Rudolf Buchbinder: Besuch bei dem Pianisten und Dirigenten während der Vorbereitungen des Beethoven-Marathons mit den Philharmonikern am 7. und 8.Mai.
„Schauen Sie her,“ ruft Rudolf Buchbinder und schlägt eine Seite in der Faksimile-Ausgabe von Beethovens Viertem Klavierkonzert auf: „Anfang des zweiten Satzes spielt das Orchester dreimal eine Phrase, das Klavier antwortet jedes Mal. Beethoven notiert den letzten Ton der Orchesterphrase immer anders. Es wird ganz eindeutig erkennbar: Er möchte, dass der Schlusston jedes Mal länger klingt. Und was bieten uns die verschiedenen Druckausgaben? Die Herausgeber gleichen die drei Schlusstöne einander an. Als ob Beethoven sich geirrt hätte!“
Rudolf Buchbinder sitzt in seiner Bibliothek, auf seinem Tisch liegen die Orchesterstimmen der Beethoven-Klavierkonzerte, die er dieses Wochenende in Personalunion als Dirigent und Pianist mit den Philharmonikern im Wiener Musikverein musiziert. „Ich arbeite nur noch mit eigenen Orchesterstimmen,“ sagt er, „Weil das Notenmaterial logischerweise voller Fehler ist, vor allem voll von Fehlern, die Herausgeber mutwillig verursachen. Sie nehmen sich heraus, einen Meister wie Beethoven zu korrigieren, sind also sozusagen Herausnehmer.“
Eine Lieblingsstelle Buchbinders ist diesbezüglich eine Passage im Es-Dur-Konzert: „Da schreibt Beethoven bei der Reprise ligato, schwankend. Eine einzigartige und für den musikalischen Ausdruck ungeheuer wichtige Anweisung! Man sollte es nicht glauben, aber so gut wie sämtliche Drucke unterdrücken diese Angabe und suggerieren damit, dass man die Stelle genauso spielen soll wie beim ersten Mal. Genau das will Beethoven ja offenbar nicht!“
„Eine ebenso große Sünde“, setzt Buchbinder fort, „sind die sogenannten Urtextausgaben, die in der Regel alles andere als einen Urtext enthalten, sondern voll sind von Zusatzanweisungen und Anmerkungen der Herausgeber. Die prägen – wie übrigens auch die völlig unnötigen Fingersätze – das Notenbild, und die Spieler. Ein junger Pianist, der aus solchen Ausgaben lernt, denkt, er liest, was Haydn, Schumann oder Liszt geschrieben haben – und liest in Wahrheit die Ansichten der Editonsleiter.“
Sündenfälle der Musikverleger
Deshalb greift Buchbinder seit Jahren, wo er nur kann, auf die Manuskripte der Komponisten selbst zurück und sammelt akribisch Faksimiledrucke. „Je strenger und genauer ich dabei vorgehe, desto mehr lerne ich über die Freiheit des Musizierens. Das ist nur scheinbar paradox. Wer liest, was die Komponisten wirklich geschrieben haben, erhält tatsächlich so etwas wie einen Wegweiser zu einem freieren Spiel. Die Komponisten selbst fordern diese Freiheit von ihren Interpreten ein, indem sie viel differenziertere Angaben setzen, als der gleichmäßige Notendruck wiedergeben kann.“
„Zum Beispiel sagt es viel, dass Beethoven gern a tempo vorschreibt, nachdem eine Passage espressivo vorzutragen war. Das heißt für uns ja nichts anderes, als dass für ihm klar war, dass ausdrucksvolles Spiel automatisch Tempoveränderungen fordert.“ In diesem Zusammenhang erinnert sich Buchbinder gern daran, dass Deutschlands Musikkritikerpapst Joachim Kaiser ihm vor Jahren einmal geraten hat, er möge doch freier spielen. „Heute weiß ich, was er gemeint hat. Genau genommen, zwingen uns die Komponisten, je genauer sie notieren, zu immer freierem Spiel.“
Freiheit für den Interpreten!
Dieses richtig verstandene „Rubato“ führt dann zum „oft zitierten, aber viel weniger oft erreichten musikalischen Atem. Genau um diesen Atem“, sagt Buchbinder, „ist es mir gegangen, als ich jetzt nach dreißig Jahren noch einmal die Beethoven-Sonaten für CD aufgenommen habe.“ Die Box, die demnächst in den Handel kommt, entstand in Dresden – „und zwar live. Das war mir wichtig. Wer im Studio aufnimmt, arbeitet weitaus kontrollierter als auf dem Podium, ist nicht nervös, konzentriert sich jedoch auf ganz andere Dinge als in der Konzertsituation. Und es sind, das weiß ich heute, die falschen Dinge! Die kleinen Fehler, die bei einem Livekonzert zwangsläufig passieren, nehme ich gern in Kauf. Selbst wenn die CD nur einen kleinen Prozentsatz der Stimmung im Saal via Lautsprecher in die Wohnzimmer transportieren kann, ist das für mich schon ein Gewinn.“ Sollten die Poptöne vom Karlsplatz die Aufnahmen nicht stören, werden auch die philharmonischen Beethoven-Konzerte mitgeschnitten – auf DVD.
Rudolf Buchbinder und die Wiener Philharmoniker spielen Beethoven: Musikverein 7.Mai (19.30Uhr, Konzerte 2–4), 8.Mai (11 Uhr, Konzerte 1 & 5))
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2011)