bekräftigte Hartmann, dass es keine Abgänge namhafter Künstler auf Dauer gebe.
„Macht Burg Los" heißt das Motto für die neue Burg-Saison, man könne es auf verschiedene Weise lesen. Zum Programm wird ein Folder gereicht, der den Spieltrieb der Besucher animieren soll: man kann Samen im öffentlichen Raum verstreuen, einen Backstage-Pass gewinnen oder eine Frittatensuppe in der Burg-Kantine. Einiges am Spielplan ist ungewöhnlich: Bevor man die viel gespielte Liebestragödie „Romeo und Julia" ansetzte, mit dem jungen Shooting Star David Bösch als Regisseur, wurden die Abonnenten befragt, die sich begeistert für das Stück aussprachen. Einige mahnten allerdings eine klassische Inszenierung ein, was, wie Hartmann betonte, leider nicht möglich sei. Bösch („Stallerhof") wird außerdem kommende Saison im Akademietheater Nestroys „Talisman" heraus bringen. Während Jelinek und Handke längst etablierte Autoren sind, ist Oliver Kluck ein neuer Name. Er war Teilnehmer an den Werkstatttagen (für junge Autoren) 2010: Anna Bergmann wird im Dezember im Kasino Klucks „Froschfotzenlederfabrik" herausbringen: Es geht um eine Fabrik, die auf Bekleidung für Neonazis spezialisiert ist.
Seinen externen Partnern bleibt Hartmann treu, auch wenn sie nicht immer erfolgreich sind: Jan Lauwers („Die Kunst der Unterhaltung") bringt „Caligula" nach Camus heraus, auch das Nature Theatre of Oklahoma bereitet eine neue Produktion vor. Weitere Novitäten wurden Martin Wuttke und René Pollesch anvertraut: Ersterer inszeniert „Der Würgeengel" nach Luis Bunuel, letzterer bringt eine Eigenkreation zur Uraufführung („Die Liebe zum Nochniedagewesenen"). Erfolgsautor Roland Schimmelpfennig („Der Goldene Drache") interpretiert nach „Peggy Pickit" ein weiteres seiner eigenen Stücke: „Das fliegende Kind" (Uraufführung). Besonders beliebt ist die Burg für Kinder und Jugendliche. Annette Raffalt inszeniert kommende Saison „Peter Pan". (Burgspielplan als Folder sowie auf der Homepage).